Die WALKÜRE in der Deutschen Oper Berlin

WALKÜRE - Deutsche Oper Berlin - Fotos: Alexander Hildebrand

Die WALKÜRE in der Deutschen Oper Berlin

 

Von Dagmar Loewe

18.10.2020

Wertung 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

Neuinszenierung der „Walküre“ an der Deutschen Oper Berlin

Am fünften Abend der Aufführung von „Walküre“ aus dem „RING“ von Richard Wagner haben die Sängerinnen und Sänger Großartiges geleistet, allen voran Lise Davidsen als Sieglinde.
Musikalisch erlebten wir einen wunderbar dichten Abend, der uns in der kulturell entbehrungsreichen Coronazeit geradezu wiederbelebte.

Es war herrlich, einen schachbrettartig fast gefüllten Saal, komplett mit disziplinierten, Mund und Nase bedeckten Zuhörern zu sehen, die gebannt einer intensiven Aufführung lauschten und keinen Mucks von sich gaben.
Lediglich zum Ende eines jeweiligen Aktes brachen manche in Applaus oder verzweifeltes Buhrufen aus.

Meine Verzweiflung ob der verquasten Inszenierung äußerte sich hingegen eher in stillem Staunen, warum Regisseur Stefan Herheim dem Publikum eigentlich nicht zutraut, auch selbst ein paar Phantasien zu entwickeln, die möglich gewesen wären, hätte er uns nicht mit skurrilen und unangebrachten und ästhetisch sehr fragwürdigen Ideen geradezu bombardiert.

Zu zeigen, wie Walküren von dahergelaufenen Flüchtlingsmännern (vielleicht auch Zombies?) von hinten vergewaltigt werden ist nicht nur geschmacklos, sondern auch phantasielos und am Thema vorbei.

Vier Bilder der Deutschen Oper:

v.l.n.r. Brandon Jovanovich (Siegmund), Lise Davidsen (Sieglinde), Eric Naumann (Hundingling), „WALKÜRE“, Deutsche Oper Berlin, Foto: Bernd Uhlig

Kritik

Die Bühne ist vollgepackt mit Koffern – auch keine neue Idee, aber schlüssig. Das Bühnenbild ist wuchtig und liefert viele Flucht– Assoziationen, wie z. B. Richard Wagners eigene Flucht 1849 nach Zürich, nachdem er sich am Dresdner Aufstand beteiligt hatte, oder, in seinen eigenen Werken, die Flucht von Siegmund und Sieglinde, von Brünnhilde und Sieglinde, von der schwangeren Sieglinde und natürlich, in der heutigen realen Welt, von den unendlich vielen flüchtenden Menschen auf der ganzen Welt.
Das UN-Flüchtlingswerk hatte im Jahre 2019 ca. 20 Millionen Menschen gezählt, die sich weltweit auf der Flucht befanden.

Allerdings findet diese Assoziation in den Köpfen der Menschen von ganz alleine statt, so dass man auf das Zuschaustellen der heutigen Flüchtlingssituation durch übertrieben agierende Laiendarsteller ohne Zusammenhang zum Stück besser hätte verzichten sollen.

Als nächstes fragt sich der Zuschauer, warum Wagners Drama verbessert werden muss, indem man Sieglinde noch ein Kind mit Hunding andichtet, das natürlich vor der Flucht mit Siegmund irgendwie entsorgt werden muss…

Und die bedeutungsvolle „Weltesche“ (in der nordischen Mythologie der Ursprung der Welt) wird beim norwegischen Regisseur Stefan Herheim zum kreiselnden Konzertflügel, der je nach Situation Fahrstuhl, Feuersäule, blühende Weltesche, Zukunftsvisionen oder sonstiges ist.

Die Kostüme der weiblichen Sängerinnen sind leider nur als furchtbar zu bezeichnen.
Brünnhilde sieht aus wie ein lächerlicher, weiblicher Asterix mit Flügelhelm, Fricka wie eine Hochzeitstorte, und die einigermaßen akzeptabel auftretende Sieglinde muss sich am Anfang das rote Kleid abreißen lassen und den Rest der Aufführung in einem dünnen Negligé herumsausen. Klischees über Klischees.

Dass die Männer passender gekleidet waren, veranlasste mich über eine gewisse Frauenfeindlichkeit des Regisseurs nachzudenken, was dann allerdings durch die traurigen Feinripp-Unterhosen, die die Herren tragen mussten, widerlegt wurde.

Und ganz schlimm: am Ende entnimmt ein als Wagner kostümierter Alberich wie ein Geburtshelfer Sieglinde das Siegfried-Baby tief unter ihren Röcken. What?

Aber trotz allen optischen Katastrophen – der Abend zog einen in den Bann.
Vor allem natürlich die herrliche Musik und die wunderbaren Sänger.
Nur der etwas indisponierte John Lundgren als Wotan war noch nicht voll bei seiner Stimme, da hätte Donald Runnicles mit dem Orchester etwas mehr Rücksicht nehmen können.
John Lundgren wird bei den letzten beiden Aufführungen den Wotan nur noch spielen und von der Seite wird Johan Reuter singen.

Fazit: Große Gesangsleistung, schwache Inszenierung.

„DIE WALKÜRE“ von Richard Wagner
Deutsche Oper Berlin
Premiere war am 27. September 2020
Musikalische Leitung: Donald Runnicles, Inszenierung: Stefan Herheim, Bühne: Silke Bauer
Mit: Brandon Jovanovich (Siegmund), Andrew Harris (Hunding), John Lundgren (Wotan), Lise Davidsen (Sieglinde), Annika Schlicht (Fricka), Brünnhilde (Nina Stemme).

Die nächsten Vorstellungen werden erst im nächsten Jahr stattfinden. Termine stehen Corona-bedingt noch nicht fest.

Bilderserie der „WALKÜRE“ mit 12 Fotos von Alexander Hildebrand (Opernfan.de):

„WALKÜRE“, Deutsche Oper Berlin, Foto: Alexander Hildebrand (Opernfan.de)

 

 

Dagmar Loewe

Author: Dagmar Loewe

Beraterin für Einrichtungen, Garten- und Modedesign. Passionierte Opern- und Konzertbesucherin. Lebt und arbeitet in Hamburg.

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