PLAY STRINDBERG von Dürrenmatt im Deutschen Theater Berlin

Play Strindberg - Deutsches Theater Berlin, Foto: Arno Declair

„Play Strindberg“ von Dürrenmatt im Deutschen Theater Berlin

 

Von Holger Jacobs

21.09.2020

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Mit einem Ehedrama geht das Deutsche Theater in Berlin in seine neue Saison 2020/ 2021.

Auf der Fassade des Deutschen Theaters ist dieses Jahr nicht in großen Lettern das Motto der Saison geschrieben. Nur ein Schwarz-Weiß Foto mit jungen Leuten auf einem Sprungturm, die sich anscheinend prächtig amüsieren. Erst auf dem Cover einer Broschüre ist zu lesen: „ALLESOFORT“.

Stadionbad, Sprungturm, Foto: Julia Baier

Wie man das diesjährige Motto auch deuten mag, das Interview mit Intendant Ulrich Khuon in dem Heft über seine Zeit des Lockdowns ist allemal lesenswert.

Eine Aussage tritt beim Interview mit Ulrich Khuon heraus:
Selbst wenn der Beruf des Schauspielers dazu führt, jeden Abend auf der Bühne Krisen darzustellen und überwinden zu müssen, so ist der Darsteller als Mensch vor einer solchen Krise wie der Corona-Pandemie nicht weniger gewappnet als jeder andere Bürger auch. Mit dem Unterschied, dass ein Lockdown für die Menschen des Theaters der völlige Stillstand bedeutet und das Ende ihrer beruflichen Ausübung. Keine Zuschauer – keine Schauspieler – kein Theater. Nur Leere.

Mit Leere soll jetzt Schluss sein. Selbst wenn die Zahlen der täglichen Neuinfektionen langsam wieder in die Höhe gehen und die zweite Welle unvermeidlich erscheint. Aber wir haben mittlerweile gelernt. Was geht und was nicht geht. Und vor allem, wie.

Betritt man den Zuschauerraum im Deutschen Theater, dann sieht dieser doch ziemlich abgespeckt aus: Jede zweite Zuschauerreihe wurde komplett entfernt.

Deutsches Theater, Zuschauerraum, Foto: Holger Jacobs

Dadurch können nur max. 130 von insgesamt 600 Plätzen besetzt werden.
Aber durch eine neue Corona-Verordnung des Berliner Senats vom 16. September 2020 wird es zukünftig möglich sein, den Abstand zwischen den Zuschauern von 1,50 auf 1 Meter zu verringern. Dass heißt also nur noch einen statt zwei Stühlen müssen zwischen jedem Gast freigelassen werden und jede Reihe kann benutzt werden – das sogenannte Schachbrettmuster.
Damit sind zukünftig über 200 Plätze belegbar.

Als zweites Stück der neuen Spielzeit kam im Deutschen Theater am 13. September „PLAY STRINBERG“ von Friedrich Dürrenmatt zur Premiere. Allerdings nur als szenische Lesung. Also saßen Schauspieler Ulrich Matthes (Edgar), Sophie Rois (Alice) und Manuel Harder (Kurt) ganz Corona-konform im Abstand von 1,50 Meter auf ihren Stühlen nebeneinander auf der Bühne.

Ulrich Matthes, Sophie Rois, „PLAY STRINDBERG“, Foto: Holger Jacobs

Doch auch eine szenische Lesung ist bei Schauspielern wie Ulrich Matthes und Sophie Rois ein Erlebnis. Dabei hat Ulrich Matthes bei weitem die stärkste Präsenz, Sophie Rois (vor einem Jahr von der Volksbühne zum DT gewechselt) schlägt sich gut, nur Manuel Harder fällt deutlich ab. Nicht nur seine Erscheinung ist schwach, auch Stimme und Sprache lassen stark zu wünschen übrig.

Das Stück von Dürrenmatt, 1969 in Basel uraufgeführt, ist eine verkürzte Form des Dramas „DER TOTENTANZ“ von August Strindberg aus dem Jahre 1900.
Strindberg hatte sich Zeit seines Lebens mit gesellschaftlichen Phänomenen auseinandergesetzt und dabei gerne auch die Rolle der Frau besonders herausgehoben, wie in seinem wohl berühmtesten Drama „Fräulein Julie“, in dem ein einfacher Arbeiter allmählich die Oberhand gewinnt über eine gesellschaftlich eigentlich weit über ihm stehende Frau.

In TOTENTANZ/ PLAY STRINDBERG geht es um ein Ehepaar, welches seit 25 Jahren verheiratet ist aber sich seit vielen Jahren täglich nur noch angiftet. Es geht soweit, dass sie sich gegenseitig den Tod wünschen. Aber beide schaffen es nicht sich von ihren jeweiligen Partnern zu lösen. Vielleicht hält ja gerade der Zwist sie zusammen, der wie ein tägliches Ritual zelebriert wird. Dabei vermeidet Strindberg wie Dürrenmatt einem von beiden die Schuld an dieser Situation zuzuschieben. Letztlich hätten sie wohl niemals heiraten dürfen. Doch einmal geschehen, war eine Schicksalsbande geschlossen, die nicht mehr zu lösen ist.

Ulrich Matthes, Sophie Rois, Manuel Harder, „PLAY STRINDBERG“, Foto: Holger Jacobs

Die Besonderheit des Dramas: Die Dialoge sind wie eine Karikatur so zugespitzt, dass der Zuschauer unwillkürlich Humor empfindet. Ständige Lacher beim Publikum sind die Folge. Besonders bei jüngeren Paaren. Bei älteren weniger. Ob sie sich angesprochen fühlen…?

Unterbrochen wird die Eintönigkeit dieses Spiels durch den Besuch des Vetters von Alice, der die Situation noch einmal verschärft. So weit, dass am Schluss der Ehemann einen Herzanfall bekommt und nur noch vor sich hin röchelt.

Wird Edgar am Ende sterben? Dass, lieber Leser, werde ich Euch nicht verraten. Dass müsst Ihr schon selber herausfinden.

Fazit: Stück und Inszenierung sind eine Empfehlung. Hohe Schauspielkunst gepaart mit spannender und teils humorvoller Handlung.

„Play Strindberg“ von Friedrich Dürrenmatt
Premiere war am 13. September 2020
Deutsches Theater Berlin
Nächste Vorstellungen: 5. 7. Und 21. Oktober 2020

Applaus: v-l.n.r. Sophie Rois, George Dhauw (Musik), Andrian Linz (Einrichtung), Janja Valjarevic (Bühne+Kostüm), Foto: Holger Jacobs

 

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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