Meine Nacht bei Anita Berber

Club Anita Berber, Ölgemälde von Markus Manowski

Meine Nacht bei Anita Berber

 

Von Holger Jacobs

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18.3.16

 

Ein Club in Berlin-Wedding ist nach der berühmten Nackttänzerin Anita Berber benannt, welche im Berlin der 20-er Jahre lebte.

Ich hatte mal wieder bis 2.00 Uhr nachts an einem Artikel geschrieben, aber anders als sonst war ich nicht müde, sondern aufgekratzt und konnte nicht schlafen. Und es war Samstag Abend (wobei ich die Wochentage nur selten mitbekomme). Also ging ich erst einmal vor die Tür. Ich wohne am Oranienburger Tor und, wenn man etwas erleben will, muss man nicht weit gehen. Die Oranienburger Strasse wird am Wochenende zum Ballermann und ständig hört man irgendein Gekreische von jungen Damen. Ich ging los, einmal um den Blog und lande in der Bravo Bar. Gleich mal ein Bierchen zischen. Nur die Leute und die Musik (Charts) liegen mir nicht. Facebook auf meinem Smartphone sagt mir, dass zwei Freundinnen von mir, Felicitas von Anhalt und Russana Jouravel, gerade im Club Anita Berber sind. Aber jetzt ganz in den Wedding fahren? Es ist mittlerweile 3 Uhr nachts. Als ich schon die Stufen zu meinem Appartement hoch laufe drehe ich mich auf dem Absatz um und schnappe mir das nächste Taxi. Der Club Anita Berber liegt in einer ehemaligen Industrieanlage, wie es sie in Berlin noch häufig zu finden gibt. Ein rotes Backstein-Gebäude-Ensemble mit mehreren hintereinander liegenden Innenhöfen. Früher waren hier überwiegend Handwerksbetriebe, heute sind es Künstlerateliers und schicke Lofts. Als das Taxi hält bekomme ich von 2 Gestalten in neonfarbenen Warnwesten gesagt, dass der normale Durchgang zur Party gesperrt wäre, weil sich Anwohner beschwert hätten. Ich müsste außen herum um das Gebäude über einen schmalen Weg, der vereist ist und den man im Dunkeln kaum sehen kann. Aber mich konnte nichts aufhalten. Ein paare Andere folgten mir. Im hintersten Hof angekommen erwartete mich bereits eine Warteschlange von ca. 30 m. Für Berghain-Verhältnisse ist das nichts, nur die Schlange bewegte sich nicht. So stand ich sicher eine ¾ Stunde in der Kälte. Aber es war zum Glück sehr unterhaltsam, denn mit den beiden Mädchen vor mir und dem Pärchen hinter mir begann eine lebhafte Unterhaltung. Und endlich waren wir auch drin. 10 Euro Eintritt und es ging die Stufen hoch. Felicitas traf ich gleich an der Bar. Sie erzählte mir, dass ein DJ vom Berghain hier heute Nacht seinen Geburtstag feierte, deshalb wäre es so voll. Russana war nicht zu sehen. Schnell ein Bier in die Hand und rein ins Getümmel. Alles stand dicht gedrängt und umso näher man dem DJ kam, umso mehr bewegte sich die Menge zum Rhythmus der Musik. Auf dem Weg zu den Mischpulten begegnete ich Denise Staidler, die ich aus dem Soho House kenne. Es schien, dass sie mit einer ganzen Clique gekommen war. Sie ist für mich die typische Berlinerin: Kommt aus Spanien, hat aber deutsche Eltern, wollte nach Berlin, hat tagsüber einen Job, um die Miete zu bezahlen und nachts beginnt das eigentliche Leben: Ein kurzer Blick auf das Line-Up der angesagten Clubs und man entscheidet wo es hingeht.

Sicher, in anderen Städten gibt es das auch, aber Berlin ist in dieser Hinsicht doch etwas anders. Es ist seine Vielfältigkeit und die Größe des Angebots. Ich kann in den Westen gehen in Clubs wie das Puro oder das Pearl und ich fühle mich wie im legendären P1 in München. Gleicher Typ von Mädchen, gleicher Typ von Männern und gleicher Typ von Musik. Und dann kann ich nach Kreuzberg gehen, wo ich im Club der Visionäre oder dem Watergate lande, oder nach Friedrichshain ins Kater blau, ins Berghain oder in die Wilde Renate, nach Mitte ins Weekend oder ins King Size oder eben nach Wedding in den Club Anita Berber. Und immer ist es anders. Für Außenstehende mag die Musikrichtung Elektro/ Techno überall gleich klingen. Doch der Eingeweihte hört den Unterschied. Bleibt man z.B. längere Zeit in einem Club und bekommt mehrere DJ’s hintereinander zu hören (jeder spielt so ca. 1 Stunde), dann merkt man die differenzierten Bass Drums und die verschiedenen Klangfarben. Einen kurzen Ausschnitt vom Abend könnt Ihr auf meinem Video auf KULTUR24 TV hören:

Ach übrigens: Anita Berber war eine Ikone ihrer Zeit im wilden Berlin der 20er Jahre. Mit ihrem bi-sexuellen Ehemann Sebastian Droste führte sie gewagte Performances auf, meistens nackt, was zu ständigen Skandalen und tumultartigen Szenen führte. Sie war durch und durch eine femme fatale, ein Vamp. Emanzipiert und verletzlich. Brutal und sensibel. Sie war eine Frau ihrer Zeit. Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigte vor einem Jahr eine Ausstellung der Fotografin Germaine Krull, die Anita Berber nackt fotografiert hatte.

Als ich um 5.00 Uhr morgens wieder auf den Hof kam schallten meine Ohren noch leicht nach. Dennoch empfand ich die Musik als nicht zu laut sondern genau richtig. Ich hatte mir die richtige Dosis an Dröhnung gegeben – wunderbar!

Club Anita Berber (gegründet 2014 von Mario Radecki alias DJ Sammy Dee und DJ Tom Clark)
Gerichtsstrasse 23
13347 Berlin

Zum Nachlesen:
Anita Berber – Göttin der Nacht“ von Lothar Fischer, Verlag Ebersbach, 2006

Anita Berber wurde nur 29 Jahre alt. Sie spielte in 25 Filmen mit, darunter eine kurze Szene als Tänzerin in „Dr. Mabuse“ von Fritz Lang

 

Anita Berber @ Madame d'Ora, Wien 1922

6 Bilder: Anita Berber @ Madame d’Ora, Wien 1922

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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