Entführung aus dem Serail – Love in my Pussy

Entführung aus dem Serail - Deutsche Oper © Thomas Aurin

Entführung aus dem Serail – Love in my Pussy

 

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

Von Holger Jacobs

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20.6.2016

Liebe Kulturfreunde,

Intro:

am vergangenen Freitag war die Premiere der Neuinszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Deutschen Oper Berlin. Die Erwartung war groß, denn viele Berliner haben noch die skandalumwitterte „Entführung“-Inszenierung von Calixto Bieito an der Komischen Oper vor 12 Jahren in Erinnerung. Und das Publikum wurde nicht enttäuscht: Viel nackte Haut und ein amerikanischer Monster Truck füllten die Bühne.

Handlung:

Konstanze und ihre Bedienstete Blonde sind auf See von Piraten überfallen und anschließend auf dem Sklavenmarkt verkauft worden. Der Verlobte von Konstanze, Belmonte, zieht mit seinem Diener Pedrillo los um sie zu suchen. Sie finden die Frauen beim Türken Bassa Selim, der sie gekauft hat. Bewacht werden sie von Selims Diener Osmin. Durch List und Tücke versuchen Belmonte und Pedrillo ihre geliebten Frauen zu befreien. Währenddessen gesteht Bassa Selim der Konstanze seine Liebe, die ihn aber zurückstößt. Als Pedrillo eines Abends den Bewacher Osmin betrunken machen kann, können alle vier fliehen. Doch Bassa Selim kann sie stellen.

Anders als man denken sollte, verurteilt Selim die Flüchtenden nicht zum Tode sondern entlässt sie in die Freiheit. Mozart hatte hier wohl an den aufkeimenden Humanismus der Aufklärung gedacht, der seit Mitte des 17. Jahrhunderts die Kultur Westeuropas beeinflusste. Nur sieben Jahre nach der Uraufführung der Oper im Wiener Burgtheater wurde 1789 in Paris die Bastille erstürmt und die Französische Revolution begann.

Kritik:

Wer denkt, dass „Love in my Pussy“ nur ein reißerischer Titel zur Einleitung meiner Kritik wäre, hat weit gefehlt. Denn es handelt sich um eines von vielen in englischer Sprache verfassten Textpassagen in der Inszenierung des argentinischen Regisseurs Rodrigo Garcia. Der eigentlich in Deutsch gesprochene Original-Text von Mozart wurde komplett gestrichen. Gleich zu Beginn rollt ein riesiger Monster Truck auf die Bühne, mit dem Belmonte (Matthew Newlin) und Pedrillo kommen, um Konstanze und Blonde zu befreien.

Dieses erste Bild macht natürlich ganz schön Eindruck und lässt auf 3 Stunden Kurzweil hoffen. Langweilig wird es dann auch nie, jedoch von Mozart ist nichts zu spüren. Auch nicht viel zu hören, denn in dem wilden Spektakel geht die Musik unter. Sie wirkt nur als Beiwerk zu einer Bilderschau aus Roadrunner-Video, Drogen-Küche, und nackten Mädels. Wer die ursprüngliche Geschichte von Mozarts „Entführung“ nicht kennt wird sie aus der Inszenierung kaum erkennen können.

Bassa Selim wird von der Fernsehmoderatorin Annabelle Mandeng („Das TV Total Turmspringen“, „Das perfekte Promi Dinner) gespielt. Gleich in ihrer ersten Szene kommt sie als Basketball-Spielerin mit Waschbrett-Bauch auf die Bühne. Kathryn Lewek als Konstanze hat eine schöne Stimme, am Anfang tat sie sich aber noch etwas schwer. Matthew Newlin ist stimmlich zu schwach, um den Raum zu füllen.

Einzig Tobias Kehrer als Osmin konnte mit seinem kraftvollen Bass überzeugen. Und der große Dirigenten-Meister Donald Runnicles hatte Mühe der Musik das nötige Gewicht zu geben, wenn über ihm auf der Bühne mal wieder das Chaos ausbrach.

Beim Schlussapplaus vermied es der Regisseur Rodrigo Garcia dann auch die Bühne zu betreten, zu groß war wohl seine Furcht vor den Buh-Rufen. Ein einmaliger Fall in Berlins Bühnengeschichte.

Abschließend wäre zu sagen, dass die Show, und als solche würde ich es bezeichnen, keine schlechte war. Und es wird sicher auch viele geben, denen es gefällt. Nur Mozarts „Entführung aus dem Serail“ konnte ich darin leider nicht finden.

Nächste Vorstellungen: 22., 25., 28. Juni, 1. und 6. Juli 2016, jeweils 19.30 Uhr

Entführung aus dem Serail, Deutsche Oper Berlin 2016 Foto: Thomas Aurin

6 Bilder: Entführung aus dem Serail, Deutsche Oper Berlin 2016 Foto: Thomas Aurin

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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