Willy Fleckhaus. Design – Revolte – Regenbogen

Twen - Willy Fleckhaus © MKG Hamburg

Willy Fleckhaus. Design – Revolte – Regenbogen

 

Eine Retrospektive im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MGK)

Von Noémi Matsutani

24.1.2017

„Er hielt sich nicht an Regeln und machte alles anders. Er ließ sich nicht von seinen Visionen abbringen und die Zusammenarbeit mit ihm war oftmals schwierig“ erzählt mir ein Zeitgenosse über Willy Fleckhaus (1925-1983), den legendären Zeitschriften- und Buchgestalter der fünfziger bis achtziger Jahre. Der mit seinen revolutionären Layouts ganze Generationen von Lesern, Grafikern und Fotografen prägte. Der die Gemüter erregte. Der international bekannt wurde durch sein bahnbrechendes Design der Lifestyle-Zeitschrift Twen. Zu einer Zeit, als die Magazine im Einheitslook brav waren und deutsche Schlager die heile Welt zeigten, führte Willy Fleckhaus mit seiner Twen eine visuelle und inhaltliche Revolution an und befreite in den 60ern das Land und seine dankbaren Leser vom Staub der Nachkriegszeit. Es war ein Signal an eine neue Jugend und Twen war ihr Leitmedium. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MGK) zeigt jetzt eine umfassende Retrospektive der Arbeiten von Willy Fleckhaus, dem Star unter den Gestaltern.

Ausgabe Nr. 12/ 1966, TWEN – Willy Fleckhaus – © MKG Hamburg

Über 350 Exponate sind zu sehen, darunter Abbildungen aus der Zeitschrift Twen, zahlreiche Fotografien, Buchreihen, wie die in den Farben des Regenbogens gehaltene Edition Suhrkamp, Arbeiten für die Kölner Photokina und rund 50 Manuskripte der Frankfurter allgemeinen Zeitung. Die Ausstellung ist nicht nur eine umfassende Präsentation seiner Arbeit, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Ein Reise in die wilden 60er und 70er, die er durch seine Arbeit mit prägte.

Noch vor der offiziellen Eröffnung betrete ich mit ein paar geladenen Gästen, Journalisten, Zeitzeugen und Wegbegleitern die Räume der Ausstellung, neugierig was denn so revolutionär sein sollte an diesem Zeitschriften-Layouts. Das erste was mir bei den Exponaten der berühmt-berüchtigten Twen ins Auge springt:

Viel schwarz, große Buchstaben und nackte Brüste. Dazu die großzügige Benutzung des Wortes Sex auf den Covern. Doch bevor ich mich mit dem Thema Sex näher beschäftige, versammeln wir uns alle um den Kurator der Ausstellung, Hans-Michael Koetzle. Er wird uns durch die Ausstellung führen. Mit viel Hintergrundwissen und Liebe zum Thema „Willy Fleckhaus“. Tochter Nelly Fleckhaus bemerkt treffend, wenn sie etwas über ihren Vater wissen wolle, müsse sie nur Herrn Koetzle fragen.

14 Bilder: Ausgabe Nr. 6/ 1969, Uschi Obermaier, TWEN – Willy Fleckhaus – © MKG Hamburg

Die Ausstellung beginnt mit dem Anfang seiner Karriere, als der 20-jähirge Fleckhaus als Journalist für katholische Verbandszeitschriften in Köln schreibt. Im Jahr 1951 wird er Mitarbeiter der Zeitschrift Aufwärts und im Jahr drauf übernimmt er dessen Gestaltung. In kürzester Zeit verwandelt er die Zeitung in ein attraktives Magazin. Ein von Fleckhaus geschriebener Artikel für die Aufwärts fasziniert mich: darin verteidigt er vehement Picasso vor den Verrissen des Kultur-Bürgertums, die damals in dem Maler eine Gefahr für die Kunst sahen. Es wundert nicht, dass Fleckhaus die moderne, revolutionäre Haltung einnahm.

Schnell wird klar, dass es hier um mehr geht, als einfach nur Zeitschriften zu gestalten. Der Kurator erklärt, dass Willy Fleckhaus mit seiner Arbeit die Vision hatte, die Welt zum Besseren zu verändern. Freier, bunter, lebensfroher, sinnlicher. Was im Kontext der tristen deutschen Nachkriegszeit ein nicht ungewöhnlicher Gedanke war und auf ein dankbares Publikum traf.

14 Bilder: Ausgabe Nr. 12/ 1963, TWEN – Willy Fleckhaus – © MKG Hamburg

Nach diversen anderen Projekten kreierte Fleckhaus ab 1959 die Zeitschrift Twen und fand damit das ideale Medium um seine Visionen umzusetzen. Das Layout ist anders als alles, was es bisher gab. Die Hinter Farbe des Covers ist schwarz, dazu großzügige Buchstaben, freche, unkonventionelle Fotos, neue Themen.Während die sogenannte Schweizer Grafik mit ihren rechten Winkeln, strengen Linien und immer gleich angeordneten Fotos die gängige Gestaltungsform war, öffnete Fleckhaus seinen Horizont und schaute nach Amerika.

Er ließ sich von der emotionalen Bildersprache der Magazine wie Harpers Bazar inspirieren. Er druckt Fotos groß und angeschnitten, was so noch keiner vor ihm tat. Setzt Fotografen wie Will McBride, Charlotte March oder Ulrich Mack ein. Mit Reportagen über starke Frauen wie Romy Schneider, Juliette Greco, oder Francoise Hardy.

14 Bilder: Ausgabe Nr. 2/ 1969, TWEN – Willy Fleckhaus – © MKG Hamburg

Unsere Gruppe versammelt sich um Fotos von Francoise Hardy, als sich plötzlich ein älterer Herr mit Gehstock zu Wort meldet. Es ist der Fotograf Ulrich Mack, der die französische Sängerin damals für die Twen porträtiert hatte. „Oh, sie war sehr talentiert“, sagt er, „ganz besonders darin, während des Shootings die ganze Zeit zu schweigen.“

Alle lachen. Mehr und mehr Leute melden sich spontan zu Wort und erzählen von Artikeln, die sie damals berührt hatten, von Fotos, die sie inspiriert hatten, für immer eingeprägt auf der emotionalen Festplatte der Erinnerungen. Ich habe das Gefühl, bei einem Klassentreffen der Generation dabei zu sein, die in den 60ern und 70ern jung war, deren Bibel die Twen war. Und erlebe aus erster Hand, welche Bedeutung die Zeitschrift für seine Leser hatte. Heute kaum mehr vorstellbar.

Titelgestaltung für den Suhrkamp Verlag, Willy Fleckhaus – © MKG Hamburg

Als die Führung zu Ende ist habe ich noch eine Frage. Ich wende mich an umstehende Zeitzeugen: „warum hat denn keiner erwähnt, dass so viele Nackte auf den Covern waren? Das wäre doch noch ein interessanter Punkt gewesen zum Thema revolutionäre Zeitschriften-Gestaltung…?!“ Alle schauen mich mit großen Augen an. „Ach, das war doch damals normal! Ihr jungen Leute seid heute viel zu spießig!“

Es wird Zeit wieder frecher, mutiger und sinnlicher zu leben, denke ich mir und verlasse diese bemerkenswerte Ausstellung.

„Willy Fleckhaus. Design – Revolte – Regenbogen“
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
20099 Hamburg
Di – So 10 – 18 Uhr

14 Bilder: TWEN – Willy Fleckhaus – © MKG Hamburg

Noémi Matsutani

Author: Noémi Matsutani

Schauspielerin