All the lonely people – Einsamkeit als Thema der Kunst

All the Lonely People - Silent Green Kulturquartier © kultur24.berlin

All the lonely people – Einsamkeit als Thema der Kunst

 

Von Holger Jacobs

Holger Jacobs

14.08.2021

English text

Der Kulturverein der Villa Auroa und des Thomas Mann Hauses in Los Angeles zeigt anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens künstlerische Arbeiten zum Thema Einsamkeit.

Einsamkeit während der Corona-Pandemie

Das der Mensch sich in manchen Momenten seines Lebens, vielleicht auch in vielen Momenten, einsam fühlen kann, ist nichts Neues.
Doch noch nie hat es so viele gleichzeitig ereilt, wie in diesen letzten 1 ½ Jahren der Corona-Pandemie.

Wir hier in Deutschland hatten ja noch Glück, dass wir zumindest draußen Spazierengehen konnten. Franzosen, Italiener, Spanier und Portugiesen ging es da weit schlechter – außer zum Einkaufen durften sie ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Wenn ich da zurückdenke an meine Zeit in Paris in meiner kleinen Mansardenwohnung – ich hätte sicher einen Koller bekommen.

Einsamkeit im Digitalen Zeitalter

Doch es gibt noch ein weiteres Phänomen unserer Zeit: Die Hinwendung zur Kommunikation im Internet. Während wir alle glauben, dass die heutigen technischen Möglichkeiten unser Leben nur verbessern, erleichtern und glücklicher machen, der sieht nicht die Kehrseite der Medaille.

Klar, wir können uns bei einer Verabredung unterwegs schnell melden, wenn die U-Bahn mal wieder Verspätung hat oder plötzlich etwas dazwischengekommen ist (was mich zu der Frage führt, wie früher Verabredungen überhaupt reibungslos klappen konnten…?)

Doch viele Treffen finden heute gar nicht mehr statt. Per FaceTime kann ich von Angesicht zu Angesicht telefonieren, was mir eine scheinbare Nähe suggeriert. Das gleiche gilt für die intensive Beschäftigung mit Sozialen Medien, wie Facebook, Instagram und Youtube, bei denen ich das Leben der anderen in real time verfolge, als wenn ich in persona neben ihnen stehen würde.

Gewollte Einsamkeit

Und dann gibt es natürlich die Einsamkeit von Menschen, die sich ganz bewusst zurückziehen möchten, um zu sich selbst zu finden oder um eine höhere Bewusstseinsstufe zu erreichen. Wie damals der Prophet Mohammed, als er auf den Berg Hira ging, oder Buddha, als er den Baum der Erleuchtung fand.
Besonders asiatische Kulturen finden in der Einsamkeit der Meditation innere Ruhe und geistige Vollkommenheit.

Villa Aurora, ehemaliger Wohnsitz von Lion Feuchtwanger in LA, CC Wikimedia Commons

Die Villa Aurora und das Thomas Mann Haus in Los Angeles

Beide Gebäude, die, an der Pacific Palisades gelegen, nicht weit voneinander entfernt sind, beherbergten während der Nazi-Zeit und des 2.Weltkriegs deutsche Emigranten aus den Bereichen Kunst und Kultur.
In der Villa Aurora residierte der jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger mit seiner Frau Marta. Es wurde ein lebendiger Treffpunkt sowohl im Exil lebender deutscher, wie auch amerikanischer Künstler. Nach deren Tod ging das Haus an die University of Southern California. Als diese das Haus verkaufen wollten, organisierte sich eine Initiative in Deutschland zum Kauf der Villa. Durch private und öffentliche Gelder konnte das Haus 1988 für 1,9 Millionen Dollar erworben werden.

Das Thomas Mann Haus wurde im Jahre 2016 auf Grund eines Aufrufes vieler deutscher Schriftsteller mit Unterstützung des Bundespräsidenten Walter Steinmeier für 13 Millionen Dollar von der Bundesregierung gekauft.

Thomas Mann house in LA, CC Wikimedia Commons

Heute werden beide Anwesen durch den Verein Villa Aurora und Thomas Mann House e.V. verwaltet, finanziert durch das Außenministerium und der/ dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien.

Beide Gebäude dienen jetzt als Ort des interkulturellen Austausches und als Wohnung für Stipendiaten.

Silent Green Kulturquartier, Photo: Holger Jacobs

Eröffnung der Ausstellung „All the Lonely People“ im Silent Green Kulturquartier in Berlin, Photo: Holger Jacobs

Die Ausstellung „all the lonely people“ im Silent Green Kulturquartier.

Zum 25. Jubiläum der Villa Aurora wurde die Idee geboren, eine Ausstellung mit ehemaligen Stipendiaten und anderen in Los Angeles lebenden Künstler zu organisieren, die Arbeiten zum dem aktuellen Thema „Einsamkeit“ zeigen sollten.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Nana Bahlmann, einer ehemaligen Mitarbeiterin des LACMA (Los Angeles County Museum of Art). Ihr inhaltlicher Focus lag auf dem Eremitentum (englisch auch Hermitage), also der selbstgewählten Isolation. Dabei zeigt sich in den ausgestellten Arbeiten eine ganze Reihe von Ansätzen in verschiedene Richtungen der Einsamkeit.
Da haben wir einmal ein Video in Dauerschleife eines Obdachlosen, der, in sich gesunken, immer umzukippen droht (Anri Sala).
Oder die 4 Meter lange Fotografie von Thomas Struht, welche banale Sträucher am Wegesrand zeigt, die sicher nur demjenigen auffallen, der, losgelöst vom Lärm der Großstadt, ganz für sich allein einen einsamen Weg geht.
Oder wieder anders die Arbeit von Louisa Clement. Sie präsentiert eine lebensgroße und lebensechte Puppe mit Namen „Louisa“, mit der der Besucher kommunizieren kann, als wäre sie ein Mensch (hier sei nochmals auf den wunderbaren Film „Ich bin Dein Mensch“ über eine Frau und ihren humanoiden Roboter-Liebhaber hingewiesen, der für die Oscars 2022 ausgewählt wurde).
Mit ziemlicher Sicherheit ist in Zukunft damit zu rechnen, dass Roboter die Einsamkeit von Menschen lindern werden – ob gleich als Liebhaber oder nur als Begleitperson ist jedem natürlich selbst überlassen.
Eine tolle Arbeit der Künstlerin Louisa Clement, die für die Puppe sich selbst  mit einem 3D Scanner „geklont“ hat. Die Antworten der Puppe werden mit einem auf KI (künstliche Intelligenz) basiertem Algorithmus generiert, der an das Internet angeschlossen ist. Genial!

Dr. Markus Klimmer, Vorsitzender des Vereins VATMH, beglückwünscht Kuratorin Nana Bahlmann zu ihrer Arbeit, Photo: Holger Jacobs

Fazit:
Ein wichtiges Thema in einem interessanten Kontext.
Das i-Tüpfelchen ist die Tatsache, dass die Schau in einem ehemaligen Krematorium stattfindet – mehr Einsamkeit geht nicht!

„All the Lonely People“
25 Jahre Villa Aurora und Thomas Mann House
Silent Green Kulturquartier
Gerichtstrasse 35
13347 Berlin-Wedding
25.9 – 10.10.2021
Di – Fr 12 – 20 Uhr, Sa, So 11 – 20 Uhr
Tickets hier

Meine Bilderserie mit 12 Fotos der Ausstellung:

Louisa Clements, Photo: Holger Jacobs

Künstlerin Louisa Clement (im Hintergrund) mit ihrer Puppe „Louisa“, Photo: Holger Jacobs

 

 

English text

 

 

All the lonely people – loneliness as a theme of art

 

By Holger Jacobs

Holger Jacobs
08/14/2021

The cultural association of the Villa Auroa and the Thomas Mann House in Los Angeles is showing artistic works on the subject of loneliness on the occasion of their 25th anniversary.

Loneliness during the corona pandemic
That the person can feel lonely in some moments, maybe also in many moments of his life, is nothing new. But never before has it overtaken so many at the same time as in these 1 ½ years of the corona pandemic.
We were lucky here in Germany that we could at least go for a walk outside. The French, Italians, Spanish and Portuguese were far worse off – except for shopping they were no longer allowed to leave their apartments. When I think back to my time in Paris in my small mansard apartment – I would certainly have got crazy.

Loneliness in the digital age
But there is another phenomenon of our time: the turn to communication on the Internet.
While we all believe that today’s technological possibilities only make our lives better, easier and happier, he does not see the other side of the coin.
Sure, we can get in touch quickly with an appointment on the way if the subway is delayed again or something has suddenly come up (which leads me to the question of how appointments used to go previously …?)
But many real meetings no longer take place today. I can make face-to-face calls via FaceTime, which suggests an apparent closeness to somebody.
The same applies to the intensive occupation with social media such as Facebook, Instagram and Youtube, where I follow the lives of others in real time as if I were with them.

Wanted loneliness
And then of course there is the loneliness of people who consciously want to withdraw in order to find themselves or to reach a higher level of consciousness. Like the Prophet Mohammed when he went to Mount Hira, or Buddha when he found the tree of enlightenment. Asian cultures in particular find inner peace and spiritual perfection in the solitude of meditation.

Villa Aurora,  house of Lion Feuchtwanger in LA, CC Wikimedia Commons

The Villa Aurora and the Thomas Mann House in Los Angeles
Both buildings, which are not far from each other on the Pacific Palisades, housed German emigrants from the fields of art and culture during the Nazi era and World War II. The Jewish writer Lion Feuchtwanger lived in the Villa Aurora with his wife Marta. It became a lively meeting place for both German living in exile and American artists. After their death, the house went to the University of Southern California. When the University wanted to sell the house, an initiative was organized in Germany to buy the villa. The house was purchased in 1988 for $ 1.9 million through private and public funds.
The Thomas Mann House was bought by the federal government for $ 13 million in 2016 following a call from many German writers with the support of Federal President Walter Steinmeier.
Today both properties are managed by the Villa Aurora and Thomas Mann House e.V. association, financed by the Ministry of Foreign Affairs and the Federal Commissioner for Culture and Media.
Both buildings now serve as a place for intercultural exchange and as an apartment for scholarship holders.

Thomas Mann house in LA, CC Wikimedia Commons

The exhibition „all the lonely people“ in the Silent Green Kulturquartier.
For the 25th anniversary of Villa Aurora, the idea was born to organize an exhibition with former scholarship holders and other artists living in Los Angeles, who should show works on the current topic of „loneliness“.
The exhibition was curated by Nana Bahlmann, a former LACMA (Los Angeles County Museum of Art) employee.
Her content-related focus was on the Hermitage – the self-chosen isolation.
The exhibited works show a whole range of approaches in different directions of loneliness.

Dr. Markus Klimmer, CEO of VATMH, congratulates curator Nana Bahlmann, Photo: Holger Jacobs

For example a video on a continuous loop of a homeless person who, sunk in himself, is always threatening to tip over (Anri Sala).
Or the 4-meter-long photograph by Thomas Struht, which shows banal bushes along the way, which will only be noticed by those who, detached from the noise of the big city, walk a lonely path all by themselves.
Or the work of Louisa Clement. She presents a doll with the name “Louisa”, with which the visitor can communicate as if she were a human being (here we refer again to the wonderful movie “I am your human” about a woman and her humanoid robot lover, choosen for the Oscars 2022).
It is almost certain that robots will alleviate the loneliness of people in the future – whether as a lover or just as a companion.
A great work by the artist Louisa Clement, who „cloned“ herself with a 3D scanner for the doll.
The doll’s answers are generated using an AI (Artificial Intelligence) based algorithm that is connected to the Internet. Brilliant!

Silent Green Kulturquartier, Photo: Holger Jacobs

Opening of „All the Lonely People“ at Silent Green Kulturquartier in Berlin, Photo: Holger Jacobs

Conclusion:
An important topic in an interesting exhibition.
Particularly spooky is the fact that the show takes place in a former crematorium – more loneliness is not possible!

„All the Lonely People“
25 years of Villa Aurora and Thomas Mann House
Silent Green Kulturquartier
Gerichtstrasse 35
13347 Berlin-Wedding
Sept, 25 – Oct, 10, 2021
Tue – Fri 12pm – 8pm
Sat, Sun 11am – 8pm
Tickets here

Please find my picture series with 12 photos of the exhibition:

Louisa Clements, Photo: Holger Jacobs

Artist Louisa Clement (in the background) with her doll „Louisa“, Photo: Holger Jacobs

 

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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