Ein Jahr Corona – ist die Kunst noch zu retten?

Corona-Virus - Komische Oper © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

Ein Jahr Corona – ist die Kunst noch zu retten?

 

Von Holger Jacobs

30.01.2021

English text

In keiner Branche ist der Einbruch durch die Corona-Pandemie so spürbar, wie im Bereich Kunst und Kultur.

Als am 27. Januar 2020 der erste Patient mit einer Infektion durch das neuartige Virus SARS-VoV-2 in das Schwabinger Krankenhaus in München eingeliefert wurde, konnte sich sowohl in Deutschland, wie auch in der ganzen Welt wohl keiner vorstellen, was auf uns zukommen würde.

Im Februar 2020 breitete sich das Virus, nun Corona Virus genannt, Epidemie-artig in der ganzen Welt aus.
Kein Kontinent blieb verschont. Unser enges Zusammenleben in den Ballungszentren der Großstädte, wie auch unsere enorme Mobilität, die jeden Erdenbürger in nur wenigen Stunden von einem Punkt des Planten zum anderen bringt, sind die idealen Voraussetzungen, um den Erreger auch in den letzten Winkel der Erde zu bringen.

Um so enger die Menschen zusammen sind, umso mehr wird das Virus von einem Menschen zum anderen übertragen. Der HIV Virus, kurz AIDS genannt, kann nur durch das Blut oder direkte Körperflüssigkeiten übertragen werden. Der Corona-Virus braucht dagegen nur geringe Mengen, die selbst in winzigen Tröpfchen allein beim Sprechen in die Luft gehaucht und dann von den umliegenden Personen eingeatmet werden – das war’s!

Die noch im Februar 2020 laufende Skisaison mit ihren wilden Partys beim Après-Ski in engen Almhütten und der anschließende Karneval, der in allen christlichen Ländern der Erde ausschweifend gefeiert wird mit gleichzeitig intensivem Körperkontakt, brachte die Verbreitung des Virus weltweit so richtig in Schwung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, selber ursprünglich Physikerin, nahm zu den renommiertesten Virologen Deutschlands (dabei der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten) Kontakt auf und ließ sich beraten.
Das Resultat: jede Form von menschlichen Kontakten muss soweit wie möglich unterbrochen werden.

Unsere Bilderserie mit 15 Fotos aus dem Bereich Gesundheit und Politik:

15 Photos: Virologe der Charité, Christian Drosten, bei einer Pressekonferenz

Am 16. März 2020 beschlossen die Bundeskanzlerin in Einklang mit allen 16 Ministerpräsidenten der BRD, ab dem Freitag, 20. März 2020, einen kompletten Lockdown für ganz Deutschland, mindestens für einen Monat, wenn nicht länger.

Nicht nur alle Geschäfte, Bars und Restaurants mussten schließen, sondern auf einen Schlag auch alle Museen, Galerien, Theater- und Opernhäuser, Konzertsäle, Kinos und andere Veranstaltungsorte.

Das bedeutete für die gesamte Branche der Kreativwirtschaft, in der noch 2019 ca.  1, 2 Millionen Menschen arbeiteten (mit einem Umsatz von jährlich ca. 174 Milliarden) einen Totalverlust ihrer Geschäftstätigkeit – und damit Ihrer Einnahmen.

Laut einer Studie der EU hat die Kultur in Europa unter der Pandemie mehr gelitten, als alle anderen Wirtschaftszweige. Demnach sei der Gewinn im Jahre 2020 in der Kultur um 31 % zurückgegangen, noch vor dem Tourismus mit 27 % und der Automobilindustrie mit 25 %.

Am stärksten war der Einbruch bei der Bühnenkunst (- 90 %), gefolgt von der Musik (- 76 %).

Während ca. 2.000 der 15.000 offiziell registrierten Schauspieler in Deutschland ein festes Engagement bei einem öffentlich geförderten Staatstheater haben und jetzt entsprechend auch in der Pandemie weiterbezahlt werden, konnte der Rest nur Hartz IV beantragen.

Ähnlich auch im Bereich Musik:
Ca. 130.000 Erwerbstätige in Musikberufen gibt es in Deutschland.
Davon arbeiten ca. 70.000 als reine Musiker*innen, Sänger*innen, Dirigent*innen, Komponist*innen und DJ’s.
Weitere 52.000 als Musiklehrer*innen und 7.000 im Instrumentenbau.
Die Anzahl der Musiker, die in öffentlich finanzierten Orchestern engagiert sind, beläuft sich auf ca. 10.000, noch einmal ca. 2.000 sind Musiker in kirchlichen Organisationen fest angestellt.
Insgesamt sind also ca. 60% aller Musiker*innen in Deutschland selbständig tätig und müssen ihr Geld durch Auftritte verdienen.
Diese blieben aber 2020 fast vollständig aus.
In Berlin werden jetzt 2021 alle Theater und Opernhäuser mindestens bis Ostern geschlossen bleiben – und damit wahrscheinlich auch die Museen, Kinos und andere Veranstaltungsorte, wie Berlins Kultursenator Klaus Lederer verkündete.
Wieviele Künstler werden das durchhalten können?

Unsere Bilderserie mit 8 Fotos aus dem Bereich Wirtschaft:

Rückgang des Bruttoinlandsproduktes, ausgelöst durch den Lockdown in allen 27 EU-Staaten

Was können selbstständige Künstler jetzt tun?

Entweder die Zeit der Pandemie aussitzen und sich durch Soforthilfegelder des Bundes und der Länder, durch Aufbrauchen von gesparten Resourcen (haben die wenigsten) oder durch Überbrückungskredite der Banken (bekommt ein Künstler fast nie) über die Zeit retten.

Ansonsten bleibt nur noch die eigene Familie anzupumpen, was aber vielen sehr unangenehm ist, denn die Familien haben in der Regel schon die teure Ausbildung und die ersten Jahre der künstlerischen Existenz finanziert.
Und gerne auch mit dem Satz begleitet: „Habe ich es Dir nicht schon immer gesagt…?“

Laut einer Anfrage bei den Arbeitsämtern haben in Deutschland bis Ende 2020 fast 90.000 selbständige Künstler*innen Harz IV beantragt.

Als letzter Ausweg bleibt nur noch die Alternative des Berufswechsels.

Laut einer Umfrage des Landesmusikrates Berlin unter Musikern in der Hauptstadt gaben ca. 30 % an, durch die Corona-Krise keine berufliche Perspektive mehr zu haben und einen Berufswechsel zu planen.
Ca. 50% benötigen finanzielle Unterstützung und hoffen, ihre Karriere nach der Pandemie wieder aufnehmen zu können.
Nur 22 % hatten keine Probleme und sahen positiv in die Zukunft.

Von den Befragten lebten 36 % ausschließlich von reiner künstlerischer Tätigkeit, 70% gaben auch Musikunterricht, weitere 10 % hatten Nebeneinkünfte durch andere Tätigkeiten.

Von der Bildenden Kunst haben wir dabei noch gar nicht gesprochen:
Museen und Galerien sind schon seit Monaten geschlossen.
Der Schaden, der die Corona-Pandemie in Kunst und Kultur zurzeit anrichtet, wird noch auf Jahre zu spüren sein.

Meiner Einschätzung nach werden ca. 30 % aller freischaffenden Künstlerinnen und Künstler vom Markt verschwinden – und das auf Dauer.

Unsere Bilderserie mit 14 Fotos aus dem Bereich Kunst:

Bericht der Berliner Zeitung über einen DJ, der jetzt Lokführer wird.

English text

 

 

One year of Corona – can art still be saved?

 

By Holger Jacobs


01/30/2021

In no other industry the crash caused by the corona pandemic is as noticeable as in the field of art and culture.

When the first patient with an infection by the novel SARS-VoV-2 virus was admitted to the Schwabing Hospital in Munich on January 27, 2020, no one in Germany or anywhere in the world could have imagined what to expect would.

In February 2020 the virus, now called Corona Virus, spread like an epidemic all over the world. No continent was spared. Our close coexistence in the metropolitan areas of the big cities, as well as our enormous mobility, which brings every citizen of the world from one point of the planet to another in just a few hours, are the ideal prerequisites for bringing the pathogen to the last corner of the earth.

The closer people are, the more the virus is transmitted from one person to another.
The HIV virus, also called AIDS virus, can only be transmitted through the blood or direct body fluids. The corona virus, on the other hand, only needs small amounts of droplets, which are breathed into the air just when speaking. And then is inhaled by the surrounding people – that’s all!

The ski season still running in February 2020 with its wild après-ski parties in narrow alpine huts and the subsequent carnival, which is celebrated in all Christian countries over the world with intense physical contact, gave the virus the possibility to spread everywhere.

Chancellor Angela Merkel, who was originally a physicist herself, contacted the most renowned virologists in Germany (among others Christian Drosten, chief virologist at the Berlin Charité) and sought advice.
The result: every form of human contact must be interrupted as far as possible.

Please regard our picture series about politics:

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht am 18. März 2020 zur Bevölkerung

On March 16, 2020, the Chancellor, in agreement with all 16 Prime Ministers of the FRG, decided a complete lockdown for all 16 Länder of Germany from Friday, March 20, 2020 on, for at least one month, if not longer.

Not only all shops, bars and restaurants had to close, but all museums, galleries, theaters and opera houses, concert halls, cinemas and other venues as well.
For the entire creative industry, in which around 1.2 million people were still working in 2019 (with annual sales of around 174 billion), this meant a total loss of their business activities – and thus of their income.

According to a study by the EU, culture in Europe suffered more from the pandemic than any other economic sector.
According to this, profit in the culture sector fell by 31% in 2020, ahead of tourism with 27% and the automotive industry with 25%.
The sharpest slump was in stage arts (-90%), followed by music (-76%).
While around 2,000 of the 15,000 officially registered actors in Germany have a permanent commitment to a publicly funded state theater and are now paid even during the pandemic, the rest could only apply for Hartz IV.

The same applies to the music sector:
there are around 130,000 people in music professions in Germany.
Around 70,000 of them work as pure musicians, singers, conductors, composers and DJs. Another 52,000 as music teachers and 7,000 in instrument making.
The number of musicians who are engaged in publicly funded orchestras is around 10,000, and around 2,000 musicians are permanently employed in church organizations.
In total, around 60% of all musicians in Germany are self-employed and have to earn their money by performing.
However, performances were almost completely absent in 2020.

Please regard our picture series about economics:

Rückgang des Bruttoinlandsproduktes in der EU

What can self-employed artists do now?

Either sit out the time of the pandemic and save yourself over time with emergency aid from the federal and state governments.
Or by using up saved resources (few have) or with bridging loans from the banks (an artist almost never gets).
Otherwise, all that remains is to ask your own family, which is very uncomfortable for many, because the families have usually already financed the expensive education and the first years of artistic existence. And gladly accompanied by the sentence: „Haven’t I always told you …?“

According to a request from the unemployment offices, almost 90,000 self-employed artists in Germany had applied for Harz IV (german unemployment help) by the end of 2020.

At least, there is only the alternative of changing jobs.
According to a survey by the Landesmusikrat Berlin among musicians in the capital, around 30% said due to the Corona crisis they no longer have any professional prospects and were planning a career change.
Around 50% need financial support and hope to be able to resume their careers after the pandemic.
Only 22% had no problems and had a positive outlook on the future.

Of the respondents, 36% lived exclusively from purely artistic work, 70% also gave music lessons, and another 10% had additional income from other activities.
We haven’t even talked about the fine arts: Museums and galleries have been closed for months.
The damage that the corona pandemic is currently causing to art and culture will be felt for years to come.

In my estimation, around 30% of all freelance artists will disappear from the market – and that in the long run.

In Berlin, all theaters and opera houses will now be closed at least until Easter in 2021 (as Berlin’s Senator for Culture Klaus Lederer announced.) and with it probably also the museums, cinemas and other venues.
How many artists will be able to hold out?

Please regard our picture series about artists in Corona time:

Die Sopranistin der Staatsoper Berlin, Anna Prohaska, singt während des Lockdowns von dem Balkon ihres Hauses

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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