Help me – Hurt me – Hamburger Kunsthalle

Bruce Naumann Foto: Kay Riechers

Help me – Hurt me – Hamburger Kunsthalle

 

Von Julia Engelbrecht-Schnür

13.4.2017

 

Nach all dem Trubel um die Wiedereröffnung der Hamburger Kunsthalle im vergangenen Jahr rückt nun ihre kleine Museums-Schwester, die Galerie der Gegenwart, wieder in den verdienten Fokus der Aufmerksamkeit. Auch die aktuelle Ausstellung „Help Me Hurt Me – Zwischen Fürsorge und Grausamkeit“ wirft einen spannungsreichen und feinfühligen Blick auf die vertrackten Strukturen des menschlichen Miteinanders – und auf die Prachtstücke der hauseigenen Gegenwartskunst. Dieser zweite Teil der Trilogie „Honey, I rearranged the Colletion“ geht der Frage nach, wie der Mensch empfindet, leidet und hofft in seiner Beziehung zu Partner, Familie, Verstorbenen und Freuden.

Da darf Marina Abramović nicht fehlen. Gleich im ersten Raum demonstriert die unerbittliche Künstlerin in einer Video-Performance mit ihrem damaligen Geliebten Ulay, wie man in einer Beziehung um Luft ringt. Die Nasenlöcher verstopft und ihre Münder aufeinandergepresst atmen die beiden Künstler lediglich den Atem des anderem ein und aus. Der Sauerstoffgehalt sinkt, das Atmen wird zum Kampf, zur Qual und zum Sinnbild für partnerschaftliche Enge und Fürsorge.

Daneben ist die bekannte Performance des Künstler-Duos von 1977 zu sehen, in der sich Abramović und Ulay kniend gegenübersitzen und abwechselnd ins Gesicht schlagen, bis die Ohrfeigen so heftig werden, dass einer erschöpft abbricht.

Bruce Naumann, dem die Ausstellung anlässlich seines 75. Geburtstags gewidmet ist, ergänzt den Aspekt des zwischenmenschlichen Dramas um Nähe und Verletzung mit seiner Arbeit „Anthro/Socio“, bei der ein um sich selbst kreisender männlicher Kopf unaufhörlich ruft: „help me, hurt me!“ Kein Besucher, der nicht tief in seinem Empfindungs-Karussel diese Koexistenz von Zuwenden und Verletzen kennt.

Die flaschengroßen Fimo-Figuren „United Enemies“ von Thomas Schütte sind eine stimmige Überleitung zum Thema Familie. Aneinander gekettet und auf einander angewiesen wie siamesische Schicksalskörper starren die verzerrten Physiognomien aus Fimo auf eine Leinwand, auf der Daniel Richter ein überladenes Flüchtlingsboot durch die Endlosigkeit des Universums schickt.

Nebenan korrespondieren die schauerlichen Familienporträts von Sigmar Polke, Gerhard Richter und Felix Gonzales-Torres auf fast bösartige Art miteinander, indem der traute Familienschein der Lüge überführt wird. Die feine hellblaue Stors-Gardine des kubanisches Künstlers lässt den Besucher nachdenken über die Sensibilität und den Schutz unserer Intimität, die Trennung von Innen und Außen, von privat und öffentlich.

Es geht weiter mit von Kuratorin Brigitte Kölle sehr präzise platzierten Werken von Jeff Wall, Gustav Kluge, Annette Messager und Christian Boltanski, bevor die Meisterin des schonungslosen Schauens auf das intime Miteinanders den fulminanten Abschluss macht.

Nan Goldins „Ballade von der sexuellen Hörigkeikeit“ (nach Brecht), eine aus 720 Dias bestehende Arbeit, besticht durch ihre fast beiläufige Sicht auf ihre Freunde und Bekannte in den Clubs, Discos und Betten in Boston, New York und Berlin der späten 70er und 80er Jahre. Die Bedürftigkeit in den Gesichtern und Körpern verdichtet sich zu der zweifelhaften Gewissheit: Nein, es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Aber leicht ist es in der Gemeinschaft nie.

 

„Help Me Hurt Me, Zwischen Fürsorge und Grausamkeit“,

Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall
20095 Hamburg
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr

Ausstellung bis 7. Januar 2018

8 Bilder: Nan Goldin, „The Ballad of Sexual Dependency“, 1992, Hamburger Kunsthalle © Nan Goldin

 

Julia Engelbrecht-Schnür

Author: Julia Engelbrecht-Schnür

Journalistin