Tod in Venedig in der Deutschen Oper Berlin

Tod in Venedig - Foto: Holger Jacobs

Tod in Venedig in der Deutschen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

20.3.2017

🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

Der berĂĽhmte Roman von Thomas Mann und die nicht minder berĂĽhmte Verfilmung von Luchino Visconti stehen hier als schweres Erbe. Konnte Regisseur Graham Vick dennoch mit seiner Neuinszenierung der Oper von Benjamin Britten ĂĽberzeugen?

Handlung

Die Oper beginnt auf einem Friedhof in München, den der bekannte Schriftsteller Gustav von Aschenbach als Spaziergänger besucht. Dabei wird ihm eine Gestalt gewahr, die ihm zu suggerieren scheint, er müsse zur Erholung in den Süden fahren.

Aschenbach beschließt daraufhin zu verreisen und landet in Venedig. Hier mietet er sich im vornehmen Hotel Excelsior auf der vorgelagerten Insel Lido ein. Am Strand bemerkt er einen besonders hübschen Jungen, der Tadzio heißt und mit seiner Mutter, Gouvernante und Geschwistern aus Polen kommend im selben Hotel die Ferien verbringt. Umso länger er ihn beobachtet, um so mehr steigen in ihm Gefühle auf, die ihn verwirren. Bis er sich eingestehen muss, dass er sich in den Jungen verliebt hat.

Tage später bricht in Venedig die Cholera aus und die Touristen verlassen die Stadt. Doch Aschenbach ignoriert die Warnungen, um so lange wie möglich die Nähe zu dem Jungen genießen zu können. Als er eines Tages verseuchte Erdbeeren isst, wird er ebenfalls krank. Sterbend sitz er auf seinem Stuhl vor seinem Zimmer und sieht Tadzio zum letzten Mal am Strand. Scheint er ihm zuzuwinken?

Hintergrund

Um einen homoerotischen Roman zu schreiben muss man nicht unbedingt schwul sein. Doch Thomas Mann hatte wohl zumindest eine Tendenz dazu. Selbst wenn er es öffentlich nie zugegeben hat. Aber in seinen BĂĽchern verarbeitete er seine homoerotischen Gedanken literarisch, wie im „Zauberberg“ oder in den „Buddenbrooks“ und natĂĽrlich in „Tod in Venedig“. Dennoch heiratete er mit 34 Jahren die recht burschikos wirkende Katharina (genannt Katia) Pringsheim und hatte mit ihr 6 Kinder. Und auch die beiden Erstgeborenen von Thomas Mann, Erika und Klaus, hatten Beziehungen mit beiden Geschlechtern. Klaus Mann war zudem der erste Prominente in der Deutschen Geschichte, der sich bereits 1925 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Damals ein Skandal. Als Berlins Regierender BĂĽrgermeister Klaus Wowereit seinen berĂĽhmten Spruch „Ich bin schwul und das ist auch gut so“ brachte, wurde das 2004 eher anerkennend als abwertend betrachtet…

Kritik

Viele Menschen haben die Verfilmung von „Tod in Venedig“ von Visconti gesehen. Und dieser Film war nicht nur genial gemacht, er war, als er 1971 in die Kinos kam, absolut Kult. Der englische Schauspieler Dirk Bogarde spielte den Aschenbach und war in dieser Rolle grandios. Und der junge Tadzio mit seinen langen blonden Haaren war einfach supersüß. Zusammen mit der Musik von Gustav Mahler (Aschenbach spielt hier einen Komponisten) gab es keine Steigerung – ein Meisterwerk des Meisters Visconti.

Filmplakat zu „Tod in Venedig“ von Luchino Visconti mit Dirk Bogarde und Björn Andresen 1971

Dagegen anzukommen ist fast unmöglich. Das dachte sich wohl auch Regisseur Graham Vick und machte alles anders: Kein Venedig als Kulisse, keine Gondeln auf dem Canale Grande, kein Strand mit blonden Jungs, kein Hotel Excelsior. Dafür gibt es drei Stunden lang ein überdimensionalen Bilderrahmen und einen am Boden liegenden überdimensionalen Blumenstrauß zu sehen – das war’s.

Bei allem Verständnis für die Andersartigkeit einer Inszenierung – aber wie soll ich die Wärme des mediterranen Klimas, wie die Hitze am Strand, wie die überbordende Schönheit der Menschen und die Pracht eines Hotels spüren, wenn ich immer nur einen Bilderrahmen und einen Blumenstrauß sehe?

Das funktioniert nicht.

Gegen das missratene Bühnenbild versucht der Lichtmeister besondere Licht-Akzente zu setzen – manchmal durchaus mit Erfolg.

Besonders positiv hervorzuheben sind die Sänger, allen voran der aus den USA stammende Bariton Seth Carico (hier in einer sechsfach-Rolle) und der britische Bassbariton Paul Nilon als Gustav von Aschenbach. Beide brillierten auch durch ihr eindrückliches Spiel.

Donald Runnicles, wie immer souverän in seiner musikalischen Leitung, dirigierte dieses Mal vielleicht ein wenig zu verhalten.

AbschlieĂźend wäre zu sagen, dass diese Oper „Tod in Venedig“ von Benjamin Britten sicher nicht zu seinen stärksten zählt. Seine Oper „The Turn of the Screw“, zuletzt hier in Berlin an der Staatsoper im Schillertheater zu sehen, ist deutlich spannender und kompositorisch reicher.

„Death in Venice“

Deutsche Oper Berlin
BismarckstraĂźe 35
10627 Berlin

Nächste Vorstellungen am 22. und 25. März und am 23. und 28. April 2017

21 Bilder: Auf einem Friedhof in MĂĽnchen, ein Unbekannter (Seth Carico) beschwört Gustav von Aschenbach (Paul Nilon) in den SĂĽden zu verreisen, „Tod in Venedig“, Deutsche Oper Berlin © Holger Jacobs

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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