DER IDIOT von Dostojewskij im Deutschen Theater

Der Idiot - Deutsches Theater Berlin, Photo: Arno Declair

Der Idiot von Dostojewskij im Deutschen Theater

 

Von Marty Sennewald

Marty Sennewald

04.11.2021

In knapp 4 Stunden Spielzeit verarbeitet Regisseur Sebastian Hartmann den 1000-seitigen Roman des großen russischen Schriftstellers.

Es ist nasskaltes Novemberwetter, als ich am Abend der Premiere über die Weidendammerbrücke nahe der Friedrichstraße zum Deutschen Theater laufe.
Es ist Jahre her, dass ich den Roman gelesen habe. Bei seinem beträchtlichen Umfang blieben mir heute nur einige Sentenzen, einige Szenen, die mir in Erinnerung geblieben waren und die ich noch einmal anlesen wollte.

Doch es half mir nichts.
Dass nämlich der Abend einem Rausch gleichkommen würde, einem irren Assoziationsgewitter, einer  – über viereinhalb Stunden andauernden (!) – Zirkulation nicht um die Szenen, Gestalten und Bilder des Romans, sondern um dessen Essenz, dessen innerster Signatur, so, als wolle man die  Ahnung einer in weit, weit hinter den Zeilen Dostojewskis liegenden Idee darzustellen versuchen, und dass mir darum die Lektüre nur bedingt hilfreich sein würde, das hatte ich schlicht nicht erwartet.

Regisseur Sebastian Hartmann macht Theater gegenwärtig wie nur irgend möglich.
Was Schulgerecht einer Romaninszenierung zugesprochen werden könnte, bleibt hier in der Schublade.
Die Inszenierung – und mittlerweile fünfte Dostojewski-Arbeit Hartmanns – ist: Assoziationsgewitter, Bildersturm, Riesenleiber. Blut und Brüste. Es wird geschrien, aber nie geredet.
Dort, wo ein Dialog anzuheben sucht, wird er vorsätzlich destruiert, wird verhindert und in seinem Element zerstört.

Nicht enden wollende Monologe, die sich aufschrauben, schnauben und fliegende Häuser und Hitler auf der Leinwand, während die Zeit rückwärts läuft. Im Versuch die Wörter beieinander zu halten und zu verstehen, wird mir das Verstehen selbst zur Fragwürdigkeit, verliere ich meine Gedanken und das ist vermutlich so gewollt.

 „Die Hauptidee des Romans ist, einen vollkommen schönen Menschen darzustellen. Etwas Schwierigeres gibt es nicht auf der Welt, besonders heutzutage.“, schreibt Dostojewskij über den Helden seines Romans Fürst Myschkin.
Der (innerlich) schöne Mensch, der zwangläufig in der rüden Welt, die getrieben ist von Macht und Geld, Eigensinn und Rache, zugrunde gehen muss. Das ist der Stoff des Idioten. Der daraus entstehende quälende Konflikt das Hauptthema des Abends.
Nicht die Schönheit in ihrer Reinheit wird auf die Bühne gebracht, sondern die Unmöglichkeit derselben im Momente des Scheiterns ist es, die aus den Mündern des Ensembles eine zuweilen unangenehme Empfindung in der Magengegend entstehen lässt.

Charaktere, Handlung und Ereignis tauchen nur als Fragmente, als lose Andeutungen, wie hinter einem Schleier aus Nebel auf.
Es gibt keine vierte Wand, keine Rollenverteilung unter den Schauspieler*innen, keine Narration. Jeder Akt ist Verkörperung des Ganzen, ist Essenz und Idee, ist das Scheitern und die Unmöglichkeit des Guten und Schönen in einer Welt, die Gegenwart und Vergangenheit gleichsam umschließt, und ist drohende Warnung, nicht über dieses Scheitern nachzudenken.

Das teils junge und frische Ensemble spielt sich am Premierenabend gekonnt in den Rang des Deutschen Theaters.
Acht Darsteller*innen und zwei Musiker, aus denen einen Favoriten auszuwählen mir nicht gelingen mag, eine Inszenierung, die herausfordert und brodelt, machen den Idioten zu einem must-see gegenwärtiger Theaterkunst.

Es ist mitten in der Nacht, die Premierenfeier hat sich ihrem Ende geneigt, als ich wieder auf der Weidendammerbrücke stehe. In mir kreisen die Gedanken, es kreist um den Idioten. Ein wunderlicher Begriff. Stammt er doch eigentlich vom altgriechischen Idion, bezeichnet etwas Einzigartiges, etwas gänzlich Eigenes. Etwas, das aus der Welt herausfällt und darin kein Pendant kennt.
Der absolut schöne Mensch.

„DER IDIOT“ nach Fjodor Dostojewski
Deutsches Theater Berlin
Premiere war am 03.11.2021
Regie/ Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Mit: Elias Arens, Bea Brocks, Manuel Harder, Peter René Lüdicke, Linda Pöppel, Ruth Reinecke, Birgit Unterweger, Niklas Wetzel, Arno Waschk, Samuel Wiese

3 Bilder der Theaterproduktion:

„DER IDIOT“, Deutsches Theater Berlin, Photo: Arno Declair

Marty Sennewald

Author: Marty Sennewald

Marty Sennewald promoviert zurzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach „vergleichende Literaturwissenschaft“. 

Daneben ist er als freiberuflicher Schriftsteller und Musiker tätig, lebt und arbeitet in Berlin.

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