Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty in der Neuen Nationalgalerie

Andy Warhol - Velvet Rage and Beaty - Neue Nationalgalerie

Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty in der Neuen Nationalgalerie

 

Von Holger Jacobs

11.06.2024

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

for english text click here

Die Ausstellung zeigt die homosexuelle Seite des berühmten Künstlers

Die meisten kennen ANDY WARHOL als wichtigen Vertreter des Pop Art mit seinen Bildern von unzähligen Campbell Suppendosen, aufgestapelten Brillo-Verpackungen und den zahlreichen Portraits berühmter Persönlichkeiten der Zeitgeschichte.

„Mick Jagger“, 1975, Andy Warhol © The Andy Warhol Foundation

Der Direktor der Neuen Nationalgalerie und Kurator der Show, KLAUS BIESENBACH, wollte dieses Mal die schwule Seite von ANDY WARHOL zeigen, die meistens verheimlicht wird.

Director Klaus Biesenbach with journalists, ph: Holger Jacobs

Warum kennt kaum jemand die homosexuellen Bilder von Andy Warhol?
Der Grund liegt sicher darin, dass ANDY WARHOL seine expliziten, ja pornografischen Bilder selber zurückgehalten hat. Denn die Gesellschaft in den 50er Jahren, in denen ANDY WARHOL seine Anfänge hatte, war noch sehr konservativ und von der christlichen Religion geprägt, in der Homosexualität nicht akzeptierte wurde (ebenso wie in der islamischen Welt).

Sodomie Gesetzte in den USA

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war die Wahrnehmung von Homosexualität von der biblischen Tradition (Sodomieverbot, 3. Buch Mose) geprägt, die gleichgeschlechtliche Beziehungen mit den Ausschweifungen von Sodom und Gomorra in Verbindung brachte.
Als die weißen Einwanderer aus Nordeuropa sich in Neuengland, den späteren USA, niederließen, brachten sie ihre christliche, meist protestantische Religion mit, die sehr puritanisch ausgelegt war.
Homosexuelle Handlungen wurden als „Sodomie“ bezeichnet. Damit meinte man jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente. Darauf stand die Todesstrafe. Dies galt auch für lesbische Frauen.
Selbst in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776 wurde die Sodomie-Regelung aus der Kolonialzeit beibehalten. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde in den einzelnen US-Bundesstaaten diese Regelung aufgeweicht und durch Gefängnisstrafen ersetzt.

„The Declaration of Independence 1776“-CC-John Trumbull

Wie in vielen Dingen wurde die Stadt NEW YORK auch in der Schwulenbewegung ein Vorreiter.
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich in einigen Stadtteilen, wie in der Bowery, Greenwich Village und dem Time Square, Treffpunkte für Homosexuelle. Auch in den Hafengegenden gab es Möglichkeiten Gleichgesinnte zu treffen. Und in Harlem gab es die ersten Partys mit Drag-Queens.
In dieser Zeit begann die Idee, sich in öffentlichen Toiletten zu treffen (noch 1998 wurde der Pop-Sänger George Michael wegen „unsittlicher Handlungen“ auf einer öffentlichen Toilette in Los Angeles zu 810.- US-Dollar und 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt).

Georges Michael, 1988 – CC – University of Houston

Nach dem 2. Weltkrieg entstand ebenfalls in NEW YORK unter Künstlern und Intellektuellen eine große homosexuelle, bzw. nonkonformistische Szene, zu denen u.a. die Schriftsteller TRUMAN CAPOTE und TENNESSE WILLIAMS, die Künstler JASPER JOHNS und ROBERT RAUSCHENBERG, der Tänzer RUDOLF NUREJEW und die Komponisten LEONARD BERNSTEIN, JOHN CAGE und COLE PORTER gehörten.

Truman Capote 1959 – CC – John Higgins

Diese Intellektuellen-Szene blieb im BIG APPLE aber unter sich und Homosexualität wurde nach wie vor nur im Verborgenen praktiziert.
Denn gleichzeitig hatte sich in den 50er Jahren in der amerikanischen Gesellschaft eine stark konservative Gedankenwelt etabliert, deren Augenmerk sich in erster Linie auf die klassischen Interessen und Werte wie Jobsuche, Heiraten und Kinderkriegen konzentrierte.
Außerdem waren die 50er Jahre geprägt von der MCCARTHY-Ära, die jeden der „Subversion“ verdächtigte, der in irgendeiner Weise aus dem konservativen Rahmen herausfiel. Kommunisten natürlich in erster Linie, aber auch Schwule und Lesben.
US-Präsident DWIGHT D. EISENHOWER unterschrieb 1953 eine Doktrin, die besagte, dass die Regierung keine Homosexuellen beschäftigen dürfe. Eine wahre Hexenjagd begann, bei der sogar die Presse von „pervert peril“ (perverse Gefahr) schrieb und Homosexuelle reihenweise aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden. Selbst das FBI infiltrierte und überwachte homosexuelle Organisationen.

Der schwule Andy Warhol

Genau in diese Zeit der 50er Jahre begann ANDY WARHOL seine ersten beruflichen Schritte und hatte dabei schnell Erfolg. Seine sexuellen Neigungen durfte natürlich auf keinen Fall bemerkt werden. Dabei gibt es schon sehr frühe eindeutig homosexuelle Zeichnungen von ihm.

„Umtitle“, 1957, Andy Warhol © © The Andy Warhol Foundation

Als ANDY WAYRHOL in den 60er Jahren der Durchbruch gelang, waren deshalb von ihm nur seine Bilder von Marilyn Monroe, Elvis Presley, Elisabeth Taylor, Mao, Debbie Harry und anderen Berühmtheiten zu sehen, so wie die nicht minder berühmten Bilder von Massenartikeln aus Warenhäusern.

Erst Mitte der 70er Jahre begann er ganz bewusst den männlichen Körper, den  er ja selbst begehrte, in den Fokus seiner Kunst zu nehmen. Daraus resultierte die Serie „TORSOS“ (in seinen Tagebüchern auch „Landscapes“ genannt), für die er mehr als 1600 Polaroids (Sofortbild) von mehr oder weniger unbekleideten Männern (u.a. auch von Jean-Michel Basquiat) anfertigte und daraus 85 Gemälde schuf.
Als er die Arbeiten seinem Galeristen LEO CASTELLI vorführte, wollte dieser sie nicht ausstellen, weil er wohl befürchtete, dass selbst noch in den 1970er Jahren seine reichen (aber konservativen) Sammler von den Bildern  angewidert sein könnten.

Poster exhibition „Torsos“, 1977, Paris Grand Palais

So bot ANDY WAHOL seine homoerotischen Gemälde in Europa an und hatte dort mehr Erfolg. Eine große Ausstellung gab es 1977 im Grand Palais in Paris und mehrere kleinere in Venedig und 1979 in Düsseldorf (wo er auch Joseph Beuys kennenlernte). Doch danach wurden diese Bilder fast nie mehr gezeigt.
Bis heute.

Die Ausstellung

Kurator KLAUS BIESENBACH hat gute Arbeit geleistet.
Mehr als 300 Werke sind aus der ganzen Welt zusammengetragen worden. Sie sind an großen Stellwänden, die extra für die Ausstellung in diesem riesigen oberen Raum der Neuen Nationalgalerie installiert worden, aufgehängt.
Beeindruckend und fast schon überwältigend.
Für heterosexuelle Männer wird es dann  aber nach einer Weile doch etwas zu viel mit männlichen Hintern und Schwänzen.

Exhibition space „Andy Warhol“, Neue Nationalgalerie, ph: Holger Jacobs

Fazit: Für Freunde des männlichen Körpers und Fans von ANDY Warhol.

Wer mehr von ANDY WARHOLS Werken sehen möchte sollte die Ausstellung „Andy Warhol. After the Party“ (kultur24 berichtete) im Museum Fotografiska in Berlin besuchen (bis 15. Sept. 2024).

 „Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty“
9. Juni – 6. Oktober 2024
Neue Nationalgalerie
Potsdamer Strasse 50
10785 Berlin
Mo – So 10 – 18 Uhr, Do – 20 Uhr

Bilderserie mit 15 Fotos der Ausstellung:

„Torso“ (male buttocks), 1977 © The Andy Warhol Foundation for visual arts

 

English text

 

Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty in the Neue Nationalgalerie

 

By Holger Jacobs


June 11, 2024

Rating: 🙂 🙂 🙂 (three of five)

The exhibition shows the homosexual side of the famous artist

Most people know ANDY WARHOL as an important representative of Pop Art with his pictures of countless Campbell soup cans, stacked Brillo packaging and the numerous portraits of famous personalities of our time.

„Mick Jagger“, 1975, Andy Warhol © The Andy Warhol Foundation

The director of the Neue Nationalgalerie and curator of the show, KLAUS BIESENBACH, wanted to present the gay side of ANDY WARHOL, which is usually kept secret.

Director Klaus Biesenbach with journalists, ph: Holger Jacobs

Why does hardly anyone know Andy Warhol’s homosexual pictures?
The reason is certainly that ANDY WARHOL himself held back his explicit, even pornographic pictures.
Because society in the 1950s, when ANDY WARHOL had his beginnings, was still very conservative and shaped by the Christian religion, in which homosexuality was not accepted (as in the Islamic world).

Sodomy laws in the US

Until the end of the 20th century, the perception of homosexuality was shaped by the biblical tradition (prohibition of sodomy, 3rd Book of Moses), which linked same-sex relationships with the debauchery of Sodom and Gomorrah.
When white immigrants from northern Europe settled in New England (later the USA) they brought with them their Christian, mostly Protestant religion, which was interpreted in a very puritanical way.

Homosexual acts were referred to as „sodomy“. This meant any sexual act that did not serve the purpose of procreation. This was punishable by death. This also applied to lesbian women.
Even in the United States Declaration of Independence in 1776, the sodomy regulation from the colonial era was retained.

„The Declaration of Independence 1776“-CC-John Trumbull

As in many things, the city of NEW YORK also became a pioneer in the gay movement.
At the beginning of the 20th century, gay meeting places were already being formed in some parts of NEW YORK CITY, such as the Bowery, Greenwich Village and Times Square. There were also opportunities to meet like-minded people in the harbor areas. And in Harlem, the first parties with drag queens took place.
It was during this time that the idea of ​​meeting in public toilets began to emerge (in 1998, pop singer George Michael was sentenced to a fine of 810 US dollars and 80 hours of community service for „indecent acts“ in a public toilet in Los Angeles).

Georges Michael, 1988 – CC – University of Houston

After World War II, a large homosexual or non-conformist scene also emerged in NEW YORK among artists and intellectuals, including the writers TRUMAN CAPOTE and TENNESSE WILLIAMS, the artists JASPER JOHNS and ROBERT RAUSCHENBERG, the dancer RUDOLF NUREJEW and the composers LEONARD BERNSTEIN, JOHN CAGE and COLE PORTER.

Truman Capote 1959 – CC – John Higgins

However, this intellectual scene remained among itself in the BIG APPLE and homosexuality was still only practiced in secret.

At the same time, in the 1950s, a strongly conservative world of thought had become established in American society, which focused primarily on classic interests and values ​​such as looking for a job, getting married and having children.

The 1950s were also characterized by the MCCARTHY era, which suspected anyone who in any way deviated from the conservative framework of „subversion“. Communists first and foremost, of course, but also gays and lesbians.
US President DWIGHT D. EISENHOWER signed a doctrine in 1953 stating that the government was not allowed to employ homosexuals. A veritable witch hunt began, with even the press writing about „pervert peril“ and homosexuals being dismissed from public service in droves. Even the FBI infiltrated and monitored homosexual organizations.

The gay Andy Warhol

It was precisely in this period in the 1950s that ANDY WARHOL began his first professional steps and was quickly successful.
Of course, his sexual inclinations were not to be noticed under any circumstances. But there are clearly homosexual drawings by him from very early on.

„Umtitle“, 1957, Andy Warhol © © The Andy Warhol Foundation

When ANDY WAYRHOL made his breakthrough in the 1960s, the only things to be seen were his pictures of Marilyn Monroe, Elvis Presley, Elisabeth Taylor, Mao, Debbie Harry and other celebrities, as well as the equally famous pictures of mass-produced items from department stores.
It was not until the mid-1970s that he consciously began to focus his art on the male body, which he himself desired.
This resulted in the series „TORSOS“ (also called „Landscapes“ in his diaries), for which he made more than 1,600 Polaroids (instant photos) of more or less naked men (including Jean-Michel Basquiat, to be seen here in my picture series) and created 85 paintings from them.
When he showed the works to his gallery agent LEO CASTELLI, he refused to exhibit them, fearing that even in the 1970s his wealthy (but conservative) collectors might be disgusted by the paintings.
Andy WAHOL therefore offered his homoerotic paintings in Europe and had more success there. There was a large exhibition in 1977 at the Grand Palais in Paris and several smaller ones in Venice and in 1979 in Düsseldorf (where he also met Joseph Beuys).
But after that these paintings were almost never shown again.
Until today.

Poster Exposition „Torsos“, 1977, Paris Grand Palais

The exhibition

Curator KLAUS BIESENBACH has done a good job.
More than 300 works have been brought together from all over the world. They are hung on large partition walls that were installed especially for the exhibition in this huge upper room of the Neue Nationalgalerie.
Impressive and almost overwhelming.
For heterosexual men, however, after a while it becomes a bit too much with male butts and cocks.

Exhibition space „Andy Warhol“, Neue Nationalgalerie, ph: Holger Jacobs

Who likes to see more of ANDY WARHOL’s work should see the exhibition „Andy Warhol. After The Party“ (kultur24 reported) at the Museum Fotografiska in Berlin (through Sept. 15th 2024).

Conclusion: For friends of the male body and fans of ANDY Warhol.

„Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty“
June 9 – October 6, 2024
Neue Nationalgalerie
Potsdamer Strasse 50
10785 Berlin
Mon – Sun 10 a.m. – 6 p.m., Thu – 8 p.m.

Image series with 30 photos of the exhibition:

„Torso“ (male buttocks), 1977 © The Andy Warhol Foundation for visual arts

 

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.