Les Femmes d’Alger von Picasso im Museum Berggruen

"Les Femmes d'Alger", Picasso, Museum Berggruen © kultur24.berlin

Les Femmes d’Alger von Picasso im Museum Berggruen

 

Von Holger Jacobs

20.07.2021

English text

Bewertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Einer der schönsten Serien von Pablo Picasso ist jetzt in Berlin zu sehen.

Der spanische Maler Pablo Picasso gehört zu den bekanntesten Künstlern unserer Zeit – und das schon lange.
Selbst wenn heute andere Namen, wie Jeff Koons oder Damien Hurst, zirkulieren, so bleibt doch Picasso unangefochten an der Spitze. Würde man heute einen Menschen fragen, welchen Künstler er kennt, fiele sicher der Name Picasso an erster Stelle. Ob im Kunstunterricht in der Schule, bei einem Besuch im Museum oder selbst mal in den Medien, wenn mal wieder ein Verkaufsrekord bei Christie’s oder Sotheby’s in New York zu verzeichnen ist.

Dabei gehört Pablo Picasso gar nicht mal zu den beliebtesten Künstlern. Ich kenne viele, mich eingeschlossen, die eher die Werke anderer bevorzugen.
Zu verschroben und komplex erscheinen seine dekonstruierten Bilder, deren Figuren in kubistischen Rechtecken ihre Form verlieren. Doch jeder sieht sofort, dass es sich hierbei um große Kunst und großes Können handelt. Die Aufteilung des Bildes, die Positionierung der bildwichtigen Teile, die Darstellung des menschlichen Körpers – kein anderer Maler schaffte es so gekonnt diese Elemente auf einer Leinwand zusammenzubringen.

Besucher in der Ausstellung „Les Femmes d’Alger“ im Museum Berggruen, Foto: Holger Jacobs

Genau diese Genialität ist auch in der Serie „Les Femmes d’Alger“ zu finden, einem Spätwerk Picassos, welchem er sich drei Monate im Winter 1954/ 55 widmete.

Der 1881 geborene Pablo Picasso hatte bis zu diesem Zeitpunkt in seiner 60-jährigen Schaffensgeschichte bereits sehr viel Stilrichtungen ausprobiert, wobei er immer so lange dabeiblieb, bis er es zur Perfektion gebracht hatte. Von akademisch-figürlich bis zum Kubismus, jedes Mal suchte er nach neuen Ausdrucksformen. Auch vor der Anatomie des Menschen machte er nicht halt: Die Figuren konnten in Kopf und Rumpf auf dem Bauch liegen, von der Hüfte abwärts aber auf dem Rücken. Genau diese Idee wandte er bei der Darstellung der „Femmes d’Alger“ an. Bei dieser fortlaufenden Serie von 15 Gemälden kann der Betrachter sehr gut sehen, wie er sich an die Deformation des Leibes heranwagt bis er es im letzten Bild, der sogenannten „Version O“, zu seiner Zufriedenheit geschafft hat. Danach beendete er die Serie.
Sieht dazu auch meine Bilderserie mit den 15 „Les Femmes d’ Alger“.

Wie kam es zu der Serie „Les Femmes d’ Alger“?

Pablo Picasso hatte im Louvre sehr ausführliche Studien über frühere berühmte Maler betrieben, wobei er den französischen Maler Eugène Delacroix besonders liebte.
Eines der Hauptgemälde Delacroix’s ist das Bild „Les Femmes d’Alger“.
Es zeigt viele Details, die damals Anfang des 19. Jahrhunderts die Franzosen bewegte. Dies war hauptsächlich das Interesse am Orient, der als exotisch und aufregend empfunden wurde. Auch wenn in den Niederlanden der Orientalismus (siehe dazu auch meinen Bericht über die Ausstellung „Rembrandt’s Orient“ im Museum Barberini) bereits im 17. Jahrhundert ausgebrochen war, als die Holländer Gebiete in Fernost kolonialisiert hatten, kamen die Franzosen erst Anfang des 19. Jahrhundert auf den Geschmack, als Frankreich 1830 das nordafrikanische Algerien und Marokko besetzten.
Viele Maler begannen nun orientalische Motive zu malen, so auch Delacroix. Das 180 x 229 cm große Gemälde „Les Femmes d’Alger“ entstand 1833 und wurde von Delacroix 1834 beim Kunstsalon in Paris ausgestellt. König Louis-Philippe kaufte es und schenkte es dem Musée du Luxembourg (später dem Louvre überstellt).
Im Jahre 1849 fertigte Delacroix eine zweite Version an. Diese hängt jetzt in der Ausstellung im Museum Berggruen.

Die beiden Bilder „Les Femmes d’Alger“ von Eugène Delacroix:

Les Femmes d'Alger, Delacroix

„Les Femmes d’Alger“, Eugène Delacroix, 1833, CC Wikimedia Commons

Les Femmes d'Alger, Delacroix

„Les Femmes d’Alger“, Eugène Delacroix, 1847, CC Wikimedia Commons

Pablo Picasso hatte bereits in den 40er Jahren Skizzen zu einem eigenen Bild mit dem Motiv des Gemäldes „Les Femmes d’Alger“ angefertigt.
Doch im Jahr 1954 kamen zwei weitere Umstände dazu, die seinen Entschluss festigten, dieses Thema jetzt endgültig aufzugreifen:
– Erstens hatte Algerien 1954 begonnen, sich gegen die Herrschaft der Franzosen aufzulehnen. Beinahe täglich gab es in den Pariser Zeitungen Berichte über die Aufstände.
– Zweitens war sein Freund und künstlerischer Wegbegleiter Henri Matisse am 3. November 1954 in Nizza gestorben. Kurze Zeit später soll Picasso gesagt haben: „Matisse hat mir seine Odalisken hinterlassen“. Damit gemeint sind Frauenfiguren in der Malerei, die Bedienstete in einem orientalischen Harem darstellen (siehe dazu „Nu couché“ und „Odalisque à la culotte rouge“ von Matisse in der Bilderserie).
Picasso wollte eine Hommage an seinen Künstlerfreund anfertigen.
Was also lag näher als ein Bild über die Haremsdamen in Algier, die ihn schon immer fasziniert hatten.

Vier Skizzen zu „Les Femmes d’Alger“ von Picasso:

„Etude pour les femmes d’Alger“, Picasso, 28.12.1954, Foto: Holger Jacobs © Musée Picasso, Paris

Am 13. Dezember 1954 beginnt Picasso mit dem ersten von insgesamt 15 Gemälden, der Version A, die schon alle Inhalte der Serie zeigten:
Mehrere Damen in einem Harem, viel Erotik und einem Schuss farbenfrohen Ornament (letzteres ein typisches Merkmal der Arbeiten von Matisse).

Sieben der 15 Versionen sind jetzt im Original im Museum Berggruen zu sehen. Zusammen mit mehreren Etuden (Skizzen) zu den einzelnen Frauenfiguren. Sowie mehrere Bilder zum Thema von Matisse (Odalisken) und spätere Arbeiten von Picasso mit weiblichen Körpern.

Vier „Odalisque“ von Matisse:

„Odalisque à la culotte rouge“, 1924, Henri Matisse, Foto: Holger Jacobs © Musée de l’Orangerie, Paris

Neben der Ausstellung „Yayoi Kusama“ im Martin-Gropius-Bau halte ich diese Picasso-Ausstellung für die wichtigste und sehenswerteste zurzeit in Berlin.
Noch bis zum 9. August 2021.

„Picasso & Les Femmes d’Alger“
Museum Berggruen
Schloßstraße 1
14059 Berlin
Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr
Vom 21.05. – 29.08.2021

Unsere Bilderserie mit 11 Fotos der „Femmes d’Alger“:

11 Photos: „Les Femmes d’Alger“, Version A, Picasso, 13.12.2954, Foto: Holger Jacobs © Succession Picasso/ VG Kunst

 

English text

 

Les Femmes d’Alger by Picasso in the Berggruen Museum

 

By Holger Jacobs


07/20/2021

Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)

One of the most beautiful series by Pablo Picasso can now be seen in Berlin.

The Spanish painter Pablo Picasso is one of the most famous artists of our time – and has been for a long time. Even if other names like Jeff Koons or Damien Hurst are in circulation today, Picasso remains unchallenged at the top. If you were to ask a person today which artist he knows, the name Picasso would certainly come first. Whether in art class at school, during a visit to a museum or even in the media, when there is another sales record at Christie’s or Sotheby’s in New York.
Pablo Picasso is certainly not one of the most loved artists. I know many, including myself, who tend to prefer the work of others (Matisse for example).
His deconstructed pictures appear too eccentric and complex, the figures of which lose their shape in cubist rectangles. But everyone immediately sees that this is also about great art and great skill. The division of the picture, the positioning of the parts that are important to the picture, the representation of the human body – no other painter managed to bring these elements together on one canvas so skillfully.

Exactly this ingenuity can also be found in the series „Les Femmes d’Alger“, a late work by Picasso, to which he devoted himself for three months in the winter of 1954/55.
Pablo Picasso, who was born in 1881, had already tried out many styles in his 60-year creative history, and he always stayed with it until he had brought it to perfection. From academic and figurative to Cubism, each time he was looking for new forms of expression. He did not stop at the anatomy of the human being either: The figures could lie on their stomach in head and torso, but on their backs from the hips down. This is exactly the idea he used when depicting the „Femmes d’Alger“. In this continuous series of 15 paintings, the viewer can see very well how he dares to deform the female body until he has made it to his satisfaction in the last picture, the so-called „Version O“.
After that, he ended the series. See also my picture series below with the 15 „Femmes d’ Alger „.

How did the series „Les Femmes d’ Alger „come about?

Pablo Picasso had carried out extensive studies of earlier famous painters in the Louvre, and he was particularly fond of the French painter Eugène Delacroix.
One of Delacroix’s main paintings is “Les Femmes d’Alger”.
It shows many details that moved the French at the beginning of the 19th century. This was mainly the interest in the Orient, which was felt to be exotic and exciting. Even if orientalism had already broken out in the Netherlands in the 17th century (see also my report on the exhibition “Rembrandt’s Orient” in the Museum Barberini), when the Dutch had colonized areas in the Far East, the French did not come until the beginning of the 19th century when France occupied North African Algeria and Morocco in 1830.
Many painters began to paint oriental motifs, including Delacroix.
The 180 x 229 cm painting „Les Femmes d’Alger“ was created by Delacroix in 1833 and was exhibited  in 1834 at the Paris Art Salon.
King Louis-Philippe bought it and donated it to the Musée du Luxembourg (later transferred to the Louvre).
In 1849 Delacroix made a second version. This second version is also hanging in the exhibition at Museum Berggruen.

Les Femmes d'Alger, Delacroix

„Les Femmes d’Alger“, Eugène Delacroix, 1833, CC Wikimedia Commons

Les Femmes d'Alger, Delacroix

„Les Femmes d’Alger“, Eugène Delacroix, 1847, CC Wikimedia Commons

Pablo Picasso had already made sketches for his own picture „Les Femmes d’Alger“ in the 1940s.
In 1954, however, two more circumstances emerged that solidified his decision to take up the „Femmes d’Alger“:
– First, in 1954 Algeria had started to rebel against the rule of the French. There were reports of the uprisings in the Paris newspapers almost every day.
– Second, his friend and artistic companion Henri Matisse died on November 3, 1954 in Nice.
A short time later Picasso is said to have expressed: „Matisse left me his Odalisques“. This name refers to female figures in painting who represent servants in an oriental harem (see “Nu couché” and “Odalisque à la culotte rouge” by Matisse in the series of pictures).
Picasso wanted to pay homage to his artist friend. So what could be more obvious than a picture of the harem ladies in Algiers, who had always fascinated him.

Four „Odalisque“ by Matisse:

„Odalisque à la culotte rouge“, 1924, Henri Matisse, Foto: Holger Jacobs © Musée de l’Orangerie, Paris

On December 13, 1954, Picasso began with the first of a total of 15 paintings, Version A, which should already show all the contents of the series: Several women in a harem, a lot of sex and a dash of colorful ornament (the latter a typical feature of Matisse’s work ).
Seven of the 15 versions can now be seen in the original in the Berggruen Museum. Together with several studies („Ètudes“)

Four „Etudes“ by Picasso:

„Etude pour les femmes d’Alger“, Picasso, 28.12.1954, Foto: Holger Jacobs © Musée Picasso, Paris

In addition to the “Yayoi Kusama” exhibition in the Martin-Gropius-Bau, I consider this Picasso exhibition to be the most important and worth seeing in Berlin at the moment.
Until August 9, 2021.

„Picasso & Les Femmes d’Alger“
Museum Berggruen
Schloßstraße 1
14059 Berlin
Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr
Vom 21.05. – 29.08.2021

Picture series with 11 photos of the „Femmes d’Alger“ by Picasso:

„Les Femmes d’Alger“, Version A, 13.12.2954, Foto: Holger Jacobs © Succession Picasso/ VG Kunst

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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