Premiere von TURANDOT im Rahmen der Staatsoper für alle

TURANDOT - Puccini - Staatsoper Berlin - Photo: Matthias Baus

Premiere von TURANDOT im Rahmen der Staatsoper für alle

 

Von Holger Jacobs

01.02.2022

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Großartiges Open-Air-Konzert in Berlin bei 31 Grad im Schatten

In diesem Sommer wird es nach 2 Jahren Pause wieder viele Open-Air-Konzerte geben.
ROCK AM RING, ROCK IM PARK und WACKEN für die Rock-Fans, sowie für die Freunde der Klassik das RHEINGAU-MUSIKFESTIVAL, 25. Juni – 3. September 2022 in und um Wiesbaden und das SCHLESWIG-HOLSTEIN MUSIK FESTIVAL im hohen Norden, 2. Juli – 28. August 2022.

Zur Premiere der Oper „TURANDOT“ von Puccini kamen am letzten Samstag auf den Bebelplatz in Berlin ca. 6.000 Besucher (Straße Unter den Linden gesperrt, das Publikum saß bis zur gegenüberliegenden Humboldt-Universität).

Um es gleich vorne weg zu sagen: Es wurde ein rauschenden Fest! 

Das Wetter hätte mit 31 Grad Celsius nicht sommerlicher sein können.
Im Gebäude der Staatsoper fand ab 18.00 Uhr die Premiere von „TURANDOT“ statt, die per Livestream auf den Bebelplatz übertragen wurde. Vorher, zwischendurch und danach moderierte Petra Gute die Show.
Als dann zum Applaus alle Sängerinnen und Sänger plus Dirigent Zubin Mehta und Regisseur Philipp Stölzl sogar auf die kleine Bühne vor die Leinwand auf dem Platz traten, tobte das Publikum.

Open Air per Livestream: „Turandot“, Puccini, Staatsoper für alle, Photo: Holger Jacobs

Handlung

Im fernen China vor 3000 Jahren herrscht Kaiser Altoum.
Seine Tochter TURANDOT (persisch: Mädchen aus Turan) will nur denjenigen heiraten, der drei Rätsel lösen kann.
Schafft es dieser nicht, wird er hingerichtet.
Und gerade hat es wieder einen erwischt: Den Prinzen von Persien. Seine Hinrichtung wird vorbereitet.
Der Tartaren-König Timur ist mit seinem Sohn Calaf und der Sklavin Liu in der Stadt. Sie werden Zeuge des grausamen Spiels.
Doch als Sohn Calaf die chinesische Prinzessin sieht ist er so begeistert von ihr, dass auch er es wagen will, die Rätsel zu lösen. Alle raten ihm ab, aber er schlägt den Gong des Schicksals.
Doch anders als seine Vorgänger, kann er alle Rätsel lösen. Als die Prinzessin das Ergebnis nicht anerkennen will, stellt ihr Calaf eine Bedingung: Findet sie bis zum Morgengrauen nicht heraus, wer er ist, wird sie seine Frau.
Timur und Liu werden gefangen genommen und sollen unter Folter den Namen und Herkunft Calafs preisgeben.
Doch Liu bringt sich lieber selber um, als den Namen zu sagen und der nächste Morgen bricht an.
Letztlich muss TURANDOT ihre Niederlage eingestehen, doch findet der Mut Calafs bei ihr große Anerkennung und beide verlieben sich ineinander.

Open Air per Livestream: „Turandot“ (René Pape als Timur), Puccini, Staatsoper für alle, Photo: Holger Jacobs

Kritik

Der Regisseur Philipp Stölzl ist in Berlin kein unbekannter: Bereits 2013 inszenierte er für die Staatsoper „IL TROVATORE“ mit Anna Netrebko (hätte auch bei TURANDOT jetzt dabei sein sollen, siehe unten) und zwei Jahre später „FAUST“ von Gounod (kultur24 berichtete) in der Deutschen Oper.
Jeweils sehr erfolgreich.

Als ehemaliger Bühnenbildner ist für Philipp Stölzl die Optik natürlich besonders wichtig.
Dieses Mal hatte er die Idee einer riesigen, acht Meter hohen mechanischen Puppe, die, an Drähten befestigt und wie eine Marionette mit Seilzügen beweglich, die Prinzessin Turandot darstellen sollte.
Sozusagen als blutrünstiges Monster, dass sich an den Hinrichtungen ihrer Opfer erfreut.
Das passt auch dramaturgisch recht gut, da die echte Prinzessin erst ca. 1 Stunde nach Spielbeginn ihren Auftritt hat.
Und dieser wird sehr geschickt gestaltet, indem sie aus dem übergroßen Reifrock der Puppe heraustritt.

Zeitlich ist die Inszenierung nicht einzuordnen. Es könnte überall in jeder Epoche angesiedelt sein. Einzig die Uniformen des Chores und der Stadtbewohner sehen den Kostümen aus der 80er Jahre Fernsehserie „STAR TREK“ sehr ähnlich.

Die Optik ist also absolut gelungen. Licht und dunkelroter Hintergrund tuen ihr Übriges, um eine unheilvolle Stimmung zu erzeugen.

Applaus, Open Air „Turandot“, Puccini, Staatsoper für alle, Photo: Holger Jacobs

Musik

Die Musik dieser Puccini-Oper (Uraufführung 1926 in der Mailänder Scala) ist sicher das entscheidende Faktum, warum „TURANDOT“ seit Hundert Jahren zu den beliebtesten Opern überhaupt gehört.
Allein die Arie „Nessun dorma“, zu Beginn des dritten Aktes von Calaf (Yussif Eyvazov) gesungen, ist schon der Besuch dieser Oper Wert. Und auch der Rest bringt einfach nur Gänsehaut-Feeling.
Dieses Mal ganz wunderbar durch Dirigent Zubin Mehta mit der Staatskappelle Berlin entfaltet.

Ein Kuriosum ergab sich durch die Besetzung:
Eigentlich war für die Rolle der Turandot die russische Opern-Diva ANNA NETREBKO vorgesehen, zusammen mit ihrem Mann YUSIF EYVAZOV als Calaf.
Doch der Ukraine-Krieg machte einen Strich durch diese Rechnung. Die als enge Putin-Freundin bekannte Netrebko war nun politisch nicht mehr tragbar und wurde durch die Russin ELENA PANKRATOVA ersetzt.
Merkwürdigerweise durfte aber Netrebkos Ehemann, Yusif Eyvazov, dabeibleiben. Warum? Hat er vielleicht andere Ansichten über Putin, als seine Ehefrau?
Bleibt er vielleicht brav zu Hause, wenn die Netrebko Putin im Kreml besucht? Wir wissen es nicht.

Musikalisch konnte Elena Pankratova zwar Anna Netrebko nicht ersetzen, aber schlecht war sie auch nicht. Und Ehemann Yusif Eyvazov scheint sich aus dem Schatten seiner berühmten Ehefrau herausgesungen zu haben. Er sang den Calaf stark und überzeugend mit einem deutlich schlankeren Klang-Körper.

Wer wieder einmal die Bühne erstrahlen ließ war AIDA GARIFULLINA (auch Russin, aber wohl keine Putin-Freundin…), die ich nun schon mehrmals bewundern durfte. Mit ihrer weißblonden Perücke, deren Haare bis zu den Hüften reichten, ihr hübsches Gesicht und ihrer wunderbaren Stimme, war sie für mich der Star des Abends.
Seht dazu auch meinen Video-Trailer von der Aufführung:

Was soll ich Euch noch erzählen?
Es ist eine wirklich gelungene Inszenierung mit tollen Sängerinnen und Sängern (René Pape als Vater Timur) und einem gefühlvollen Dirigenten.
Und die Atmosphäre auf dem Bebelplatz (ich saß die erste Hälfte in der Oper, die zweite draußen auf dem Platz) war einfach herrlich.
Die Vögel zwitscherten über mir, die letzten Sonnenstrahlen streiften den Platz und in meinen Ohren rauschte Puccinis Musik.
Was will man mehr?

„Turandot“ von Giacomo Puccini
Premiere war am 18. Juni 2022
Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Zubin Mehta, Inszenierung + Bühnenbild: Philipp Stölzl, Kostüme: Ursula Kudrna
Mit: Elena Pankratova (Turandot), Yusif Eyvazova (Calaf), René Pape (Timur), Aida Garifullina (Liu), Siegfried Jerusalem (Kaiser Altoum), Gyula Orendt (Ping), Andres Moreno Garcia (Pang), Siyabonga Maqungo (Pong)
Nächste Vorstellungen (ohne Opern Air): 22., 25. und 29. Juni; 1., 3., 8. und 19. Juli 2022

Bilderserie mit 17 Photos der Produktion:

Puppe mit Calaf (Yusif Eyvazov), „TURANDOT“, Staatsoper Berlin, Photo: Matthias Baus

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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