Studio Berghain Berlin – vom Club zum Kunstpalast

Berghain - Studio.Berlin © Jacobs/ kultur24.berlin

Studio Berghain Berlin – vom Club zum Kunstpalast

 

Von Gil Jung

14.09.2020

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂 (fünf von fünf)

English text

Wie der berühmteste Club der Welt zum Kunsttempel wurde

Wegen des Lockdowns auf Grund der Corona-Pandemie seit Mitte März 2020, bei der alle Clubs und Diskotheken schließen mussten, geht es dieser Vergnügungsbranche extrem schlecht. Während überall sonst Geschäfte, Lokale und sogar Schwimmbäder wieder öffnen durften, bleiben die Türen aller Tanzlokale weiterhin geschlossen. Und sie werden wohl die letzten sein, die wieder öffnen dürfen.

Den Betreibern des Clubs Berghain kam eine Idee: Da schon bisher viele bekannte Künstler Dauerleihgaben ihrer Werke an das Berghain gegeben hatten, war eine Erweiterung dieser Kunstausstellung mehr als wünschenswert.
Und ein Ticketverkauf von 20 Euro pro Person (alle Tickets bis Oktober bereits ausverkauft) spült zusätzlich noch etwas Geld in die leeren Kassen.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Wie ist sie, diese Ausstellung im Berghain, wovon zurzeit jeder spricht?

Kurz gesagt: absolut lohnenswert, ungewöhnlich, eine spektakuläre Kulisse für sehenswerte Kunst. Wäre ich Künstler, ich würde genau jetzt und genau da stattfinden wollen – inmitten dieser dramatischen Architektur und ihrer schroffen industriellen Ästhetik. Für alle, die bislang keine Gelegenheit oder Lust hatten, das weltberühmte Berghain als Club zu erleben, bevor Corona hier einen vorübergehenden Schlussstrich zog, ist das die Chance mitreden zu können.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Wie zu aktiven Clubzeiten wird bereits bei Buchung des Tickets unmissverständlich klargemacht, dass man hinausgeworfen wird, wenn man Fotos macht. Ein geniales Konzept, um Begehrlichkeit zu steigern und Exklusivität zu sichern, auch wenn es aktuell nichts Kompromittierendes zu fotografieren gibt. Um das ‚No Pictures!’ wasserfest zu machen, gibt es am Einlass eine Taschenkontrolle und jemand, der sämtliche Kameras aller Handys mit gelben Stickern zuklebt.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Der geführte 90-Minuten-Rundgang startet im Garderoben-Bereich mit Bildfragmenten von Norbert Bisky, die sich wie gesprengte Leinwandteile über eine komplette Wand ausbreiten. Die Szenen spiegeln Partys und Katastrophen wider, schrill von den Farben, plastisch und aktionistisch.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Ein paar Schritte weiter beeindruckt die Installation „Die Mimik der Tethys“ von Julius von Bismarck, die so mystisch ist, dass man verweilen möchte. Im Innenhof des offenen Treppenhauses hängt von der rund 15 Meter hohen Decke eine ausgediente Hochseeboje herab, die sich in einem sanften Auf und Ab zu bewegen scheint. Dieser an dünnen Seilen und Gegengewichten fixierte Metallkörper ist mit einem realen, schwimmenden Bojen-Pendant vor der französischen Atlantikküste verbunden. Dessen Bewegungen im Meer werden digital übermittelt und exakt nachgeahmt, was das wellentanzende Schlingern auslöst. Diese Installation hing letztes Jahr im Museum für Moderne Kunst, Palais du Tokyo, in Paris. Fotos davon könnt Ihr auf der Homepage von Julius von Bismarck sehen.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Es geht vorbei an einem modernen Marterpfahl von Julian Göthe, den Berghain-Lautsprecherboxen nachempfunden, nach oben zum Main Dancefloor und zur Panorama Bar. Thea Djorddjazkes umgedrehter Perserteppich, Willem de Roojis überdimensiniertes Bouquet aus opulenten weißen Trauerblumen oder die lebensgroße schneeweiße Statue eines asiatischen Jungen von He Xiangyn, Coladose öffnend ohne Coladose – all das zeigt Künstler, die sich während des Lockdowns in Berlin aufhielten und halten.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Vom hinteren Ende der gewaltigen Bar, eingerahmt von einem enormen Industriefenster läuft eine Videoinstallation es Berliner Künstlers, der im Berghain seit Jahren seine Heimat gefunden hat: Sven Marquart. Bilder-Sequenzen in Schwarzweiß und Farben zeigen düstere, verletzliche Alltagssituationen, verblühte Blumen, Kinderheitserinnerungen, Selbstportraits des Fotokünstlers.

Sven Marquardt, Foto: Holger Jacobs

Wir bestaunen den Wassertank von Klara Liden, die rückwärtslaufende Uhr von Khaled Barakeh, dreidimensionale Fotopapier-Installationen von Jimmy Roberts. Wir spähen auf ein Samurai-anmutendes Kettenheim vollgestopft mit Prep, auf transparente Leichenwesen, die aus Zucker und Cola bestehen und zur ständigen Ausstellung im Haus gehören.
Wir bewundern eine Schlaraffenland-Szene von Breugel, die Cyprien Gaillard in die metallische Wand des Unisex-Pissoirs gefräst hat und träumen von Selfies unter der XXL-Blüte von Alvaro Urbano, die die weltberühmte Panoramabar schmückt wie ein Relikt aus Alice im Wunderland.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Vorbei an Wolfgang Tillmanns surrealen Bildnissen geht es an Michael Sailstorfers Inszenierung über Metalltreppen nach unter. Er hat Putzeimer-große Zähne aus Salzstein über mehrere Treppenabsätze so verteilt, als hätte ein Riese alle 32 Zähne verloren. In der großen Halle leuchtet uns Karl Holmqvists geniale Lichtinstallation „Hurrah, die Butter ist alle“ entgegen, bevor wir das eigentliche Highlight erspähen: eine riesenhafte Video-Installation von Julian Charrière, die einen spätbarocken Brunnen zeigt, der wieder und wieder von brennendem Wasser durchspült wird.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Draußen, auf der Stirnseite des Hauses, prangt in großen Lettern „MORGEN IST DIE FRAGE“ von Rikrit Tiravanijas und daneben steht die Stahlskulptur „LOVE“ von Dirk Bell. Insgesamt sind 117 Arbeiten auf 3500 qm verteilt.

Die bekanntesten Künstler der Ausstellung sind: Olafur Eliasson (Ordre des Arts et des Lettres 2016), Turner-Preis-Träger Wolfgang Tillmans, Carsten Nicolai, Alicja Kwade, Richard Kennedy, Norbert Bisky, Katharina Grosse (zurzeit eine große Ausstellung im Hamburger Bahnhof, kultur24 berichtete), Iza Gensken, Julian Charrière (Gasag Kunstpreis 2018), Cyprien Gaillard, Julius von Bismarck, Anne Imhof und Rosemarie Trockel.

Das Kuratoren-Team mit Kunstsammler Christian Boros und seiner Frau Karen (Sammlung Boros, von denen die meisten Arbeiten stammen), sowie Juliet Kothe, haben ganze Arbeit geleistet. Galerist Johann König soll ebenfalls Werke seiner Künstler beigesteuert haben.

v.ln.r. Juliet Kothe, Karen Boros, Christian Boros vor dem Berghain, Foto: Max von Gumpenberg

Nach anderthalb enorm aufschlussreichen Stunden verabschiedet uns Wolfgang Tillmanns Video- und Gesangsarbeit in der kleinen Bar. Sein sanftes Pop-Timbre singt hypnotisch „The Future Is Unwritten“, was in unklaren Zeiten wie diese sowohl für Berlin, als auch für alle, für die Kunst und für das Berghain spricht und passt, wie die Faust aufs Auge.

Berghain
Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin-Friedrichshain
Nähe Ostbahnhof
Voraussichtlich bis Ende des Jahres 2020

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

 

English text

 

Studio Berghain Berlin – from club to art palace

 

by Gil Jung


14.09.2020

Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂 (five out of five)

How the most famous club in the world became a temple of art

All clubs and discos had to close since mid-March 2020 due to the corona pandemic. This entertainment industry is doing extremely badly. While shops, bars and even swimming pools were allowed to reopen everywhere else, the doors of all dance halls remain closed. And they will probably be the last to be allowed to open again.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

The manager of the Berghain Club had an idea: Since many well-known artists had already given their works to Berghain on permanent loan, an expansion of this art exhibition was more than desirable. And a ticket sale of 20 euros per person (all tickets sold out by October) also flushes some money into the empty coffers.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

 

How is it, this exhibition in Berghain that everyone is talking about at the moment?

In short: absolutely worthwhile, unusual, a spectacular backdrop for art that is well worth seeing. If I were an artist, I would want to take place right now and right there – in the midst of this dramatic architecture and its rugged industrial aesthetic. For all those who have not had the opportunity or desire to experience the world-famous Berghain as a club before Corona drew a temporary line here, this is the chance to have a say.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

As with active club hours, it is made clear when booking the ticket that you will be kicked out if you take photos.
An ingenious concept to increase desirability and ensure exclusivity, even if there is currently nothing compromising to photograph.
In order to make the ‚No Pictures!‘ for sure, there is a bag control at the entrance and someone who covers all the cameras on all cell phones with yellow stickers.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

The guided 90-minute tour starts in the cloakroom area with image fragments by Norbert Bisky, which spread out over an entire wall like parts of the canvas. The scenes reflect parties and catastrophes, flashy in color, plastic and actionistic.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

A few steps further, the installation “The Mimic of Tethys” by Julius von Bismarck is impressive, and it is so mystical that one would like to linger. In the courtyard of the open stairwell, a disused offshore buoy hangs down from the 15 meter high ceiling, which seems to move gently up and down. This metal body, fixed on thin ropes and counterweights, is connected to a real, floating buoy counterpart off the French Atlantic coast. Its movements in the sea are digitally transmitted and exactly imitated, which triggers the rolling of the waves. This installation hung in the Museum of Modern Art, Palais du Tokyo, in Paris last year. You can see photos of it on Julius von Bismarck’s homepage.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

We move on to a modern torture stake by Julian Göthe, modeled on Berghain loudspeakers, up to the main dance floor and the Panorama Bar. Thea Djorddjazke’s upside-down Persian carpet, Willem de Rooji’s oversized bouquet of opulent white mourning flowers or the life-size snow-white statue of an Asian boy from He Xiangyn, opening a coke can without a coke can – all of this shows artists who stayed and stayed in Berlin during the lockdown.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

From the back of the huge bar, framed by an enormous industrial window, runs a video installation by a Berlin artist who has found his home in Berghain for years: Sven Marquart. Sequences of images in black and white and colors show gloomy, vulnerable everyday situations, faded flowers, childhood memories, self-portraits by the photo artist.

Sven Marquardt, Foto: Holger Jacobs

We see a Klara Liden’s water tank, Khaled Barakeh’s reverse clock, and three-dimensional photo paper installations by Jimmy Roberts. We peek at a samurai-like chain home crammed full of prep, at transparent corpses made of sugar and cola and part of the permanent exhibition in the house. We admire a Schlaraffenland scene by Breugel that Cyprien Gaillard has milled into the metallic wall of the unisex urinal and dream of selfies under the XXL flower by Alvaro Urbano, which adorns the world-famous panorama bar like a relic from Alice in Wonderland.

Passing Wolfgang Tillmann’s surreal portraits, Michael Sailstorfer’s staging over metal stairs goes down. He spread teeth made of salt stone, the size of a bucket, over several flights of stairs as if a giant had lost all 32 teeth. In the large hall, Karl Holmqvist’s ingenious light installation “Hurray, the butter is all“ shines out before we spot the real highlight: a gigantic video installation by Julian Charrière, which shows a late baroque fountain that was washed over and over again with burning water becomes.

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Outside, on the front of the house, “MORGEN IS THE QUESTION” by Rikrit Tiravanijas is emblazoned in large letters and next to it is the steel sculpture “LOVE” by Dirk Bell. A total of 117 works are spread over 3500 square meters.

The most famous artists in the exhibition are: Olafur Eliasson (Ordre des Arts et des Lettres 2016), Turner Prize winners Wolfgang Tillmans, Carsten Nicolai, Alicja Kwade, Richard Kennedy, Norbert Bisky, Katharina Grosse (currently a major exhibition at Hamburger Bahnhof, Kultur24 reported), Iza Gensken, Julian Charrière (Gasag Art Prize 2018), Cyprien Gaillard, Julius von Bismarck, Anne Imhof and Rosemarie Trockel.

The team of curators with art collector Christian Boros and his wife Karen (Boros collection, from which most of the works come), as well as Juliet Kothe, did a great job. Gallery owner Johann König is also said to have contributed works by his artists.

v.ln.r. Juliet Kothe, Karen Boros, Christian Boros vor dem Berghain, Foto: Max von Gumpenberg

After one and a half enormously informative hours, Wolfgang Tillmann’s video and vocal work in the small bar says goodbye. His soft pop timbre sings hypnotically “The Future Is Unwritten”, which in unclear times like this is for Berlin as well as for everyone, for art and for which Berghain speaks and fits like a fist in the eye.

Berghain
Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin-Friedrichshai
near Ostbahnhof
probably by the end of 2020

Club Berghain – Studio.Berlin, Foto: Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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