Berlinale Summer Special – „The Mauretanian“

Jodie Foster in The Mauretanian © Tobis Film/ kultur24.berlin

Berlinale Summer Special – „The Mauretanian“

 

Von Holger Jacobs

12.06.2021

English text

Am 9. Juni begann der 2.Teil der Berlinale mit 16 open Air Freiluftkinos über die ganze Hauptstadt verteilt. Für die Eröffnung mit einigen Ehrengästen (Jodie Foster war Corona-bedingt nur per Videoschalte aus den USA zu sehen) wurde extra auf der Museumsinsel vor der Alten Nationagalerie eine große Leinwand installiert mit ca. 200 Stühlen (immer mit 1.50 Metern Abstand) auf dem Rasen.

BERLINALE Summer Special – Freiluftkino Museumsinsel © Holger Jacobs

Der Eröffnungsfilm des Berlinale Summer Specials „The Mauretanien“ ist ein sehr spannender und ausgesprochen gut gemachter Polit-Thriller über die Situation der Menschen, die nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 in den Focus der westlichen Geheimdienste gerieten und in menschenunwürdigen Gefängnissen irgendwo auf der Welt für immer verschwanden.

Filmplakat „Der Mauretanier“ © Tobis Film

Zur Erinnerung:

Kurz vor dem Bekanntwerden der grauenhaften Vorgänge in GUANTANAMO war ein anderes Gefängnis in die Schlagzeilen geraten:
ABU GHURAIB in Bagdad/ Irak.
Durch Zufall waren im April 2004 Handy-Fotos von Folterungen an irakischen Gefangenen durch amerikanische Soldaten in die Hände der Presse gelangt und weltweit veröffentlicht worden. Es löste allgemeines Entsetzen darüber aus, wie 60 Jahre nach den Gräueln der Nazis wieder solche Dinge geschehen konnten – ausgeführt von Vertretern eines der ältesten Demokratien der Welt!

Gefängnis Abu Ghraib, Irak, 2004 cc Wikimedia Commons

Hintergrund:

Kurz nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 hatte die damalige US-Regierung unter George W. Bush darüber diskutiert, ob unter gegebenen Umständen Folter erlaubt sein sollte.
In einem geheimen Memorandum erklärte der spätere Justizminister ALBERTO R. GONZALEZ, dass die Gesetze zum Verbot von Folter nicht für so genannte „feindliche Kämpfer“ (weil keine offiziellen Soldaten) gelten würden. Außerdem erklärte er, dass Verhörpraktiken, wie das Waterboarding, nicht als Folter einzustufen seien.
Schon bald nach den Anschlägen wurde berichtet, dass die USA Gefangene zum Foltern sogar an andere Staaten weitergaben.

Landkarte der Insel Kuba cc Wikimedia Commons

Im Dezember 2002 billigte der US-Verteidigungsminister DONALD RUMSFELD  in einem nicht öffentlichen Vermerk 16 spezielle Verhörmethoden für GUANTANAMO, die alle von der Genfer Konvention als Folter eingestuft würden.
Damit es kein Problem mit der amerikanischen Verfassung geben sollte, wurde GUANTANAMO BAY auf Kuba für diese spezielle Behandlung von Gefangenen ausgewählt, weil es sich nicht auf amerikanischem Boden befindet.
Diese Ansicht wurde allerdings 2004 durch ein Urteil des Supreme Court in den USA durch den „HABEAS CORPUS“ Grundsatz widerlegt, der besagt, dass die landesüblichen Gesetze auch dort gelten, wo ein Land die „uneingeschränkte Hoheitsgewalt“ besitzt – was in GUANTANMO BAY auf Kuba der Fall ist).

„The Mauretanian“ – der Film

Der Film beruht auf Tatsachen. Das Drehbuch wurde nach den Briefen verfasst, die der Guantanamo Gefangene Nr. 760, Mohamedou Slahi, über Jahre hinweg an seine Anwältin Nancy Hollander (Jodie Foster) schrieb. Diese Briefe sind trotz vehementer Behinderung seitens der US-Regierung im Jahre 2015 unter dem Titel „GUANTANAMO DIARY“ veröffentlicht worden.
Jodie Foster gewann für ihre Rolle als Anwältin Nancy Hollander einen Golden Globe 2021.

Der Film beginnt in Mauretanien (Westafrika) im November 2001, zwei Monate nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September.
Mehrere mauretanischen Polizisten nehmen Slahi fest, um ihn nach seinen Kontakten zur AL-QUAIDA von Osama bin Laden zu befragen.
Die Mauretanische Polizei liefert ihn anschließend an die CIA aus. Von denen nach Jordanien verschleppt, wird Slahi jetzt Tag und Nacht durch zwei CIA-Agenten befragt.
Slahi hatte das Pech, dass ihn sein Cousin kurz nach den Anschlägen von Osama bin Ladens Handy aus anrief. Außerdem bekam er kurz danach von diesem Cousin noch 5000.- Dollar zugeschickt (was aber nur für die Krankenhauskosten der Mutter vorgesehen war).
Auch wird er zu einem der Terror-Piloten befragt, die ins World Trade Center geflogen sind. Einer von ihnen hatte bei ihm für eine Nacht in seiner Studentenwohnung in Duisburg übernachtet (Slahi hatte ein Universitäts-Stipendíum in Deutschland, wie übrigens auch drei der anderen Terror-Piloten, Mohammed Atta, Ziad Jarrah und Marwan al-Shehhi, die auf eine Universität in Hamburg gingen).

In den Verhören gab er alle diese Geschehnisse zu, sagte aber, dass er zur Al-Quaida selbst und den Männern vom 11.September keinerlei engeren Kontakt hätte. Erst recht wäre er kein Rekrutierer für Terroristen, wie ihm von Seiten der CIA vorgeworfen wird.

Anfang 2002 wird Slahi schließlich in die amerikanische Militärbasis Guantanamo Bay gebracht. Diese Bucht am südlichen Zipfel von Kuba wird seit 1934 von der amerikanischen Regierung vom Kubanischen Staat gepachtet. Der Pachtvertrag ist unbefristet.

In Guantanamo Bay begannen ab Frühjahr 2002 die grausamen Foltermethoden, die Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kurz zuvor angeordnet hatte. Darunter Waterboarding, Nahrungsentzug, Kälteeinwirkung, komplette Dunkelheit über mehrere Tage, stundenlanges Stehen in unterwürfiger Haltung, sexuelle Erniedrigung. Als das bei Slahi nicht die gewünschte Wirkung zeigte, drohte man ihm schließlich, seine Mutter zu entführen und in Guantanamo von Wärtern vergewaltigen zu lassen.

Knapp 70 Tage hielt Slahi diese Foltern durch, bis er nicht mehr konnte und alles zugab, was ihm vorgeworfen wurde.

Durch das Urteil des Supreme Court im Herbst 2004 war es ab 2005 Anwälten erlaubt Haftprüfung für Gefangene in GUANTANAMO zu beantragen.

Über einen Freund bekommt die Anwältin NANCY HOLLANDER (Jodie Foster) von der renommierten Anwaltskanzlei Freedman Boyd & Hollander in Albuquerque/ New Mexico den Vorschlag, sich doch mal den Fall des in Guantanamo einsitzenden MOHAMEDOU OULD SLAHI anzusehen.
Die Anfrage kam von einem französischen Anwalt in Europa. Zusammen mit ihrer jungen Assistentin Teri Duncan fliegt Nany Hollander daraufhin nach Kuba und besucht dort den Gefangenen.

Hier beginnt die Geschichte des Kampfes einer Anwältin um Recht und Menschenwürde, der 11 Jahre dauern wird.

Der Film, gedreht von dem renommierten Regisseur KEVIN MACDONALD (Oscar für einen Dokumentarfilm über das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972, sowie einen British Academy Film Award für den Spielfilm „The last King of Scotland“) drehte den Film spannend wie ein Krimi.
Der Zuschauer sitzt gebannt von der ersten bis zur letzten Minute in seinem Kinosessel. Vor allem, weil es immer wieder überraschende Wendungen in diesem Drama gibt.
Ganz herausragend ist die Leistung von JODIE FOSTER als Anwältin, der man genau ansieht, wie ihr der Fall zu Herzen geht, gleichzeitig aber immer bemüht ist, sachlich zu bleiben und den Fall nur nach streng juristischen Maßstäben zu betrachten. Wogegen ihre Kollegin Teri (gut gespielt von SHAILENE WOODLEY („The Divergent“)) kurzzeitig die Contenance verliert.

Selbst der Anwalt der Regierung, Lt. Col. Stuart Couch (ebenfalls hervorragend gespielt von BENEDICT CUMBERBATCH) wird in das miese Spiel von CIA, Verteidigungsministerium und Militär mitreingezogen.
Und der Darsteller des Slahi, der französische Schauspieler algerischer Abstammung TAHAR RAHIM (European Film Award für „Le Prophèt“, 2009), meistert diese schwierige Rolle überzeugend und glaubhaft.

Fazit

Für mich der beste Film seit langem. Und besonders wichtig auch auf Grund der Tatsache, dass wir 2021 den 20. Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center gedenken werden.
3000 sinnlos gestorbene Menschen. Und weitere 100.000 Tote in den Nachfolgekriegen in Afghanistan und dem Irak.

Dieser Film ist ein Lehrstück über Demokratie und Menschenwürde und ein wichtiger Beitrag darüber, wie der Staat auch in Extremsituationen nie die Rechte des Menschen außer Acht lassen darf.
Für die ganze Familie ab 12 Jahre. Unbedingt reingehen!

Bilderserie mit 10 Fotos der Filmproduktion:

10 Photos: Jodie Foster als Nancy Hollander in „THE MAURETANIAN“ @ Tobis Film

 

English text

Berlinale Summer Special – „The Mauretanian“

 

By Holger Jacobs


06/12/2021

The 2nd part of the BERLINALE Filmfestival began on June 9th with 16 open air cinemas spread across the capital.
For the opening with some guests of honor (due to Corona, Jodie Foster could only be seen via video switch from the USA), a large screen with approx. 200 chairs (always 1.50 meters apart) was installed on the lawn on Museum Island in front of the Alte Nationagalerie .

BERLINALE Summer Special – Freiluftkino Museumsinsel © Holger Jacobs

The opening film of the Berlinale Summer Special is the very exciting and extremely well-made political thriller „The Mauretanien“ about the situation of people who came into the focus of Western intelligence services after the attacks of September 11, 2001 and disappeared forever in inhumane prisons somewhere in the world .

Filmplakat „Der Mauretanier“ © Tobis Film

To remember:

Shortly before the gruesome events in GUANTANAMO became known, another prison hit the headlines:
ABU GHURAIB in Baghdad / Iraq.
By coincidence, cell phone photos of the torture of Iraqi prisoners by American soldiers came into the hands of the press in April 2004 and were published worldwide.
It caused general horror how after 60 years of the atrocities of the Nazis such things could happen again – carried out by representatives of one of the oldest democracies in the world!

Gefängnis Abu Ghraib, Irak, 2004 cc Wikimedia Commons

Background:

Shortly after the terrorist attacks on September 11, 2001, the then US administration under George W. Bush discussed whether torture should be permitted under certain circumstances.
In a secret memorandum, the future Justice Minister Alberto R. Gonzales declared that the laws prohibiting torture would not apply to so-called “enemy fighters” (because they were not official soldiers). He also stated that interrogation practices such as waterboarding should not be classified as torture.
Soon after the attacks, it was reported that the US was even transferring prisoners to other states for torture.

In December 2002, Donald Rumsfeld, on a closed note, approved 16 special interrogation methods for GUANTANAMO, all of which would be classified as torture by the Geneva Convention.
In order to avoid a problem with the American Constitution, GUANTANAMO BAY in Cuba was selected for this special treatment of prisoners because it is not on American ground. However, this view was refuted in 2004 by a judgment of the Supreme Court in the USA because of the „HABEAS CORPUS“ principle, which states that the customary laws also apply where a country has „unrestricted sovereignty“ – which is in GUANTANMO BAY in Cuba the case is.

Landkarte der Insel Kuba cc Wikimedia Commons

„The Mauretanian“ – the film

The film is based on a true story.
The script was written from the letters that Guantanamo Prisoner No. 760, Mohamedou Slahi, wrote to his attorney Nancy Hollander (Jodie Foster) over the years.
These letters were published in 2015 under the title „GUANTANAMO DIARY“ despite vehement obstruction by the US government.
Jodie Foster won a Golden Globe 2021 for her role as lawyer Nancy Hollander.

The film opens in Mauritania (West Africa) in November 2001, two months after the attacks on the World Trade Center on September 11th. Several Mauritanian police arrest Slahi in order to question him about his contacts with the AL-QUAIDA of Osama bin Laden.
The Mauritanian police then extradite him to the CIA. From those deported to Jordan, Slahi is now questioned day and night by two CIA agents. Slahi was unlucky that his cousin called him from Osama bin Laden’s cell phone shortly after the attacks. And second problem, this cousin also sent him then $ 5,000 (which was only intended for the mother’s hospital costs). He is also asked about one of the terrorist pilots who flew into the World Trade Center. One of them had stayed with him for one night in his student apartment in Duisburg/ Germany (Slahi had a university scholarship in Germany, as did three of the other terrorist pilots, Mohammed Atta, Ziad Jarrah and Marwan al-Shehhi, who were at a university in Hamburg).

He admitted all of these events during interrogation, but said that he had no close contact with Al-Qaeda itself or the September 11 men. He would certainly not be a recruiter for terrorists, as he is accused of by the CIA.

In early 2002, Slahi was finally taken to the American military base at Guantanamo Bay.
This bay on the southern tip of Cuba has been leased by the American government from the Cuban state since 1934.
The lease is open-ended.
In the spring of 2002, the cruel torture methods that Defense Secretary Donald Rumsfeld had ordered shortly before began in Guantanamo Bay. Including waterboarding, food deprivation, exposure to cold, complete darkness for several days, standing for hours in a submissive posture, sexual humiliation.
When this did not have the desired effect on Slahi, he was finally told that his mother would be kidnapped and bring to Guantanamo to be raped by the guards.
Slahi endured this torture for almost 70 days until he was broken drown and admitted everything that he was accused of.

By the ruling of the Supreme Court in autumn 2004, lawyers were allowed to apply for a detention trial for prisoners in GUANTANAMO from 2005.
Through a friend, the lawyer Nancy Hollander (Jodie Foster) from the renowned law firm Freedman Boyd & Hollander in Albuquerque / New Mexico got the suggestion to take a look at the case of MOHAMEDOU OULD SLAHI, who is incarcerated in Guantanamo.
The request came from a French lawyer in Europe. Together with her young assistant Teri Duncan (Shaileen Woodley), Nany Hollander then flies to Cuba and visits the prisoner.
Here begins the story of a lawyer’s struggle for rights and human dignity that will last for 11 years.

The movie, shot by the renowned director KEVIN MACDONALD (Oscar for a documentary about the assassination of the Israeli Olympic team in Munich in 1972, as well as a British Academy Film Award for the feature film „The last King of Scotland“) directed the film as exciting as a crime thriller .
The viewer sits spellbound in his seat from the first to the last minute.
Mainly because there are always surprising twists and turns in this drama. The performance of JODIE FOSTER as the lawyer is outstanding, you can see how the case goes to her heart, but at the same time she always tries to remain factual and only look at the case according to strict legal standards.
Whereas her colleague Teri (well played by SHAILENE WOODLEY („The Divergent“)) loses „contenance“ for a short time.

Even the government attorney, Lt. Col. Stuart Couch (also excellently played by BENEDICT CUMBERBATCH) is drawn into the lousy game of the CIA, the Department of Defense and the military.
And the actor in the role of Slahi, the French actor of Algerian descent TAHAR RAHIM (European Film Award for “Le Prophèt”, 2009), masters this difficult role convincingly and credibly.

For me the best film in a long time.
And especially important because of the fact that in 2021 we will commemorate the 20th anniversary of the terrorist attacks on the World Trade Center, when 3000 people died senselessly. And another 100,000 dead in the aftermath wars in Afghanistan and Iraq.

This film is a didactic piece about democracy and human dignity and an important contribution to how a government must never disregard human rights, even in extreme situations.
Conclusion: For the whole family from 12 years on. Definitely worth to see!

Here our picture series with 10 photos of the film production:

10 photos: Jodie Foster als Nancy Hollander in „THE MAURETANIAN“ @ Tobis Film

 

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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