Silvesterkonzert mit Daniel Barenboim

Silvesterkonzert 2019 - Daniel Barenboim © Jacobs/ Davilla/ kultur24berlin

Silvesterkonzert mit Daniel Barenboim

 

Von Holger Jacobs

01.01.2020

English text below

Silvesterkonzert mit Nachruf auf Regisseur Harry Kupfer und Sänger Peter Schreier

Als Daniel Barenboim gestern Abend auf die Bühne trat wandte er sich direkt an das Publikum und brachte seine tiefe Erschütterung über den nur einen Tag zuvor verstorbenen Opernregisseur Harry Kupfer zum Ausdruck.

Harry Kupfer und Daniel Barenboim hatten zwischen 1988 und 1992 gemeinsam alle vier Opern des „Ring“- Zyklus von Richard Wagner bei den Bayreuther Festspielen realisiert. Anschließend bis 2001 erarbeiteten beide alle 10 Wagner-Opern für die Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Zuletzt inszenierte Harry Kupfer an der Staatsoper Berlin Verdis „MACBETH“ mit ANNA NETREBKO und PLACIDO DOMINGO.

Daniel Barenboim wies auch auf den erst vor einer Woche verstorbenen Opernsänger Peter Schreier hin, mit dem ihm eine über 40-jährige Freundschaft verband. Barenboim erzählte, wie er als 25-jähriger in einer seiner ersten Engagements als Dirigent mit dem damals ebenfalls sehr jungen Peter Schreier zusammenarbeitete.
Barenboim bat um eine Schweigeminute und alle 1300 Zuschauer (ausverkauftes Haus) standen auf sein Handzeichen auf (nur eine kurze Bewegung mit der rechten Hand genügte).
Zum ersten Mal dirigierte er nicht nur das Orchester, sondern auch das ganze Opernhaus.
In jeder Hinsicht ein bewegender Moment.

Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 (KV 466) in D-Moll war gestern Abend das erste Werk, welches zum Jahresausklang gespielt wurde. Daniel Barenboim übernahm nicht nur das Dirigat, sondern auch den Part des Pianisten. Was für manche Besucher etwas merkwürdig erscheinen mag, ist bei Barenboim und seiner Staatskapelle fast schon so etwas wie Routine. Bereits vor gut 10 Jahren spielten Orchester und Dirigent/ Pianist alle fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven in der Philharmonie Berlin mit großem Erfolg. Sogar eine DVD-Reihe ist darüber entstanden.

Daniel Barenboim am Flügel zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 © Jacobs/ kultur24berlin

Allerdings hätte ich mir gestern Abend doch mehr eines dieser vorgenannten Klavierwerke von Beethoven gewünscht, nicht nur, weil 2020 das Beethoven-Jahr wird (250. Geburtstag). Mozarts Klavierkonzert ist zwar ganz nett, kann aber meiner Meinung nach mit den vergleichbaren Werken von Beethoven nicht mithalten. Das auch nur halbstündige Klavierkonzert Nr. 20 (ich persönliche ziehe Nr. 24 vor) von Mozart kommt doch trotz moll Tonart gegenüber der anschließenden 9. Sinfonie von Beethoven allzu leicht daher. Daher kann von diesem ersten Werk an diesem Abend nur von einer Art Ouvertüre zum eigentlichen Hauptakt, der „Ode an die Freude“, gesprochen werden.

Die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ist und bleibt das ultimative Werk der Klassischen Musik. Fast jeder hat es schon irgendwie mal gehört, wenn auch nur den entscheidenden 4. Satz. Ob bei nationalen oder internationalen Feierlichkeiten, als Europa-Hymne oder auch nur im Radio: Diese Sinfonie für Chor und Orchester bleibt ein absolutes Phänomen!

Ludwig van Beethoven verfasste das Werk nur wenige Jahre vor seinem Tod (zu diesem Zeitpunkt schon völlig gehörlos) und wird zurecht als Höhepunkt seines Schaffens bezeichnet. Noch nie gab es vorher in einem sinfonischen Werk Singstimmen. Und dann gleich ein ganzer Chor in Vollbesetzung (gestern Abend ca. 80 Sängerinnen und Sänger)!

Schon in den ersten Sätzen klingen Besorgnis und Freude an, beides wird uns bis zum Schlussakkord begleiten. Wenn dann Anfang des vierten Satzes die Gruppe der Cello- und Bass- Streichinstrumente ganz leise das Thema spielt bekomme ich jedes Mal Gänsehaut, denn ich weiß, jetzt beginnt gleich das Gewitter an Emotionen, Aufschrei, Glück und Freude.

Wenn nach gut 25 Minuten dieser Satz zu Ende geht sinke ich glücklich und aufgebracht in meinen Sessel zurück. Die 9. Sinfonie von Beethoven ist jedes Mal ein Ereignis – egal, wie oft ich es schon gehört habe. (z.B. bei der Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden 2017)

Daniel Barenboim als Pianist in Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 machte seine Sache gut, ohne überragend zu sein. Das können natürlich Kollegen der Pianisten-Weltelite besser. Doch dieses ungewöhnliche Zusammenspiel von Orchester mit Pianist/ Dirigent macht die Sache interessant. Barenboims Steinway-Flügel steht inmitten des Orchesters und so nahe an den Orchestermusikern, dass deren Notenständer schon den Flügel berühren. Wenn eine Hand oder beide gerade nicht spielen lässt Barenboim diese mit Dirigier-Bewegungen über den Flügel schweben. Und seine Staatskapelle kennt natürlich jede Regung des Maestros, auch ohne Dirigierstock.

An dieser Stelle möchte ich gerne erwähnen, dass 2020 nicht nur Beethoven gefeiert wird, sondern auch das 450-jährige Bestehen der Staatskapelle.
Zum ersten Mal fand es Erwähnung in einer Kapellordnung des brandenburgischen Kurfürsten Joachim III. im Jahre 1570.

Für die Gesangs-Solopartien in der 9. Sinfonie von Beethoven traten dieses Mal die Sänger*innen Elena Stikhina (Sopran), Marina Prudenskaya (Mezzosopran, zuletzt in „Babylon“ an der Staatsoper Berlin), Andreas Schager (Tenor, zuletzt in „Tristan und Isolde“ an der Staatsoper Berlin) und René Pape (Bass, zuletzt mit „Die lustigen Weiber von Windsor“ an der Staatsoper Berlin) auf.

Gleich zu Beginn der schillerschen Strophen tönt René Papes voller Bass „OH FREUNDE, NICHT DIESE TÖNE“ weit bis in die letzten Stuhlreihen im vierten Rang. Andreas Schager zieht gekonnt nach. Auch die Stimmen der beiden Damen können sich hören lassen, doch die Herren gefielen mir gestern Abend besser.
Auch wenn die Gesangspartituren dieser vier Solisten nicht allzu groß sind, so ist ihre Qualität doch von außerordentlichen Bedeutung innerhalb der 9. Sinfonie.
Sie bringen das entscheidende i-Tüpfelchen auf den gesamten vierten Satz. Ist hier die Leistung schlecht, fällt der Gesamteindruck in den Keller (wie neulich geschehen, als sich Star-Dirigent Teodor Currentzis in der Philharmonie Berlin vergeblich an dem Verdi-Requiem versuchte und ausgerechnet seine Solo-Gesangskünstler ein Reinfall waren).

Wusstet Ihr übrigens, dass der Text zur ersten Strophe im vierten Satz „OH FREUNDE, NICHT DIESE TÖNE“ von Beethoven selbst geschrieben wurde, während der gesamte Rest von Friedrich Schillers Gedicht „An die Freude“ übernommen wurde? Nun, jetzt wisst Ihr es.

Ich wünsche allen Lesern von kultur24berlin ein erfolgreiches Jahr 2020!

Silvesterkonzert 2019
Staatsoper Unter den Linden
Mozart Klavierkonzert Nr. 20 d-moll, Beethovens 9. Sinfonie d-moll
Dirigent: Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor der Staatsoper Berlin
Solo-Sänger*innen: Elena Stikhina, Marina Prudenskaya, René Pape, Andreas Schager

Unser Bilderserie mit 6 Fotos vom Silvesterkonzert 2019 mit Daniel Barenboim:

Silvesterkonzert mit der 9. Sinfonie von Beethoven © Jacobs/ kultur24berlin

English text

New Year’s Eve concert with Daniel Barenboim
By Holger Jacobs
01/01/2020
New Year’s Eve concert with obituary for director Harry Kupfer and singer Peter Schreier

When Daniel Barenboim took the stage last night, he turned directly to the audience and expressed his deep shock at the opera director Harry Kupfer, who had died just a day earlier.
Harry Kupfer and Daniel Barenboim had realized all four operas of Richard Wagner’s „Ring“ cycle at the Bayreuth Festival in new productions between 1988 and 1992. Then until 2001 both worked on all 10 Wagner operas for the State Opera Unter den Linden in Berlin.
Most recently Harry Kupfer staged at the Staatsoper Berlin „MACBETH“ by Verdi with ANNA NETREBKO and PLACIDO DOMINGO.

Daniel Barenboim also referred to the opera singer Peter Schreier, who died only a week ago, with whom he had a friendship of over 40 years. Barenboim told how he worked as a 25-year-old in one of his first engagements as a conductor with Peter Schreier, who was also very young at the time. Barenboim asked for a minute’s silence and all 1,300 spectators (sold-out house) stood up for his hand signal (only a short movement with his right hand was enough). For the first time, he not only conducted the orchestra, but also the entire opera house. A moving moment in every respect.

Mozart’s Piano Concerto No. 20 (KV 466) in D minor was the first work to be played last night at the end of the year. Daniel Barenboim not only took over the conducting, but also the part of the pianist. What may seem a bit strange to some visitors is almost a routine at Barenboim and his Staatskapelle. A good 10 years ago, the orchestra and conductor / pianist played all five of Ludwig van Beethoven’s piano concerts in the Berlin Philharmonic with great success. Even a DVD series has been created about it.

However, last night I would have preferred one of these Beethoven piano works, not only because 2020 will be the Beethoven year (250th birthday). Mozart’s piano concerto is quite nice, but in my opinion it cannot compete with comparable works by Beethoven. Mozart’s piano concerto no. 20 (I personally prefer no. 24), which is only half an hour long, comes across all too easily despite the minor key compared to Beethoven’s 9th symphony afterwards. Therefore, from this first work on this evening one can only speak of a kind of overture to the actual main act, the „Ode to Joy“.

The 9th symphony by Ludwig van Beethoven is and remains the ultimate work of classical music. Almost everyone has heard it somehow, even if only the decisive fourth sentence. Whether at national or international celebrations, as a European anthem or just on the radio: this symphony for choir and orchestra remains an absolute phenomenon!
Ludwig van Beethoven wrote the work just a few years before his death (already completely deaf at the time) and is rightly called the culmination of his work. There have never been singing voices in a symphonic work before. And then an entire orchestra in full line-up (about 80 singers last night)!
Already in the first sentences there are signs of concern and joy, both of which will accompany us until the final chord. When the group of cello and bass strings plays the theme very softly at the beginning of the fourth movement, I get goose bumps every time, because I know that the storm of emotions, outcry, happiness and joy begins now.
When this sentence ends after a good 25 minutes, I sink back into my armchair happily and angrily. Beethoven’s Ninth Symphony is an event every time – no matter how many times I have heard it. (At the opening of the State Opera Unter Linden).

Daniel Barenboim as a pianist in Mozart’s Piano Concerto No. 20 did a good job without being outstanding. Colleagues from the world’s pianist elite can do that better. But this unusual interaction between orchestra and pianist / conductor makes things interesting. Barenboim’s Steinway Piano stands in the middle of the orchestra and so close to the players that their music stands already touch the grand piano. When one hand or both are not playing, he lets them hover over the piano with conducting movements. And his Staatskapelle of course knows every movement of the maestro, even without a conducting stick.
At this point I would like to mention that in 2010 not only Beethoven will be celebrated, but also the 450th anniversary of the Staatskapelle. It was mentioned for the first time in a chapel order by the Brandenburg Elector Joachim III. in 1570.

This time the singers Elena Stikhina (soprano), Marina Prudenskaya (mezzo-soprano, most recently in „Babylon“ at the Berlin State Opera), Andreas Schager (tenor, most recently in „Tristan and Isolde“ at the Staatsoper Berlin) and René Pape (bass, most recently with „Die lustige Weiber von Windsor „at the Staatsoper Berlin).

Right at the beginning of the Schiller verses, René Papes sounds full of bass „OH FRIENDS, NOT THESE TONES“ far into the last rows of chairs in fourth place. Andreas Schager skillfully follows suit. The voices of the two ladies can also be heard, but I liked the gentlemen better last night. Even if the singing scores of these four soloists are not very large, their quality is of extraordinary importance within the 9th symphony. They bring the decisive icing on the cake to the entire fourth movement. If the performance is poor here, the overall impression falls into the basement (as happened recently when star conductor Teodor Currentzis tried unsuccessfully at the Verdi Requiem in the Berlin Philharmonic and his solo singing artists of all were a letdown).
By the way, did you know that the text for the first stanza in the fourth movement „OH FRIENDS, NOT THESE TONES“ comes from Beethoven himself, while the rest of Friedrich Schiller’s poem „An der joy“ was taken over? Well now you know.
I wish all readers of kultur24berlin a successful 2020!
New Year’s Eve Concert 2019
State Opera Unter den Linden
Mozart Piano Concerto No. 20 in D minor, Beethoven’s 9th Symphony in D minor
Conductor: Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin, State Opera Choir of the Berlin State Opera
Solo singers: Elena Stikhina, Marina Prudenskaya, René Pape, Andreas Schager

Silvesterkonzert mit der 9. Sinfonie von Beethoven © Jacobs/ kultur24berlin

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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