Die neuen Filme im Kino – 17.09.2020

JEAN SEBERG - Kristen Stewart © Prokino

Die neuen Filme im Kino – 17.09.2020

 

Von Holger Jacobs

17.09.2020

English text

„JEAN SEBERG – AGAINST ALL ENEMIES“ – Biopic, Drama – USA – 2019
Regie: Benedict Andrews
Cast: Kristen Stewart, Antony Mackie, Margaret Qualley, Zazie Beetz, Vince Vaughn, Yvan Attal, Jack O’Connell
Filmverleih: Prokino

Warum ich heute bereits um 15.00 Uhr in die erste Vorstellung am ersten Tag der Veröffentlichung des Films „Jean Seberg“ hatte zwei Gründe:
Erstens liebe ich Kristen Stewart und zweitens liebe ich die Person und die Geschichte um Jean Seberg.

Wer so wie ich noch die alten französischen Filme der Nouvelle Vague kennt, von Regisseuren wie Francois Truffaut, Jacques Rivette, Louis Malle und natürlich Jean-Luc Godard, der kommt an dieser wunderbaren Schauspielerin Jean Seberg nicht vorbei. Sie spielte in Godards vielleicht berühmtesten Film „A bout de souffle“ (Außer Atem), nach einem Skript von Francois Truffaut, die Freundin von Jean-Paul Belmondo.

„A BOUT DE SOUFFLE“, 1962, Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo © Arthaus

Beide noch sehr jung und am Anfang ihrer Filmkarrieren, spielten sie eine Amour Fou, wie sie nur Godard erzählen konnte. Wer diesen Film einmal gesehen hat, wird Jean Seberg nicht vergessen. Ihr Gang über die Champs-Elysées beim Verkauf der Harald-Tribune ist legendär.

„A BOUT DE SOUFFLE“, 1962, Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo © Arthaus

Aber das sollte nicht alles sein, was Jean Seberg zur Legende werden ließ.

Jean Dorothy Seberg kam 1938 in Iowa zur Welt und machte später eine Schauspielausbildung auf der University of Iowa.
Bereits im Alter von 19 Jahren bekam sie die Hauptrolle der Jeanne d’Arc in dem Monumentalfilm „Die heilige Johanna“ unter dem Starregisseur Otto Preminger. Zwei weitere Filme unter Preminger folgten, u.a. „Bonjour Tristesse“ nach dem berühmten Roman von Francois Sagan.
Kaum 20 Jahre alt war Jean Seberg bereits ein Superstar.

„A BOUT DE SOUFFLE“, 1962, Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo © Arthaus

Doch mit Otto Preminger kam es zum Bruch. Angeregt durch gleich zwei Filme mit französischem Hintergrund ging sie nach Frankreich, heiratete einen Franzosen und drehte mit 22 Jahren „Außer Atem“ von Jaen-Luc Godard.
Und wurde auch dort über Nacht ein Superstar, eine Icone der Nouvelle Vague.
Kurz darauf folgte Ehemann Nr. 2, Romain Gary (gespielt im Film von Frankreichs Kinostar Yvan Attal), selbst berühmter französischer Schriftsteller und Diplomat. Mit ihm bekam sie ihren Sohn Diego (betreibt heute in Barcelona ein Café mit Buchladen und hat ein ergreifendes Buch über seine Eltern geschrieben).
Durch eine Verleumdungskampagne des FBI, sie würde ein Kind von einem farbigen Black Panther Aktivisten bekommen, was gelogen war, bekam sie einen Nervenzusammenbruch und verlor dadurch ihr 2. Kind, eine Tochter, durch eine Frühgeburt.
In den darauffolgenden Jahren beging sie an jedem Todestag ihrer Tochter, am 30. August, einen Selbstmordversuch. Am 30. August 1979 gelang es ihr.
18 Monate später beging der Vater Diegos, Romain Gary, ebenfalls Selbstmord.

Handlung

Der Film setzt erst ein im Jahre 1968, als Jean Seberg bereits in Europa und Amerika eine berühmte Schauspielerin ist und erzählt überwiegend von ihrer Beziehung zu der amerikanischen Black Panther Bewegung und der daraus resultierenden Überwachung durch das FBI. Durch die systematische Überwachung und die zusätzlichen verleumderischen Lügen in der Presse (ebenfalls gestreut vom FBI) wird sie psychisch so stark unter Druck gesetzt, dass sie 1970 einen Nervenzusammenbruch und eine Fehlgeburt erleidet.
Hier endet der Film.

Kritik

Wie so häufig sind zu große Erwartungen Schuld daran, dass es zu Enttäuschungen kommt.
So auch hier. Der Film ist nicht schlecht, ist relativ spannend und durchaus unterhaltsam.
Aber diese Geschichte hätte mehr verdient.
Zum Beispiel wird ein wesentlicher Teil ausgelassen: Jean Sebergs mysteriöser Tod am 30. August 1979 im Bois de Boulogne in Paris.
Ihr Leben war schon außergewöhnlich genug, aber dieser Tod, der bis heute nie aufgeklärt werden konnte, hat die Legendenbildung erst richtig angefacht. Denn sie wurde dort erst 10 Tage später nach dem möglichen Todeszeitpunkt aufgefunden, nackt, nur in eine Wolldecke gehüllt, eingeklemmt zwischen Vorder- und Rücksitzbank.
Ein Abschiedsbrief und Tablettenröhrchen lag neben ihr. Auf Grund der langen Liegedauer der Leiche konnten keine Medikamente mehr im Körper nachgewiesen werden. Nur einen Alkoholgehalt des Blutes von 8 %, der bei einem Menschen praktisch nicht möglich ist, da bereits ab 4-5 % Blutalkohol der Tod eintritt. Die Todesursache bleibt also ungewiss.
Bis heute halten sich Gerüchte, dass der amerikanische Geheimdienst sie umgebracht hätte. Beweise dafür gibt es nicht.

Kristen Stewart, Toronto Film Festival 2019, CC-BY-2.0

Das Beste an dem Film ist zweifellos Kristen Stewart!
Interessant dabei, dass sie gar nicht erst versucht Jean Seberg zu spielen, sondern sie spielt sich selbst in der Rolle der Jean Seberg. Grandios!
Dafür gibt es mehrere Beispiele: Kennt man den Film „Atemlos“, weiß man, dass Jean Seberg eher mädchenhaft und schüchtern, noch sehr ihrer Zeit (Anfang der 60er Jahre) entsprechend war. Und sehr jung.
Kristen Stewart dagegen ist 30 Jahre alt und eine sehr selbstbewusste Frau des 21. Jahrhunderts. Und so spielt sie auch.
Zum Beispiel, wie sie sich in dem Film den Black Power-Aktivisten Jamal (Antony Mackie) schnappt. Das ist ganz und gar eine Frau aus dem Jahr 2020 und nicht mehr aus dem Jahr 1960.
Und auch die äußere Erscheinung. Beide zwar kurzhaarig, Jean Seberg aber wasserstoffblond (ganz 60er), Kristen Stewart nur normalblond mit deutlich sichtbarem Nachwachsen der dunklen Haarfarbe.

Dabei ist die Veränderung von Kristen Stewart als Bella in der „Twilight“ Saga von 2008 zur Rolle der Jean Seberg von 2020 außerordentlich. Ein großer Sprung in Reife und Persönlichkeit.
Allein wegen Kristen Stewart lohnt sich dieser Film.

Doch noch einen weiteren Aspekt möchte ich hier erwähnen.
Beim Ansehen der Überwachungsmanie des FBI von 1968 unter seinem damaligen Chef J. Edgar Hoover wurde ich doch sehr an die STASI, den Staatsicherheitsdienst der ehemaligen DDR, erinnert, der zu seiner Zeit auch alles und jeden nur annähernd Verdächtigen überwachen ließ. Sogar Kinder.

„DAS LEBEN DER ANDEREN“, Ulrich Mühe © Ocean Film

Wer diese FBI-Typen im Nebenzimmer von Jean Seberg/ Kristen Stewart sitzen sieht, die sogar noch die Beischlafszene mit ihrem Liebhaber Jamal bis in den kleinsten Stöhner auf Band aufzeichnen, wird sehr an die fast gleiche Szene im Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck erinnert. Hier sitzt Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler/ Ulrich Mühe in der Wohnung über einem Liebespaar. Auch hier mit verheerenden Folgen für die beteiligten Menschen.

„DAS LEBEN DER ANDEREN“, Sebastian Koch, Martina Gedeck © Ocean Film

Die Erkenntnis: Selbst die älteste Demokratie der Welt kann zu einem Unrechtsstaat werden, wenn die falschen Leute an die Macht kommen.

Zweite Erkenntnis aus dem Film: Die Situation der Schwarzen in Amerika hat sich seit 1960 nicht verändert!
Die weiße Mehrheit in den USA hegt heute noch denselben Hass gegen die schwarze Minderheit, wie vor 60 Jahren.
Die Demonstrationen der BLACK LIFES MATTER Bewegung von 2020 sehen nicht anders aus wie die Massendemonstrationen der BLACK PANTHER Bewegung in den 60er Jahren. Und auch dieselben Sprüche und dieselben Wünsche werden in die Lautsprecher gebrüllt.
Nichts hat sich geändert!

Fazit: Sehenswert, auch wenn das Drehbuch Schwächen hat. Für die ganze Familie.

Hier unsere Bilderserie mit 6 Fotos aus „JEAN SEBERG“:

„JEAN SEBERG“, Kristen Stewart © Prokino

 

English text

 

 

The new films in the cinema – 17.09.2020

 

By Holger Jacobs


17.09.2020

„JEAN SEBERG – AGAINST ALL ENEMIES“ – Biopic, Drama – USA – 2019
Director: Benedict Andrews
Cast: Kristen Stewart, Antony Mackie, Margaret Qualley, Zazie Beetz, Vince Vaughn, Yvan Attal, Jack O’Connell
Distribution: Prokino

There were two reasons why I went to the first performance at 3 pm on the first day of the release of the film “Jean Seberg”: firstly, I love Kristen Stewart and, secondly, I love the person and the story of Jean Seberg.
Anyone who, like me, still knows the old French films of the Nouvelle Vague, by directors such as Francois Truffaut, Jacques Rivette, Louis Malle and of course Jean-Luc Godard, cannot ignore this wonderful actress Jean Seberg. She starred in Godard’s most famous film „A bout de souffle“ (Out of breath), based on a script by Francois Truffaut, the friend of Jean-Paul Belmondo.
Both still very young and at the beginning of their film careers, they play an amour fou, as only Godard could tell. Anyone who has seen this film once will not forget Jean Seberg.
Her walk on the Champs-Elysées when she sold the Harald Tribune is legendary.

„A BOUT DE SOUFFLE“, 1962, Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo © Arthaus

But that shouldn’t be all that made Jean Seberg a legend.
Jean Dorothy Seberg was born in Iowa in 1938 and later trained as an actor at the University of Iowa. Already at the age of 19 she got the lead role of Jeanne d’Arc in the monumental film “Die heilige Johann” under the star director Otto Preminger. Two more films under Preminger followed, including „Bonjour Tristesse“ based on the famous novel by Francois Sagan. Barely 20 years old, Jean Seberg was already a superstar.

„A BOUT DE SOUFFLE“, 1962, Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo © Arthaus

But there came a break with Otto Preminger. Inspired by two films with a French background, she went to France, married a French man and, at the age of 22, shot Jaen-Luc Godard’s “Out of breath”.
And there, too, she became a superstar overnight, an icon of the Nouvelle Vague.

„A BOUT DE SOUFFLE“, 1962, Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo © Arthaus

Shortly thereafter, she married husband No. 2, Romain Gary (played by France’s movie star Yvan Attal), himself a famous French writer and diplomat. With him she had her son Diego (now runs a café and bookshop in Barcelona and has written a poignant book about his parents). Through a smear campaign by the FBI that she would have a child from the Black Panther activist, which was a lie, she had a nervous breakdown and lost her second child, a daughter, to a premature birth.
In the years that followed, she attempted suicide on every anniversary of her daughter’s death on August 30th.
She succeeded on August 30, 1979.
Eighteen months later, Diego’s father, Romain Gary, also committed suicide.

Story

The film does not start until 1968, when Jean Seberg is already a famous actress in Europe and America and mainly tells of her relationship with the American Black Panther movement and the resulting surveillance by the FBI.
The systematic surveillance and the additional slanderous lies in the press (also spread by the FBI) ​​put her under so much psychological pressure that she suffered a nervous breakdown and a miscarriage in 1970. The film ends here.

Critics

As is so often the case, great expectations lead to disappointments. So here too.
The film isn’t bad, it’s relatively exciting and quite entertaining. But this story deserved more.
For example, an essential part is left out: Jean Seberg’s mysterious death on August 30, 1979 in the Bois de Boulogne in Paris.
Her life was extraordinary enough, but this death, which has never been cleared up to this day, really sparked the legend.

Because she was found dead there only 10 days later, naked, only wrapped in a woolen blanket, wedged between the front and back seats. A farewell letter and pill tube lay next to her. Because the corpse had been lying there for a long time, no drugs could be detected in the body. Only an alcohol content of 8% in the blood, but this is not possible in humans, as death occurs from 4-5%.
So the cause of death remains uncertain. Rumors persist to this day that the American secret service killed her.
But there is no evidence of this.

Kristen Stewart, Toronto Film Festival 2019, CC-BY-2.0

The best thing about the film is without a doubt Kristen Stewart!
It is interesting that she doesn’t even try to play Jean Seberg, but rather plays herself in the role of Jean Seberg. Great!
There are several examples for it: If you know the film „A bout de souffle“, you know that Jean Seberg was rather girlish and shy, still very much in keeping with her time (early 1960s). And very young.
Kristen Stewart, on the other hand, is 30 years old and a very self-confident woman of the 21st century.
And that’s how she plays. For example, how she snatches the Black Power activist Jamal (Antony Mackie) in the movie.
This is entirely a woman from 2020 and no longer from 1960.

And also the external appearance. Both short-haired, but Jean Seberg hydrogen blonde (all 60s) and Kristen Stewart only normal blonde with clearly visible regrowth of the dark hair color.

The change from Kristen Stewart as Bella in the „Twilight“ saga from 2008 to the role of Jean Seberg in 2020 is extraordinary. A big leap in maturity and personality. Just because of Kristen Stewart this movie is worth it.

But I would like to mention another aspect here. When watching the FBI surveillance mania of 1968 under its then boss J. Edgar Hoover, I was reminded very much of the STASI, the state security service of the former GDR, which at the time had anything and every suspect monitored. Even kids.

„DAS LEBEN DER ANDEREN“, Ulrich Mühe © Ocean Film

Anyone who sees these FBI guys sitting in the next room of Jean Seberg / Kristen Stewart, who even record the sleeping scene with their lover Jamal down to the smallest moan, will be reminded of almost the same scene in the film „The Lives of Others“ by Florian Henckel von Donnersmarck. Here Stasi captain Gerd Wiesler / Ulrich Mühe is sitting in the apartment above a couple in love.
Here, too, with devastating consequences for the people involved.

„DAS LEBEN DER ANDEREN“, Sebastian Koch, Martina Gedeck © Ocean Film

Cognition: Even the oldest democracy in the world can become an injustice state if the wrong people come to power.

Second insight from the movie: The situation of blacks in America has not changed since 1960!
The white majority in the US still harbors the same hatred of the black minority today as it did 60 years ago.
The BLACK LIFES MATTER demonstrations in 2020 look no different from the mass demonstrations of the BLACK PANTHER movement in the 1960s. And the same sayings and the same wishes are shouted into the loudspeakers. Nothing has changed!

BLACK LIVES MATTER Demonstration am 29. April 2015 in New York, CC-BY-SA-2.0

Conclusion: worth seeing, even if the script has weaknesses. For the whole family.

Here our picture series with 6 photos of „JEAN SEBERG:

„JEAN SEBERG“, Kristen Stewart © Prokino

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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