Die Bücher Tipps für den Monat November

Die Bücher Tipps im November 2021 © kultur24.berlin

Die Bücher Tipps für den Monat November

 

Von Jörg Braunsdorf

Jörg Braunsdorf

01.11.2021

Ein Coming-of-age Roman, zwei Krimis, koloniale Geschichte und einen culture clash in Berlin-Mitte sind die Garantien für lange Leseabende im November.

„Die Unzertrennlichen“, Simone de Beauvoir, Rowohlt Verlag

Der autofiktionale Roman „Die Unzertrennlichen“, erzählt die tatsächliche Kindheits- und Jugendfreundschaft von Simone de Beauvoir (Sylvie) mit ihrer besten Freundin Elisabeth Lacoin (Andrée).
Basis ist ein bisher unveröffentlichtes Manuskript, welches jetzt nach 70 Jahren endlich von der Adoptivtochter von Simone de Beauvoir, Sylvie le Bon de Beauvoir, freigegeben wurde. Begründung für die damalige Nicht-Veröffentlichung: es sei zu intim, was sicher der Prüderie der 50er Jahren geschuldet war.
Der Roman erzählt die tiefe Freundschaft zwischen den beiden Mädchen, die sich als 9-jährige in der Schule kennenlernen. Für Simone de Beauvoir war es mehr als Freundschaft. Es war Liebe.
Zitat: „Ich begriff plötzlich, voller Staunen und Freude, dass die Leere in meinem Herzen, die Trostlosigkeit meiner Tage nur einen Grund gehabt hatten: Andrées Abwesenheit. Ohne sie war das Leben nicht mehr lebenswert. Ich kann ohne Andrée nicht mehr leben.“
Die Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir erzählt in „Die Unzertrennlichen“ nicht nur eine Coming-of-Age Geschichte, sondern zeichnet ein Bild der 20er Jahre voller Bigotterie, katholischer Spießigkeit als Tugendhaftigkeit getarnt, das so gar nichts mit dem so oft besungenen schillernden Jahrzehnt zu tun hat.
Dieser 143 Seiten umfassende Roman verbindet also das Erwachsenenwerden mit dem solidarischen Engagement gegen kleinbürgerliche Enge.
Er schlägt einen persönlichen und zeitgeschichtlichen Bogen vom erwachenden Bewusstsein des Mädchens Simone zur Studentin und existenzialistischen Feministin.
Das erstmalige Erscheinen dieses Buches ist die Gelegenheit Simone de Beauvoir von Kindheit an zu entdecken und ihre Schlüsselrolle für die französische Geschichte und die Geschichte der Linken in Frankreich zu erkennen.
Am besten durch die anschließende Lektüre des Romans „Les Mandarins“ (Die Mandarins von Paris) für den sie 1954 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Ein Schlüsselroman des Existenzialismus.

Unzertrennlichen, Simone de Beauvoir

„DIE UNZERTRENNLICHEN“, Simone de Beauvoir © Rowohlt Verlag

 

„Keine Ruhe in Montana“, James Lee Burke, Pendragon Verlag

Dies ist eine Hommage an den mittlerweile 85-jährigen Autor und auch eine Verneigung vor seinem Verlag in Deutschland, den Pendragon Verlag aus Bielefeld. Günther Butkus, der Verleger, feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Verlagsjubiläum. Chapeau! Ein unabhängiger, inhabergeführter Verlag, ein Unternehmen, das von Butkus wie ein Segelboot von einem Einhandsegler durch die Stürme gesteuert wird und dem es immer wieder gelingt Neues zu entdecken oder Gewesenes wiederzubeleben. Zum Beispiel die Amerika-Krimis von James Lee Burke. Es liegen bis jetzt 23 Krimis mit der Romanfigur Dave-Robicheaux vor, 17 sind mittlerweile im Pendragon Verlag auf Deutsch erschienen, alle über jeweils 500 Seiten Umfang. Pralle amerikanische Geschichte, kernige Charaktere, höchste Spannung, der Vietnamkrieg als traumatische Realität der sich wie ein Schirm über das Land legt. So auch in dem jüngst erschienenen Band „Keine Ruhe in Montana“.  Robicheaux freut sich auf einen entspannten Angelurlaub in Montana, mit seiner Frau Molly und seinem besten Freund Clete, doch dann geschehen einige brutale Morde, in deren Verlauf sich die dunkle Seite Amerikas wiederspiegelt; traumatische Erinnerungen, White Supremacy, brutale patriarchale Herrschaftsverhältnisse, Korruption, die ganze Palette. Burke schreibt Krimis die die USA erklären, stundenlanges Lesen garantiert.

Keine Ruhe in Montana, James Lee Burke

„KEINE RUHE IN MONTANA“, James Lee Burke © Pendragon Verlag

 

„Die Stadt, Das Geld und Der Tod“, Frank Göhre, Culturbooks

Im Juni 2020 empfahl ich hier auf kultur24 den Comeback-Krimi von Frank Göhre. Jetzt hat er nachgelegt. Und wie! Im Oktober und im November auf der Krimi-Bestenliste, zu Recht. Ich mag episch erzählte Romane, bin aber auch ein Freund verdichteter Storys. Und Göhre ist ein Meister der knallharten, auf den Punkt geschriebenen, verknappten Romane. Das Filmauge liest mit, die Erzählung schmeichelt der Betrachtung und lässt sie uns illusionslos verarbeiten. Soviel erzählerische Finesse, soviel realistische Story. Sein neuer Krimi spielt in Hamburg, erzählt Clankriminalität, erzählt politische Korruption und wirtschaftlich-kriminelle Energien, erzählt den Wunsch nach kleinbürgerlicher Friedlichkeit und der Unmöglichkeit derselben. Göhre seziert Hamburg, weil es seine Stadt ist. Er erspart sich nichts und öffnet allen Lesenden den Horizont für eine dramatische, zivilgesellschaftlich desaströse Realität, die nicht nur im kriminellen, sondern vor allem auch im bürgerlichen Milieu gedeiht.

Die Stadt, Das Geld und Der Tod, Frank Göhre

„DIE STADT; DAS GELD UND DER TOD“, Frank Göhre © culturbooks

 

„Alle außer mir“, Francesca Melandri, Wagenbach Verlag + btb Verlag

Von der Autorin liegen drei Romane bei Wagenbach vor. Wer einen von ihnen gelesen hat, wird auch die anderen lesen, es bleibt keine Wahl. „Alle außer mir“ ist ein Familienroman, des weiteren liegen die Romane „Eva schläft“ und „Über Meereshöhe“ vor. „Alle außer mir“ ist ein Buch, das die Frage der kolonialen Verantwortung Italiens in den Mittelpunkt rückt. Und nicht nur das. Es geht vor allem auch um die europäische Verantwortung, die nicht einfach an den Landesgrenzen abgelegt werden kann, es geht auch um die Festung Europa, die Flüchtlingen ihre Grenzen zur Freiheit aufzeigt, es geht um europäische Willkür, individuell und generell, die Menschen ihre Freiheit entzieht. Eine Politik unserer gewählten Organe. Ilaria, die Protagonistin des Romans wird plötzlich mit der Realität eines äthiopischen Verwandten konfrontiert, eines Familienmitgliedes. Es ist keine Geflüchteten-Realität, sondern eine faszinierende Familiengeschichte über drei Generationen, die die Frage nach der kolonialen Verantwortung Italiens, vor dem Hintergrund des Völkermordes der faschistischen Mussolini-Truppen in Äthiopien und Eritrea in den 30er Jahren erzählt. Die Spurensuche von Ilaria wird somit zur unserer Suche nach Gerechtigkeit in Europa, nach Gerechtigkeit in der globalen Welt, konfrontiert uns mit Verbrechen in der Vergangenheit und der Unfähigkeit diese Aufzuarbeiten, bis hin zur Negierung der Schuld und der Frage nach aktueller Verantwortung.

Alle außer mir, Francesca Melandri

„ALLE AUSSER MIR“, Francesca Melandri © Wagenbach Verlag

 

„Doitscha“, Adriana Altaras, Fischer Verlag

Adriana Altaras ist jüdische Kroatin und hat mit „Titos Brille“ einen großartigen Familienroman vorgelegt.
In „Doitscha“ erzählt sie nun ihre Familiengeschichte in Berlin-Mitte. Eine jüdisch-kroatische Mutter, ihr Mann, ein katholischer Musikwissenschaftler aus Münster und dazwischen die aufwachsenden Kinder.
Ein „Kulturschock“ alltäglicher Güte!
Adriana Altaras gelingt in all ihren Romanen der Spagat, ihre Familien-Geschichten, ihre Geschichten jüdischer Verankerung vor dem Hintergrund einer illustren Familienrealität witzig und ernst zugleich zu erzählen. Aus dem Bewusstsein der Shoa schreibt sie bedrückende Familiengeschichten, aber sie befreit uns von der historischen Last durch mutige und positive Erzählungen nach vorn. Was bleibt ist das Lesevergnügen, aber auch die Notwendigkeit, sich den Herausforderungen antisemitischer und menschenverachtender Tendenzen im Alltag entgegenzustellen.

Alle außer mir, Francesca Melandri

„DOITSCHA“, Adriana Altaras © Fischer Verlag

 

Jörg Braunsdorf
Tucholsky Buchhandlung
Tucholskystrasse 47
10117 Berlin-Mitte
Tel. 030 275 77 663

Tucholsky Buchhandlung, Tucholskystr. 47, Berlin-Mitte

 

Jörg Braunsdorf

Author: Jörg Braunsdorf

Jörg Braunsdorf ist Inhaber der 2010 gegründeten Tucholsky-Buchhandlung in der Tucholskystraße 47 in Berlin-Mitte.
Auszeichnungen: 4-maliger Gewinner des Deutschen Buchhandlungspreises, zuletzt für das Jahr 2020

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