Königin Lear im Schauspiel Frankfurt

Königin Lear - Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

Königin Lear im Schauspiel Frankfurt

 

Von Dr. Andrea Claussen

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30.11.2016

 

Der belgische Autor Tom Lanoye hat mit seinem Bühnenstück „Königin Lear“ die Grundstory von Shakespeares „König Lear“ in einen neuen Kontext transformiert.

Der Shakespearsche König Lear hat drei Töchter, denen er sein Reich und seine Macht übertragen möchte – unter einer Bedingung: Der König verlangt, dass die Töchter ihm ihre Liebe schwören.

Bei Tom Lanoyes Lear-Version, in der Regiearbeit von Kay Voges und dem Bühnenbildner Daniel Roskamp, sehen wir eine „Königin“ Elisabeth Lear, CEO eines Weltimperiums mit globalen Firmen, dargestellt von der phantastischen Josefin Platt, deren drei Söhne an den Folgen der Verantwortung der Übernahme der mütterlichen Macht (Gregory und Hendrik) und deren Ablehnung (Cornald), gleichermaßen scheitern.

Das Stück beginnt mit der Großbildprojektion auf der Bühne, dem Ausblick vom Dach eines Wolkenkratzers, einer Großstadtsilhouette, die in jeder Metropole dieser Welt sein könnte. Von hier oben blicken die Mächtigen und Reichen in den verglasten Hochhauspalästen dieser Welt auf die Welt, entkoppelt von denen, die „da unten“ sind.

Dann transformiert sich die Bühne in einen nackten schwarz gekachelten Raum, sich perspektivisch nach hinten verjüngend, der im Verlauf des Stücks immer wieder verschiedene Video-Projektionen aufnimmt.

Elisabeth erscheint zunächst als Gesicht auf einer gigantischen Videowand und wendet sich darüber an ihre Söhne Gregory und Hendrik mit ihren Ehefrauen, und an Cornald, er ist unverheiratet. Robert Kent, Elisabeth Lear´s enger Mitarbeiter und rechte Hand ist auch anwesend. Alle tragen schwarze Anzüge oder Kostüme und schwarze Sonnenbrillen, wie im Film „Matrix“.

Elisabeth, die mächtige CEO, ist an Alzheimer erkrankt und möchte, dass ihre Söhne das Firmenimperium zu gleichen Teilen erben, aber sie müssen ihr ihre Liebe schwören.

Was würden wir tun, wenn uns unsere Mutter zwingen würde, ihr unsere Liebe zu schwören, unter der Bedingung des Antritts des Erbes und der Aussicht auf ein großes Vermögen? Hätten wir geheuchelt, wie die beiden älteren Söhne? Oder wären wir wahrhaftig geblieben, wir Cornald, der Lieblingssohn, der der Mutter sagt, dass er sie so liebe, wie ein Kind eben seine Mutter liebt, nicht mehr und nicht weniger.

Elisabeth verstößt Cornald, und auch ihr Vertrauter Robert Kent kann sie nicht davon abhalten, Cornald zu enterben.

Das Drama nimmt seinen Lauf.

Die beiden älteren Brüder treten das Erbe an und verzocken das Unternehmens-Imperium, weil sie den Job nicht können oder falsch anpacken. Der jüngste Sohn Cornald schafft es nicht, sein eigenes Business zum Erfolg zu bringen, entzieht sich zwar der Heuchelei, wird aber am Ende Opfer der Unwahrhaftigkeit dieses Familiensystems. Zwischen Bruderstreit, Erblindung Kents und Intrigen und Boshaftigkeiten zwischen den Schwiegertöchtern, wandelt Elisabeths Pfleger Oleg, der einzige, der Elisabeth wirklich nah sein kann.

Und Elisabeth: Sie kann und will die Wahrheit bis zum Schluß nicht hören. Die Businesswelt hat Elisabeth Lear hart gemacht, Geschäft schlägt Gefühl – und die geistige Umnachtung in ihrer Alzheimererkrankung ist eine erneute Flucht des Körpers, sich ihren Gefühlen zu stellen, der tiefen Liebe zu ihrem jüngsten Sohn, überzeugend dargestellt von der Schauspielerin Carina Zichner.

In „Königin Lear“ sind wir als Zuschauer nicht nur Zeugen des Verfalls der globalen Firma und dem Auseinanderbrechen der Familie Lear, sondern wir erleben parallel den Verfall der Person Elisabeth, deren geistiger Abbauprozess, mit vereinzelten lichten Momenten, von der Schauspielerin Josefin Platt in beeindruckender Authentizität facettenreich dargestellt wird.

Hier ist große Schauspielkunst erlebbar, die diesen Theaterabend unvergeßlich werden läßt.

Sehenswert!

Schauspiel Frankfurt
Neue Mainzer Straße 17
60311 Frankfurt am Main

Königin Lear von Tom Lanoye
Regie: Kay Voges (Intendant am Schauspiel Dortmund)
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Mona Ulrich

Besetzung:

Josefin Platt (Elisabeth Lear)
Peter Schröder (Robert Kent, Lears rechte Hand)
Viktor Tremmel (Gregory, Lears ältester Sohn)
Lukas Rüppel (Hendrik, zweitältester Sohn)
Carina Zichner (Cornald, jüngster Sohn)
Franziska Junge (Connie, Gregorys Frau)
Verena Bukal (Alma, Hendriks Frau)
Owen Peter Read (Oleg, Lears Pfleger)

Nächste Vorstellungen: 2.,3. und 7. Dezember 2016

Königin Lear - Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

8 Bilder: Königin Lear – Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

Andrea Claussen

Author: Andrea Claussen

Dr. Andrea Claussen ist praktizierende Ärztin und seit 2012 Managing Partner in der Firma Leaderchip Choices in Frankfurt

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