Der Fremde in der Schaubühne Berlin

Der Fremde - Schaubühne Berlin Foto: Holger Jacobs

Der Fremde in der Schaubühne Berlin

 

Von Holger Jacobs

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20.11.2016

Intro:

Wenn man am Vorabend des Theaterbesuchs zu „Der Fremde“ den Film „Capote“ mit dem wunderbaren Philip Seymour Hoffman gesehen hat, fühlt man eine gewisse Verbindung zwischen dem Roman Camus‘ und dem Sachbuch „Kaltblütig“ von Truman Capote.

Handlung:

Der Roman „Der Fremde“ (l’Étranger“) des Schriftstellers und Philosophen Albert Camus handelt von einem Mann, genannt Meursault, der im Algerien der 30er Jahre vor sich hin lebt, ohne eigenen Antrieb, Ergeiz oder Ziele und ohne tiefere Empfindungen. Selbst der Tod seiner Mutter kann ihn nicht berühren.

Eines Tages kommt es am Strand zum Streit mit Arabern, infolge dessen Meursault einen Revolver zieht und einen Mann erschießt. Da er aber nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals auf den Angreifer feuert wird ihm später seine Tat nicht mehr nur als bloße Notwehr sondern als Mord angesehen. Beim Prozess wird er für schuldig erklärt und nach damaligen (französischem) Gesetzt durch die Guillotine hingerichtet.

"L'Étranger", 1942 © Edition Gallimard

„L’Étranger“, 1942 © Edition Gallimard

 

Existentialismus:

Weit entfernt leuchtet jedem noch dieses Wort in seinen Erinnerungen an die Schulzeit. Ja, was war das noch? Die Fragen, was macht den Menschen zum Menschen, was ist sein Wesen und durch was wird es bestimmt, stehen hier im Vordergrund. Jean-Paul Sartre stellte fest, dass das Wesen der Existenz vorausginge, oder anders gesagt, der Mensch kann seine Existenz nur begreifen, wenn er sich selbst als Individuum begreift. Der Mensch versteht sich selbst nur im Erleben seiner selbst.

Truman Capote’s Sachbuch „Kaltblütig“ handelt von zwei Verbrechern, die scheinbar gefühllos und ohne einen ersichtlichen Grund vier Menschen töten. Bei Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ lebt ein Mann in den Tag hinein scheinbar ohne jegliche Emotion. Er nimmt zwar seine Umgebung war, lässt ihr aber keinen Raum zu weiteren Empfindungen. Nach dem Existentialismus fehlt diesem Menschen das Wesentliche: Die Wahrnehmung seiner Existenz als lebendiges Wesen. Da er dazu unfähig ist entscheidet die Gemeinschaft auf das Unausweichliche: Die Vernichtung der Existenz – die Hinrichtung! Gleiches geschieht mit den zwei Mördern im dem wahren Fall von Capote’s Geschichte.

Kritik:

Wie immer ist es schwer eine für den Roman vorgesehene Geschichte in eine Bühnenfassung zu überführen. In letzter Zeit wird es dennoch mehr und mehr versucht. Aber wie ich schon häufig resümierte, bin ich kein Freund dieser Entwicklung. Ein Roman hat einen anderen Rhythmus, eine andere Dramaturgie und eine andere Handlungsfolge als das Theaterstück. Während der Leser eines Buches sich zum Text seine eigenen Vorstellungen und Gedanken macht, wird dem Zuschauer eines Theaterstücks visuell die Geschichte vorgespielt. Das ist ein großer Unterschied.

Regisseur Philipp Preuss lässt drei Schauspieler wechselseitig den Text des Romans sprechen (der in Ich-Form geschrieben wurde), was am Anfang etwas Verwirrung stiftet. Sprechen die drei miteinander, gegeneinander oder hintereinander? Nach einer Weile hat man sich an diesen Umstand gewöhnt. Das Bühnenbild ist karg und besteht nur aus drei Wänden weißer Neonröhren. Alle drei, zwei Männer und eine Frau, tragen einen grauen Businessanzug mit weißem Hemd und Krawatte. Einziges Utensil sind mehrere Flaschen Wasser, aus denen getrunken oder sich gegenseitig nass gemacht wird.

Die Schauspieler Iris Becher und Bernardo Arias Porras bringen die Geschichte überzeugend rüber. Felix Römer fiel dagegen mehr durch sein Schreien auf.

Eine Inszenierung, die sich für denjenigen lohnt, der gerne noch einen weiteren Aspekt der Romanvorlage erleben möchte. Als Theaterstück hat es mir weniger gefallen.

Regie: Philipp Preuss
Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht
Mit Iris Becher, Bernardo Arias Porras und Felix Römer

Nächste Vorstellungen: 13., 14. Und 15. Dezember 2016

Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin

"Der Fremde", Schaubühne Berlin © Holger Jacobs

6 Bilder: „Der Fremde“, Schaubühne Berlin © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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