Egon Schiele in der Albertina in Wien

"Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt", 1917, Egon Schiele in der Albertina © Albertina

Egon Schiele in der Albertina in Wien

 

Von Nikolina Rayuela

25.5.2017

Wir reisen in diese historische Stadt Wien, um die Egon Schiele Ausstellung in der Albertina zu bestaunen. Im Auftakt zum Gedenkjahr 2018 (Schiele starb am 31.10.1918) zeigt das Museum noch bis 18. Juni 2017 eine wunderbare Sammlung seiner Werke. In der Ausstellung werden 160 Arbeiten gezeigt, die Schieles bewegtes Leben umschreiben.

Kunstmuseum Albertina in Wien © Albertina

Gemeinsam mit Fotografien aus der damaligen Zeit möchte die Ausstellung ebenfalls das Umfeld zeigen, in dem Schiele vor 100 Jahren lebte. Und damit auch die Diskrepanz, die zwischen dem damaligen bürgerlichen Leben und dem Künstlerdasein des Egon Schiele herrschte.

Ausstellung Egon Schiele im Kunstmuseum Albertina in Wien © Mario Kiesenhofer/ Albertina

 

Kaum ein anderer brachte wie Egon Schiele die angespannte Stimmung des Fin de Siècle so expressiv zu Papier. Sein herausragendes Oeuvre fußt auf einem aufwühlenden Leben voller erotischer Leidenschaft und Schmerz, wie es in den tiefen Schluchten der menschlichen Seele seinen Ursprung hat.

Egon Schiele wurde 1890 in Tulln an der Donau geboren. Er zählt neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten Malern der Wiener Moderne.

Schon in der Schule wurde sein zeichnerisches Talent entdeckt und sein Kunstlehrer auf dem Gymnasium half ihm bei der Aufnahmeprüfung zur Wiener Akademie der Bildenden Künste, in der er bereits im Alter von 16 Jahren aufgenommen wurde. Doch nachdem ihm die starrsinnige Arbeitsweise an der Wiener Akademie der Bildenden Künste missfiel, verließ er diese bereits nach 2 Jahren und gründete mit einigen seiner Studienkollegen die Neukunstgruppe.

In diese Zeit fällt auch seine erste Begegnung mit Gustav Klimt, damals der bekannteste Maler Wien’s und hoch geschätzte Persönlichkeit der Wiener Gesellschaft. Klimt wurde Schieles Mentor und beide blieben eng befreundet bis zu beider Tod im Jahre 1918.

Portrait von Egon Schiele, Foto von Anton Josef Trcka © Albertina

 

Die Anfänge

Als Egon Schiele und seine Schwester Gerti Vollwaise wurden, bezogen sie zusammen eine ärmliche Bleibe in Wien. Schiele war kein Idealist, und so stürzte sich der sensible Knabe regelmäßig und gerne in menschliche Abgründe, um tiefer in das Wesen des Menschen einzudringen. Er liebte das Theater, besuchte regelmäßig Vorstellungen am Wiener Burgtheater und rezitierte unermüdlich Dramentexte. Die Vermutung liegt nahe, dass er in etlichen seiner Selbstbildnisse in verschiedenen Rollen schlüpfte, um sich selbst zu inszenieren.

Schiele galt als ernster, aber auch großzügiger Mann „von einer Dünnhäutigkeit ohnegleichen“, wie sein Förderer Arthur Rössler ihn einmal beschrieb. Nur die Kunst habe ihn mit Lust beschenkt, darum habe er auch in unersättlicher Gier und beispielloser Unermüdlichkeit gearbeitet.

Viele männliche Figuren und Selbstportraits von Schiele stehen im Zusammenhang mit zwei großen allegorischen Gemälden – Begehrung und Begegnung.

„Selbstbildnis mit Pfauenweste“, 1911, Egon Schiele in der Albertina © Albertina

 

Erste Erfolge

Ein erster Erfolg setzte mit der Großen Internationalen Kunstschau in Wien im Jahre 1909 ein. Der Kunstkritiker Arthur Rössler war auf ihn aufmerksam geworden. Er stellte Schiele mehrere wichtige Wiener Sammler vor, die ihm zahlreiche Aufträge vermittelten. Durch die Bekanntschafft mit dem Malerkollegen Max Oppenheimer verließ Schiele schließlich den dekorativen Jugendstil und wandte sich dem Expressionismus zu.

Im Wiener Prater, einer Hochburg des Varietetheaters, des Vergnügens und der Prostitution, lernte er die ersten Damen kennen, welche wenig später für ihn Model standen (oder besser lagen…). Sein attraktives Äußeres dürfte ihm dabei geholfen haben.
Gustav Klimt war es, der Schiele sein Modell und spätere Geliebte, Wally Neuzil, vorstellte.

„Sitzende Frau mit hochgezogenem linken Bein“, 1917, Egon Schiele in der Albertina © Albertina

 

Krumau

1911 verließ Egon Schiele Wien zusammen mit seiner Lebensgefährtin Wally Neuzil und ließ sich in Krumau nieder. Dicht schmiegen sich die Häuser am Abhang über der Moldau aneinander und fließen wie der Fluss selbst in die Landschaft um Krumau ein. Schiele mochte Krumau, jene Kleinstadt im Böhmerwald in der seine Mutter aufwuchs. So malte er zahlreiche Werke, die die Stadt in den prächtigsten Farben zeigen.

In der Albertina sehen wir ein besonderes Exemplar aus seiner Sammlung, bei dem Schiele ganz bewußt diverse nicht-kolorierte Gebäudefragmente bestehen ließ, während er die danebenliegenden in ein buntes Farbenspiel tauchte. Der Kontrast zwischen den markant hervorgehobenen Farbelementen und den fein gezeichneten Strichen der Hausmauern schafft durch das gekonnte Spiel mit Helligkeit und Dunkelheit eine unheimliche perspektivische Tiefe. Musikalisch hatte 30 Jahre zuvor der tschechische Komponist Bedrich Smetana in seiner berühmten sinfonischen Dichtung „Die Moldau“ die Gegend um Krumau geschrieben.

„Krumau“, 1914, Egon Schiele in der Albertina © Albertina

Doch das unverheiratete Paar wurde von der Kleinstadtbevölkerung abgelehnt. Umso mehr, als er für seine Aktstudien nicht mehr nur erwachsene Frauen, sondern auch minderjährige Mädchen zeichnete. Er wurde angeklagt und musste für 24 Tage ins Gefängnis. 1912 kehrte er deshalb nach Wien zurück.

Trotz seines schlechten Rufs wurde er Dank seines Freundes Gustav Klimt in den Bund Österreichischer Künstler aufgenommen und feierte in der Kunstszene beachtliche Erfolge.

„Weibliches Liebespaar 1915, Egon Schiele in der Albertina © Albertina

 

Die Schwestern

Egon Schiele hatte Edith und ihre Schwester Adele Harms 1914 in Wien kennengelernt, da diese gegenüber seinem Atelier in der Hietzinger Hauptstrasse wohnten. Die Töchter aus gutem Hause waren ein guter Fang für den armen Künstler, und so heiratete er nur ein Jahr später Edith. Sie taucht jedoch nur in wenigen seiner Bilder auf, weil sie nicht seinem künstlerischen Ideal der androgynen, hageren Frauengestalt entsprach. Schiele war der festen Überzeugung, dass der Mensch in einem höheren Sinn ein von Einsamkeit und Abgeschiedenheit geprägtes Dasein führe und nichts die Kluft zwischen Mann und Frau überbrücken könne – nicht einmal die Liebe.

Dieser existenzielle Pessimismus zieht sich durch etliche seiner Werke; insbesondere die Selbstbildnisse verdeutlichen seine Auffassung und verdichten die Vermutung, dass dieser Mann völlig in sich gekehrt lebte und zu wahrer Nähe nicht fähig war. Edith hingegen liebte Schiele inbrünstig.

Den Krieg konnte Schiele Dank glücklicher Umstände gut überstehen und sogar seine Tätigkeit als Maler weiterführen. Kurz vor Kriegsende überkam ganz Europa die Spanische Grippe, an der ca. 10 Millionen Menschen starben. Auch seine im 6. Monat schwangere Frau Edith und er selbst erkrankten Ende 1918 daran und beide starben nur wenige Tage nacheinander.

Leider hatte Egon Schiele nicht das Glück eines langen Lebens wie Pablo Picasso, der 92 Jahre alt wurde und über Tausend Werke schuf. Dafür sind die vergleichweise wenigen Arbeiten von Egon Schiele umso aufregender und mitreißender. Es gibt wohl keinen weiteren Künstler, der Zerrissenheit und Erotik so meisterhaft miteinander verwoben hat, wie Egon Schiele.

Ausstellung bis 18. Juni 2017

EGON SCHIELE
Kunstmuseum Albertina
Albertinaplatz 1
A-1010 Wien
Mo – So 10 – 18 Uhr, Mi – 21 Uhr

10 Bilder: „Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt“, 1917, Egon Schiele in der Albertina © Albertina

 

 

Nikolina Rayuela

Author: Nikolina Rayuela

Studium Journalismus und Unternehmenskommunikation