Premiere von OEDIPE in der Komischen Oper Berlin

OEDIPE - Komische Oper Berlin - Foto: Holger Jacobs

Premiere von OEDIPE in der Komischen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

Holger Jacobs

14.08.2021

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

English text

Ein aufregender Abend mit einer aufregenden Musik!

Als bei den Salzburger Festspielen 2019 die Oper „Oedipe“ von  George Enescu aufgeführt wurde, schrieb ein Journalist:
„Die triumphale Wiederentdeckung eines Meisterwerks“!

Und die Frankfurt Allgemeine Zeitung schreibt über die jetzt am vergangenen Sonntag über die Bühne der Komischen Oper gegangene Premiere 2021:
„Mehr davon!“

Dies kann ich nur bestätigen! Was für eine tolle Musik und was für eine spannende Geschichte – wie ein Kriminalroman, der sich auf das gesamte Leben einer Person bezieht.

Worum geht es?

Die Zahl der griechischen Sagen und Dramen bedeutender Schriftsteller der Antike sind unendlich – einige aber ragen heraus.

Dazu zählt zweifellos die Ödipus-Sage des Sophokles (4. Jahrhundert v.Chr.).
Das Drama „König Ödipus“ ist Teil einer Trilogie, wozu auch „Antigone“ und „Ödipus auf Kolonos“ gehört.
Viele weitere Autoren, schon in der Antike (Homer, Euripides), aber besonders in der Neuzeit (Voltaire, Hugo von Hofmannsthal, Max Frisch in „Homo Faber“) schrieben Werke mit diesem Thema.
Auch in der Bildenden Kunst (Dominique Ingres, Gustave Moreau, Franz von Stuck) begegnet uns das Thema immer wieder.

Sophokles, Bronze-Kopf aus Meloria/ Italien CC Wikimedia Commons

Handlung

Die Sage handelt von Ödipus, dem Sohn des König Laios von Theben und seiner Frau Jokaste.
Ödipus erhält bei seiner Geburt einen Fluch, da die Götter König Laios verboten hatten, Nachkommen zu zeugen.
Der Fluch besagt, dass Ödipus eines Tages seinen Vater töten und die Mutter ehelichen wird. Daraufhin wird das Neugeborene verstoßen. Doch anders als gedacht stirbt das Kind nicht, sondern wird am Königshof von Korinth großgezogen.
Als Ödipus viele Jahre später als junger Mann einen Ausritt macht tötet er zwei Männer, mit denen er in Streit geraten war.
Einer davon war sein leiblicher Vater, den er aber nicht erkannte.
Als er zur Stadt Theben kommt, versperrt ihm eine Sphinx, die der Stadt Leid und Elend gebracht hat, den Zugang. Nur wenn er eine richtige Antwort auf ihre Frage findet, darf er passieren und die Stadt wird befreit.
Sie fragt: „Was ist stärker als das Schicksal der Menschen? Und er antwortet: „Der Mensch“ – und das ist richtig!
Die Sphinx stirbt und Ödipus bekommt zur Belohnung die Königin von Theben zur Frau – Jokaste, seine leibliche Mutter, die er ebenfalls nicht erkennt. Als die Wahrheit ans Licht kommt, sticht er sich die Augen aus und flieht aus der Stadt.

Vielen ist das Wort „Ödipus“ aus der Psychoanalyse bekannt, seit Sigmund Freud 1913 das Phänomen eines männlichen Heranwachsenden, unbewusst sexuell von der eigenen Mutter angezogen zu sein und damit gleichzeitig den Vater als Rivalen zu sehen, erkannte und beschrieb („Totem und Tabu“).

Doch auch in der Musikgeschichte konnte die Ödipus-Geschichte ihre Spuren hinterlassen.
So zu finden bei Igor Strawinsky, Carl Orff bis zu den The Doors.

Eine der herausragenden Interpretationen als Musik-Drama ist die Oper „OEDIPE“ des rumänischen Komponisten George Enescu (1881 – 1955).

George Enescu galt als Wunderkind; ab dem 4. Lebensjahr spielte er Geige, mit 5 Jahren fing er an zu komponieren und mit 8 Jahren gab er sein erstes öffentliches Konzert. Er schrieb zahlreiche Kompositionen für Kammermusik, Klavier und Chor, doch nur eine einzige Oper: „OEDIPE“.

Für diese Oper brauchte er ganze 25 Jahre! Am 13. März 1936 kam sie in der Pariser Oper zur Premiere und war sofort ein großer Erfolg.
Nach dem 2. Weltkrieg geriet George Enescu aber in Vergessenheit. Die erste bedeutende Produktion war dann erst wieder 1995 mit der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin in Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper. Von der Zeitschrift Opernwelt bekam die Produktion damals den Titel: „Wiederentdeckung des Jahres!“

Mein Video von „OEDIPE“ in der Komischen Oper:

Kritik

Von einer grandiosen Wiederentdeckung 2021 in der Komischen Oper darf jetzt ebenfalls zu Recht gesprochen werden.
Im letzten Jahr der Intendanz von Barrie Kosky kann er gleich mit seiner ersten Produktion der Saison 2021/22 an der Komischen Oper einen großen Erfolg verbuchen. Ein jubelndes Publikum und „Bravo“ –Rufe gleich bei der Premiere sieht und hört man nicht alle Tage.

Der kasachische Regisseur Evgeny Titov studierte an der Theaterakademie in St. Petersburg und am Max Reinhardt Semiar in Wien, bevor er erfolgreicher freier Regisseur an vielen Bühnen Europas wurde. Seit Mitte der 2010er Jahre führt er auch Opernregie.

Seine Inszenierung von George Enescus „OEDIPE“ ist streng auf das wesentliche reduziert.
Das Bühnenbild (Rufus Didwiszus), welches in den gesamten 2 Stunden nie wechselt, besteht aus bis zum Bühnenhimmel reichende grau-schwarze Wände mit einer Vertiefung in der Mitte, in die am Schluss schwarzes Wasser fließt, welches vorher langsam an den Wänden heruntergerieselt war.

Beeindruckend die Sängerinnen und Sänger, allen voran Leigh Melrose als Oedipe und Karolina Gumos als Königin Jokaste. Aber auch Jens Larsen als der Seher Tiresias und Katarina Bradic als Sphinx tragen zum Gelingen bei. Und der wunderbare Chor steht ringsum auf dem 2. Rang. Ein kompletter 3D-Klang!

Fazit:

Zwei aufregende Stunden mit einer aufwühlenden Musik brachten mir Operngenuss pur, der noch lange nachwirkte.
Bravo!

„OEDIPE“ von George Enescu
Premiere war am 29.08.2021
Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ainars Rubikis, Inszenierung: Evgeny Titov, Bühnenbild: Rufus Didwiszus, Kostüme: Eva Dessecker.
Mit: Leigh Melrose (Oedipe), Karolina Gumos (Königin Jokaste), Christoph Späth (König Laios), Jens Larsen (Seher Tiresias), Joachim Goltz (König Kreon), Susan Zarrabi (Königin Merope), Katarina Bradic (die Sphinx), Mirka Wagner (Antigone), Vazgen Gazaryan (der Priester).
Nächste Vorstellungen: 2., 7., 11., 26. September 2021

Unsere Bilderserie mit 18 Photos der Produktion:

 OEDIPE, Komische Oper Berlin, Photo: Holger Jacobs

Königin Jokaste (Karolina Gumos), OEDIPE, Komische Oper Berlin, Photo: Holger Jacobs

English text

 

Premiere of OEDIPE at the Komische Oper Berlin

 

By Holger Jacobs

Holger Jacobs
08/14/2021

Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)

An exciting story with an exciting music!

When the opera “Oedipe” by George Enescu was performed at the Salzburg Festival 2019, a journalist wrote: “The triumphant rediscovery of a masterpiece”!
And the Frankfurt Allgemeine Zeitung writes about the premiere in 2021, which took place last Sunday at the Komische Oper: „More of it!“

I can only confirm this! What a great music and what an exciting story – like a detective novel that relates to a person’s entire life.

What is it about?

The number of Greek sagas and dramas by important ancient writers is infinite – but some stand out.
This undoubtedly includes the Oedipus saga of Sophocles (4th century BC).
The drama „King Oedipus“ is part of a trilogy, which also includes „Antigone“ and „Oedipus on Colonus“. Many other authors, already in antiquity (Homer, Euripides), but especially in modern times (Voltaire, Hugo von Hofmannsthal, Max Frisch in „Homo Faber“) wrote works on this subject.
Also in the fine arts (Dominique Ingres, Gustave Moreau , Franz von Stuck) we encounter the topic again and again.

Sophokles, Bronze-Kopf aus Meloria/ Italien CC Wikimedia Commons

The Story

The legend is about Oedipus, the son of King Laios of Thebes and his wife Jokaste.
Oedipus receives a curse when he is born because the gods had forbidden Laios to father offspring.
The curse says that one day Oedipus will kill his father and the mother will marry. The newborn is then cast out. But contrary to what was thought, the child does not die, but is raised at the royal court of Corinth. When Oedipus goes on a horse ride as a young man many years later, he kills two men with whom he had an argument. One of them was his birth father, whom he did not recognize. When he comes to the city of Thebes, a sphinx, which has brought suffering and misery to the city, blocks his access. Only if he finds a correct answer to your question can he pass and the city will be liberated.
She asks: “What is stronger than the fate of the people? And he replies: „Man“ – and that is correct!
The Sphinx dies and Oedipus is rewarded with the wife of the Queen of Thebes – Jokaste, his real mother, whom he also does not recognize. When the truth emerges, he stabs his eyes out and flees the city.

Many people are familiar with the word „Oedipus“ from psychoanalysis since Sigmund Freud recognized and described the phenomenon of a male adolescent in 1913 unconsciously being sexually attracted to his own mother and at the same time seeing his father as a rival („Totem und Tabu“) ).

But the story of Oedipus could also leave its mark on music history.
You can find it with Igor Stravinsky, Carl Orff and The Doors.

One of the outstanding interpretations as a musical drama is the opera „OEDIPE“ by the Romanian composer George Enescu (1881 – 1955).
George Enescu was considered a child prodigy; From the age of 4 he played the violin, at the age of 5 he began to compose and at the age of 8 he gave his first public concert. He wrote numerous compositions for chamber music, piano and choir, but only one opera: “OEDIPE”.

It took him 25 years to write this opera!
It premiered at the Paris Opera on March 13, 1936 and was an immediate success.
After the Second World War, George Enescu fell into oblivion.
The first important production was again in 1995 with the director Götz Friedrich at the Deutsche Oper Berlin in cooperation with the Vienna State Opera. From the magazine Opernwelt that production got the title: „Rediscovery of the year!“

Our video of „Oedipe“:

Critics

Now you can also rightly speak of a grandiose rediscovery in the Komische Oper in 2021.

In the last year of Barrie Kosky’s directorship, he achieved a great success with his first production of the 2021/22 season at the Komische Oper.
A cheering audience and “Bravo” shouts right at the premiere are not seen and heard every day.

The Kazakh director Evgeny Titov studied at the Theater Academy in St. Petersburg and at the Max Reinhardt Semiar in Vienna before he became a successful freelance director on many stages in Europe.
He has also directs operas since the mid-2010s.
His staging of George Enescu’s “OEDIPE” is strictly reduced to the essentials. The stage design (Rufus Didwiszus), which never changes for the entire 2 hours, consists of gray-black walls reaching up to the stage sky with a depression in the middle, into which black water flows at the end, which had previously slowly trickled down the walls.
The singers are impressive, especially Leigh Melrose as Oedipe and Karolina Gumos as Queen Jokaste. But Jens Larsen as the seer Tiresias and Katarina Bradic as Sphinx also contribute to the success. And the wonderful choir is ranked in the 2nd floor all around the opera. A complete 3D sound!

Two exciting hours with stirring music brought me pure opera enjoyment that last for a long time.
Bravo!

George Enescu’s “OEDIPE”
Premiere was on August 29th, 2021
Komische Oper Berlin 
Musical director: Ainars Rubikis, staging: Evgeny Titov, set design: Rufus Didwiszus, costumes: Eva Dessecker.
With: Leigh Melrose (Oedipe), Karolina Gumos (Queen Jokaste), Christoph Späth (King Laios), Jens Larsen (Seer Tiresias), Joachim Goltz (King Creon), Susan Zarrabi (Queen Merope), Katarina Bradic (the Sphinx), Mirka Wagner (Antigone), Vazgen Gazaryan (the priest).
Next performances: September 2nd, 7th, 11th, 26th, 2021

Our picture series with 18 photos of the production:

OEDIPE, Komische Oper Berlin, Photo: Holger Jacobs

Königin Jokaste (Karolina Gumos), OEDIPE, Komische Oper Berlin, Photo: Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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