Die Bücher Tipps im Dezember 2020

Die Bücher Tipps im Dezember 2020 © kultur24.berlin

Die Bücher Tipps im Dezember 2020

 

Von Jörg Braunsdorf

06.12.2020

Unsere Buchempfehlungen zum Ende des Jahres sollen Euch Freude bringen, die Sinne anregen, den Geist beflügeln und Euch zu neuen Ufern schweben lassen.

Auf der Suche nach dem Paradies, umschreibt Claudia Jürgens ihr Lesebuch. Gerade die Bücherwelt schafft Räume der Sinnsuche, speist sie aus der Wirklichkeit und schwelgt im fiktiven Erzählen.
Traum und Wirklichkeit.
Für die nächsten Wochen, nennen wir sie Adventszeit, Hanukkah, Rauhnächte oder Jahresendzeit, haben wir den Wunsch nach etwas Ruhe, nach Abstand, Zeit zum Reflektieren und Ideen zu vertiefen.
Letztlich ist diese Suche sicherlich eine der Besseren, auch lesbar zwischen zwei Buchdeckeln.

Jörg Braunsdorf und Gabriele Meyer von der Buchhandlung Tucholsky © Buchhandlung Tucholsky

„Auf der Suche nach dem Paradies“, Claudia Jürgens, AT Verlag
Die Autorin stellt ihr Können als Lektorin seit über 20 Jahren in den Dienst von Verlagen und Autoren, ihre Berliner Schreibwerkstatt Wortbüro ist ein analoges Netzwerk textlicher und gestalterischer Kreativität. Auf der Suche nach dem Paradies, wunderbar gestaltet von der Graphikerin Sarah Winter, erscheint mir wie ein zwischenzeitliches Fazit dieser Schaffenszeit.
Das Paradies eine Vision, gar Utopie, eher ein kleines alltägliches Glück, eine weltumspannende Idee?
Und wie haben Dichter, Denker und Künstler wie Rose Ausländer, Djuna Barnes, Klaus Mann, Virginia Woolf, Erika Mann, Umberto Eco und Stephane Hessel, um nur einige zu nennen, dafür ihre Form gefunden?
Lesevergnügen und Reflektion finden wir mit und in diesem Buch, ganz gewiss auch über die Jahresendzeit hinaus.

„AUF DER SUCHE NACH DEM PARADIES“, Claudia Jürgens © AT Verlag

„Die Vögel“, Tarjey Vesaas, Guggolz Verlag
Sebastian Guggolz gründete 2014 seinen Verlag, vorher lektorierte er für Matthes & Seitz.
Ein Glücksfall für vergessene Bücher aus dem 20. Jahrhundert.
Im letzten Jahr erschien bei Guggolz der Roman „Das Eisschloss“ von Tarjev Vesaas, nun folgt der 2. Roman des Norwegischen Autoren, „Die Vögel“.
Schon das erste Buch „Das Eisschloss“  war eine Sensation. Es in 2 Zeilen zu beschreiben erscheint unmöglich, aber vielleicht so:
– beim Lesen legt sich eine dünne Eisschicht über die Handlung und lässt mich kurzatmig vor Spannung werden. Keine kriminelle, sondern eine psychologische Spannung.
Die beginnende Freundschaft zweier junger Mädchen wird durch einen persönlichen Verlust zerstört, der ein ganzes Dorf in seinen Bann zieht.
Der Roman sollte nicht erzählt, er muss atemlos gelesen werden.

Und nun die Neuerscheinung „Die Vögel“:
Schwester und Bruder leben und überleben, haben unterschiedliche Toleranz- und Wahrnehmungsebenen. Wir spüren, dass diese nicht einfach rational sind und die Wahrnehmung der Wirklichkeit Elemente von uns fordern und fördern. Mit der Lektüre dieses wunderlich-wundervollen Buches öffnen sich neue Welten in einer archaischen Realität.
Was bleibt: Die Erkenntnis, dass die Romane von Tarjev Vesaas nicht besprochen, sondern gelesen werden müssen – dabei Luftholen nicht vergessen!

„DIE VÖGEL“, Tarjey Vesaas © Guggolz Verlag

Diderots Enzyklopädie, Anette Selg/Rainer Wieland, Die Andere Bibliothek
Ein Folio-Band der Anderen Bibliothek, in changierendes Leinen mit feinem Glanz gebunden, im Siebdruck bedruckt und geprägt, Fadenheftung, Lesebändchen, 30 cm hoch, 500 Seiten Umfang, mit Kupferstichen aus den Tafelbänden.
Ein Kompendium des aufklärerischen Wissens seit 1751.
Die Enzyklopädie betrieb Aufklärung – gegen den erbitterten Widerstand der Kräfte des »alten Regimes«.
Und vernetzte dabei Philosophie, Politk, Literatur, Handwerk und Kunst zu einem Gesamtkunstwerk aufklärerischen Denkens.
Die Neuausgabe der Anderen Bibliothek folgt dabei der Frage:
Was interessiert uns aus diesem gewaltigen Steinbruch des Lebens noch heute?
Dieser große Folio-Band ist eine haptische und intellektuelle Freude des Entdeckens und Konfrontierens, gegen Kleingeistigkeit, für Toleranz, frei nach Kierkegaards berühmtem Zitat:
„Das Leben wird nach vorne hin gelebt und nach hinten hin verstanden“.

„DIDEROTS ENZYKLOPÄDIE“, Anette Self und Rainer Wieland © Die Andere Bibliothek

Feuer der Freiheit, Wolfram Eilenberger, Klett-Cotta
In 2019 erschien von ihm bei Klett-Cotta ein Meilenstein der Philosophiegeschichte: „Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929“.
Wolfram Eilenberger erzählt in diesem Buch der Geistesgeschichte von den Philosophen Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger.
Er erzählt deren Wirken als zeitgeschichtliche Realität. Als Wert, in dem die deutsche Sprache ein letztes Mal vor der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zur Sprache des Geistes wurde.
Dieses Buch wurde bisher in 17 Sprachen übersetzt!

Das neue Buch von Wolfram Eilenberger, „Feuer der Freiheit“ erzählt das Leben vier außergewöhnlicher Frauen:
Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand.
Mit großer Erzählkunst schildert Eilenberger die dramatischen Lebenswege der möglicherweise einflussreichsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Inmitten der Wirren des Zweiten Weltkrieges legen sie als Flüchtlinge und Widerstandskämpferinnen, Verfemte und Erleuchtete das Fundament für eine wahrhaft freie, emanzipierte Gesellschaft.
Nach der „Zeit der Zauberer“ nun das weibliche Feuer der Freiheit.
„Feuer der Freiheit“ spannt dabei den biographischen, philosophischen und politischen Bogen bis in die  heutigen aktiven Auseinandersetzungen unserer Gegenwart vor der Wiederkehr von Flüchtenden, Aktivistinnen und Widerständlerinnen.

„FEUER DER FREIHEIT“, Wolfram Eilenberger © @ Klett-Cotta

Am Rand der Dächer, Lorenz Just, Dumont Verlag
Just lenkt unser literarischer Blick das Augenmerk auf unseren Kiez in der Nachwendezeit, die Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte, auch bekannt unter der Bezeichnung „Scheunenviertel“.
Alles beginnt in der Kleinen Hamburger Straße Nr. 5, Wächterhaus zum legendären Berolina-Fußballplatz, auf dem heute u.a. auch die Literaten-Fußballnationalmannschaft wöchentlich trainiert.
Die Protagonisten Andrej und Simon leben ihre sinnvolle Leere, ausgefüllt mit Straßen-Basketball, Feten auf den Dächern zwischen Charité und Alexanderplatz, Einbrüchen in sanierte Luxuswohnungen.
Ein Hauch Anarchie liegt in der Luft, oder sind es vielmehr die Vorboten des Austauschs einer Lebenskultur im Kiez? Von den Hausbesetzungen über Künstlerateliers zum Luxusloft.
Gäbe es noch Reste dieser wohltuenden Unordnung, sie müssten heute unter Denkmalschutz gestellt werden, als Reminiszenz an eine Zeit in der das Träumen noch Raum hatte.
Großartig, mit dem Autor noch einmal zu einem zeitgeschichtlichen Spaziergang durch Berlin-Mitte aufbrechen zu können!

„AM RAND DER DÄCHER“, Lorenz Just © Dumont Verlag

„Ein verheißenes Land“ („A Promised Land“), Barack Obama, Penguin Verlag, Random House
Barack Obamas neustes Buch „Ein verheißenes Land“ knüpft an seine vorherigen Werke an. Er schreibt darin seine eigene Geschichte fort, dieses Mal als 44. Präsident der USA.
Im Fokus stehen die ersten Jahre seiner Präsidentschaft, die geprägt sind von vielen Krisen, allen voran der Finanzkrise.
Aber es sind nicht nur die Krisen, die Obama und seine Mannschaft nach dem Rausch des Sieges zur gewonnen Präsidentschaft 2008 schnell in den nüchternen Alltag des Regierens zurückholen. Auch die festgefahrenen politischen Strukturen Washingtons lassen vieles vom verheißungsvollen „Change – Yes We Can“ scheitern.
Das Buch ist in mehrerer Hinsicht wirklich lesenswert.
Natürlich erfährt man vieles nicht, was vielleicht interessant gewesen wäre, doch man bekommt einen sehr guten Einblick, wie konkret Politik gemacht wird und wie Obama als Präsident handelte.
Er hörte seinem Stab und Experten gerne zu, entschied aber am Ende immer selbst. Wenig überraschend, dass Patriotismus sein ganzes Buch durchzieht, sowie der Anspruch, gute Politik gemacht zu haben. Deshalb darf auch die Tötung Bin Ladens in der spektakulären Militäraktion in Pakistan in der Nacht zum 2. Mai 2011 am Ende des Buches nicht fehlen.

„EIN VERHEIßENES LAND“, Barack Obama © Penguin/ Random House Verlag

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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