Die neuen Filme im Kino – 22.10.2020

In AM GRETA © Filmwelt/ kultur24.berlin

Die neuen Filme im Kino – 22.10.2020

 

Von Holger Jacobs

21.102020

„I AM GRETA“ – Dokumentation – Schweden, DE, GB, USA – 2020
Idee, Buch und Regie: Nathan Grossmann
Filmverleih: Filmwelt

Mein Podcast mit dem eingesprochenem Text:

 

Alles fing mit einem Schreibwettbewerb zum Thema Umweltpolitik des Schwedischen Tagesblattes im Mai 2018 an:
Eine bis dahin noch völlig unbekannte 15-jährige Schülerin der 8. Klasse aus Stockholm gewann den Wettbewerb. Ihr Name: GRETA THUNBERG.

Durch Ihre Arbeit an diesem Wettbewerb hatte Greta Unmengen an wissenschaftlichen Büchern zu dem Thema Klima verschlungen. Doch anders, als es andere Kinder getan hätten, sahnte Greta nicht einfach den Preis ab und wandte sich wieder ihren Spielkameradinnen zu, sondern beschäftigte sich weiter mit dem Thema.

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Greta Thunberg (*3. Jan. 2003) seit ihrer Kindheit unter dem Asperger-Syndrom leidet. Eine Form des Autismus, bei dem im Unterschied zum Letztgenannten eine hohe Intelligenz mit grammatikalisch hochstehender Sprache einhergeht. Gleichzeit gibt es eine Fixierung auf ganz bestimmte Tagesabläufe und Themen. Die Kommunikation zu anderen kann eingeschränkt sein, es kommt häufig zu einem Rückzug auf das eigene Ich. Die Symptome und Auswirkungen des Asperger-Syndroms sind aber bei jedem anders und immer sehr individuell.

Greta Thunberg hatte erkannt, welche Bedeutung das Klima für die Menschen auf diesem Planeten hat.
Und wie eine Veränderung dieses Klimas zu einer existentiellen Bedrohung für das Leben Aller auf dieser Erde werden kann.

Zum Schulbeginn der 9. Klasse, am Montag, dem 20. August 2018, nach einem der trockensten und heißesten Sommer seit Aufzeichnung des Wettergeschehens 1881, setzte sich Greta Thunberg mit einem großen Schild ganz allein vor das Schwedische Parlament in der Riksgatan Nr. 1 In Stockholm.
Auf dem Schild stand in großen Lettern: „Skolstrejk för Klimatet“ (Schulstreik für das Klima).

Schon nach dem ersten Tag berichteten drei schwedische Medien über die aufmüpfige Schülerin, am darauffolgenden Tag landete Greta bereits auf der Titelseite der Regionalausgabe von Dagens Nyheter.
Kaum 7 Tage später, am 27. August, erschien schon ein Bericht im Berliner Tagesspiegel.
Gretas Eltern und ihre Lehrer versuchten sie von dem Schulstreik abzubringen, sie würde schließlich Unterrichtstoff versäumen und ihrer Schullaufbahn schaden.
Doch Greta blieb unbeirrt und war von nichts abzubringen. Sie führte ihren Streik drei Wochen lang täglich bis zur Wahl zum Schwedischen Reichstag am 9. September 2018 fort. Von da an nur noch einmal die Woche, immer an einem Freitag.

Greta Thunberg vor dem Europäischen Parlament im April 2020 © Europäisches Parlament

Nachdem Greta noch am 20. August völlig alleine vor dem Parlament gesessen hatte, kamen im Laufe der kommenden Wochen immer mehr Schüler dazu, die ihr Gesellschaft leisteten.
Schließlich schlug die Aktion medial solche Wellen, dass sie bereits am 31. Oktober 2018 zur Konferenz von „Extinction Rebellion“ (eine Gruppierung, die gegen das Artensterben kämpft) nach London eingeladen wurde. Zurück in Stockholm begannen nun Schülerinnen und Schüler in ganz Schweden immer freitags die Schule zu schwänzen und sich vor die Rathäuser der Städte zu stellen. Und immer mit einem Schild: „Skolstrejk för Klimatet“.
Dann, im Dezember 2018, wurde sie überraschenderweise zur UN-Klimakonferenz in das polnische Katovice eingeladen.

Schon vor der Jahreswende 2018 fand Greta Thunberg Nachahmer in der ganzen Welt: Tausende von Schülern gingen in Australien, Belgien, Frankreich, Finnland und Dänemark auf die Strasse. Er war wie ein Tsunami, der sich über die ganze Welt ausbreitete.
Als Kommunikationsmittel wurde der Hashtag #FridaysForFuture erfunden.
Nach noch nicht einmal Hundert Freunden auf Twitter zu Beginn des Jahres 2018, folgen Greta Thunberg jetzt im Jahre 2020 bereits 4,2 Millionen auf Twitter und 10,5 Millionen auf Instagram…

Es scheint fast so, als hätte die ganze Welt nur auf jemanden gewartet, der die Menschheit aufrüttelt und sie zur Vernunft bringt.
Denn Wissenschaftler hatten schon vor Jahrzehnten vor dem gefährlichen Klimawandel gewarnt. Seit dem Beginn der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts steigt die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre exponentiell stark an.
Moderator Markus Lanz zeigte neulich die Aufzeichnung einer Sendung mit dem Professor Hoimar von Ditfurth aus den 70er Jahren, als er damals schon  im Deutschen Fernsehen vor den Gefahren eines Klimawandels gewarnt hatte.
Und die Auswirkungen des Treibhauseffektes auf das Klima hatte bereits der Franzose Jean-Baptiste Fourier 1824 entdeckt.

Greta Thunbergs Position: Alle Politiker dieser Welt müssten so schnell wie möglich aktiv werden, damit die Welt vor der unvermeidlich kommenden Klimakatastrophe noch zu retten ist. Es gilt keine Zeit mehr zu verlieren.

Greta Thunberg CC BY SA 4.0 photo: Anders Hellberg

Die Zukunft aller Kinder aus Gretas Generation liegt in den Händen der Menschen, die heute das Sagen haben.
Aber auch jeder Einzelne von uns steht in der Verantwortung etwas zu tun!

Spektakulär war Greta Thunbergs Reise im August 2019 mit der Hochseeyacht MALIZIA II und den beiden Skippern Boris Hermann (Gewinner des Trans-Ocean-Preises 2009) und Pierre Casiraghi (Sohn von Caroline von Monaco) von Plymouth in England nach New York, um vor dem UN- Klimagipfel zu sprechen. Greta wollte das Fliegen unbedingt vermeiden.
Im Herbst 2019 wurde sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und vom TIME Magazin zur „Person oft he Year“ ernannt.

Am 27. September 2019 folgten weltweit Millionen dem Aufruf von #FridaysForFuture für eine andere Klimapolitik zu demonstrieren. Allein in Berlin kamen ca. 100.000 Menschen zum Brandenburger Tor. Die deutsche Sprecherin von #FridaysForFuture ist die Hamburgerin Lisa Neubauer geworden.

Durch Gretas Thunberg Wirken wurden besonders Grüne Parteien in der Wählergunst weltweit nach vorne getrieben. In Österreich kam es bei der Parlamentswahl im Dez. 2019 zum ersten Mal zu einer Regierungskoalition zwischen den Konservativen und der Grünen Partei. Das wäre vorher nie denkbar gewesen. Und in Deutschland hat die Grüne Partei mittlerweile die Sozialdemokraten in der Wählergunst überholt und ist nach den Konservativen die zweitstärkste Kraft in der BRD geworden.

Greta Thunberg hat sich auf Grund ihrer Popularität auch viele Feinde in der Welt gemacht. Dabei hat ihr Engagement für das Klima nie einem Streben nach eigener Beliebtheit gegolten (wäre Menschen mit Autismus auch völlig fremd), sondern einzig aus Angst vor einer nicht mehr aufzuhaltenden Klimakatastrophe.

Der Filmemscher Nathan Grossmann hat Greta Thunberg seit Beginn ihrer Aktionen mit der Kamera begleitet.

Es ist ein eindrucksvolles Portrait entstanden über eine Person, die so ungewöhnlich ist wie kaum eine andere auf dieser Welt. In jeder Beziehung.

Fazit: Für die ganze Familie.

5 photos: Altlantiküberquerung im August 2019, „I AM GRETA“ © Filmwelt

Außerdem im Kino:

„EMA“ von Pablo Larrain. Ein faszinierender und spannender Film über eine Tanzkompanie und deren ungewöhnlicher Chefin in Chile. Sexy, laut, schrill, mit viel Musik und tollen Bildern.
Mein Geheimfavorit für diese Woche!

„EMA“ © Koch Film

„THE GREAT GREEN WALL!“ von Jared P. Scott über den Bau einer grünen „Mauer“ mit Millionen von Bäumen quer über den afrikanischen Kontinent.

„THE GREAT GREEN WALL“ © Weltkino

„DIE STIMME DES REGENWALDES“ von Niklas Hilber über den Schweizer Bruno Manser, der vor 30 Jahren in den Dschungel von Borneo ging und fortan mit dem Penan Stamm zusammenlebt. Ein Weg zum Ursprung des Lebens und zum Ursprung der Zivilisation.

„DIE STIMME DES REGENWALDES“ © Camino Film

„DER GEHEIME GARTEN“ von Marc Munden mit Colin Firth über ein junges Mädchen, dass wegen dem Tod der Eltern zu ihrem Onkel auf sein Schloss kommt und dort einen geheimen Garten findet.

„DER GEHEIME GARTEN“ © StudioCanal

„ASTRONAUT“ von Shelagh McLeod mit Richard Dreyfuss über einen älteren Mann, der sich bei einem Gewinnspiel durch Geschick einen Weltraumflug erschwindelt, den er auf Grund seines Alters eigentlich gar nicht antreten dürfte.

„ASTRONAUT“ © Jets Filmverleih

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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