Fassbinder jetzt

"Fassbinder jetzt", credit: Martin Gropius Bau Berlin

Fassbinder jetzt

Wertung: 🙂 🙂 🙂   (drei von fünf möglichen)

Von Holger Jacobs

Holger Jacobs

7.5.2015. Das Museum Martin-Gropius-Bau in Berlin feiert mit einer Ausstellung den 70. Geburtstag des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder. Eröffnung war am Dienstag, den 5. Mai. Die Schau geht noch bis zum 23. August 2015. Die Ausstellung zeigt Ausschnitte aus seinen Filmen, Persönliche Gegenstände, Originalkostüme der Kostümbildnerin Barbara Baum sowie Arbeiten von Künstlern, die von ihm beeinflusst wurden.

Einer der wichtigsten Filmregisseure Deutschlands wird dieses Jahr in Berlin vielfältig gefeiert: Zunächst im Martin-Gropius-Bau und parallel dazu auf dem Theatertreffen (https://kultur24-berlin.de/theatertreffen-berlin-2015/) in verschiedenen Veranstaltungen ebenfalls in der Hauptstadt. Die Frage, die sich viele stellen werden, die ihn nicht erlebt haben, wird lauten:

Warum wird Fassbinder so gefeiert?

Als ich kurz nach dem Abitur Anfang der 80er Jahre zum Studium nach München kam, war einer meiner Berufswünsche Filmregisseur. Also versuchte ich neben meinem Studium der Rechtswissenschaft (welches ich natürlich wegen meinem Vater belegen musste) bei der Bavaria, damals die größte Filmproduktionsstätte Deutschlands vor den Toren von München, zu arbeiten. Ich war Beleuchter, Aufnahmeleiter, Komparse – so ziemlich alles, was man macht, wenn man einsteigen will. Der große Held dieser Tage im Filmgeschehen nannte sich Rainer Werner Fassbinder, den ich zu diesem Zeitpunkt kaum kannte. Ich war 7 Jahre im Internat gewesen, in dem man damals als Schüler keinen Fernseher haben durfte und Filme nur ab und zu in Gemeinschaftsräumen sehen konnte. Mediales Mittelalter…

Und nun plötzlich in München auf dem Bavariagelände und alles redete von einem gewissen Fassbinder. Um das zu begreifen, muss man noch etwas weiter zurückgehen, in die Nachkriegszeit. Die sah in Deutschland kinomäßig verdammt düster aus: Alle wesentlichen Kinoregisseure waren vor den Nazis nach Amerika geflohen oder waren gestorben, wie Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang, Billy Wilder, Robert Siodmak, et.c. Deutschland war kinotechnisch tot! Nach dem Krieg drehte man hauptsächlich kitschige Heimatfilme, die von der schwierigen Situation der Bevölkerung ablenken sollten. Während der italienische Film in dieser Zeit mit Rosselini, Visconti und Antonioni seine Blütezeit hatte und in Frankreich die Nouvelle Vague mit Jean-Luc-Godard, Francois Truffaut und Eric Rhomer große Erfolge feierte, gab es bei uns – nichts!

Erst in den siebziger Jahren, also 30 Jahre nach Kriegsende, tauchten plötzlich ein paar Namen auf, die von sich reden machten: Alexander Kluge, Volker Schlöndorf, Johannes Schaaf, Margarete von Trotha. Und eben Rainer Werner Fassbinder, der unabhängig von den anderen, einen sehr eigenen Weg ging. Während die eben genannten politisch relevante Filme drehten, interessierte sich Fassbinder mehr für das Zwischenmenschliche im Deutschland nach 1945. Von „Die Ehe der Maria Braun“ über „Lola“ bis zum Fernseh-Mehrteiler „Berlin Alexanderplatz“. Das er homosexuell war, spielte dabei eine eher untergeordnete Rolle. Es war mehr die Kälte, die sich zwischen seinen Protagonisten ausbreitete und die Unmöglichkeit zu lieben.

Vielleicht ein Resultat der Grausamkeiten des 2. Weltkriegs? Auf jeden Fall war er der erste deutsche Regisseur, der nach 1945 auch weltweit wahrgenommen wurde. Wim Wenders, Werner Herzog und Wolfgang Petersen kamen erst in den 80er Jahren (Die Goldene Palme in Cannes für „Paris Texas“ wurde 1984 an Wim Wenders vergeben).

Somit wird er für viele als einer der bedeutendsten Flmregisseure Deutschlands in Erinnerung bleiben. Und einer der produktivsten. Er drehte in 16 Jahren 44 Filme. Und starb 1982 mit nur 37 Jahren. Rest In Peace, Rainer!

Museum Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstrasse 7

10963 Berlin

Tel. 030 25486-0

www.gropiusbau.de

Mi-Mo 10-19 Uhr, Di geschlossen

 

 

"Fassbinder jetzt", Portraits von Fassbinder aus verschiedenen Epochen, courtesy Martin-Gropius-Bau, Rainer Werner Fassbinder Foundation

24 Bilder, „Fassbinder jetzt“, Portraits von Fassbinder aus verschiedenen Epochen, courtesy Martin-Gropius-Bau, Rainer Werner Fassbinder Foundation

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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