Unsere Bücher Tipps im Juli 2021

Die Bücher Tipps im Juli 2021 © kultur24.berlin

Unsere Bücher Tipps im Juli 2021

 

Von Jörg Braunsdorf

08.07.2021

Mein Schatz als Buchhändler – der „Handapparat“.

Mit Handapparat bezeichnen Buchhändler normalerweise eine wissenschaftliche Auswahl von Texten zu bestimmten Themen.
Oder, wie für mich, meine Lieblings-Bücher, deren Zahl immer weiter steigt, von denen ich mir wünsche, sie mögen für lange Zeit in meinem Gedächtnis (und auch lieferbar) bleiben.

Davon nun 5 Beispiele:

„Soutines letzte Fahrt“, Ralph Dutli, Wallstein Verlag
Der Schweizer Schriftsteller Dutli, Lyriker, Essayist, Biograph und Übersetzer schrieb diesen Roman 2013.
Er erzählt die Lebensgeschichte des weißrussisch – französischen Malers jüdischer Herkunft, Chaim Soutine, dessen berühmtes Bild „Le petit pâtissier“ (Der Bäckerjunge von Ceret) von 1922 das Cover prägt.
Die Erzählung beginnt am 6. August 1943. In einem Leichenwagen versteckt, begleitet von seiner Gefährtin Marie-Berthe Aurenche, die Schmerzen notdürftig mit Morphium betäubt, wird der schwer kranke Maler aus der Provinz nach Paris gebracht, in der Hoffnung auf medizinische Rettung.
Im Auto eines Begräbnisunternehmens soll es gelingen, die Kontrollen der SS und der Kollaboristen der Nazis zu umgehen. Während dieser schmerzgeplagten Fahrt durchlebt der berühmte Maler ein letztes Mal seine Kindheitsjahre bei Minsk, seine ersten künstlerischen Schritte in Wilna und vor allem die Zeit des Expressionismus im Paris der 20er Jahre, seine intensive Freundschaft mit Modigliani.
Eine atemberaubende Zeigeschichte und Romanbiographie.

„Soutines letzte Fahrt“, Ralph Dult © Wallstein Verlag

„Iman“, Ryad Assani-Razaki, Wagenbach Verlag, übersetzt von Sonja Finck
Der in Benin geborener Schriftsteller Assani-Razaki wanderte 2004 in das französisch-sprachige Quebec in Kanada aus.
2011 erschien dort der Roman „La main d´Iman“ (Die Hand des Iman). Im Jahre 2014 erschien die deutsche Übeesetzung mit dem Titel „Iman“.
In den Geschichten der drei afrikanischen Kinder, Toumani, Alissa und Iman in einem nicht genannten Land spiegelt sich die Sehnsucht nach Heimat, Freundschaft und Liebe einer verlorenen Generation und eines zerrissenen Kontinents wieder.
Seit dem Jahr 2015 erleben wir eine neue, oft bittere Qualität immerwährender weltweiter Wanderungs- und Flüchtlingsrealitäten.
Die Lektüre dieses Romans ist höchstspannend und am Ende der Geschichte haben wir, ohne ein Sachbuch oder eine wissenschaftliche Abhandlung gelesen zu haben, verstanden, weshalb Menschen bereit sind für die Hoffnung auf Leben und Freiheit Grenzen und sogar ganze Ozeane zu überwinden.
Dieser anrührenden und aufwühlenden Geschichte müssen wir den zivilisatorischen Bruch der europäischen Festungsmentalität entgegenstellen.
Eine erbärmliche Realität!

„Iman“ Ryad Assani-Razaki © Wagenbach Verlag

„Ein Leben mehr“, Jocelyne Saucier, Insel Verlag, übersetzt von Sonja Finck
Die kanadische Autorin franz. Sprache, Jocelyne Saucier, schreibt in ihrem Roman über eine Fotografin auf der Suche nach einem gewissen Boychuck, der einer der letzten Überlebenden der großen Brände in Kanada im Jahr 1916 sein soll. Sie stößt dabei auf drei alte Männer, die zurückgezogen in der Tiefe der kanadischen Wälder leben.
Gemeinsam mit einer 82-jährigen ehemaligen Psychiatrieinsassin bilden sie eine autonom lebende Gemeinschaft. Bedroht höchstens von zivilisatorischen Regeln, erleben sie neue Möglichkeiten und einen selbstbestimmten Umgang mit sich, der Zukunft, dem Tod, und dem, was noch kommen mag.
Die Autorin lebt heute selber in einem Zehn-Seelen-Ort im Wald. Mit ruhigem, wohltuenden Erzählstil ist ihr ein berührender, zutiefst menschlicher Roman gelungen, in dem auf die Kraft der Unabhängigkeit und der Anarchie, dem Einvernehmen mit der Natur und anderen Kreaturen, bis hin zu selbstbestimmten Schritten im Umgang mit dem eigenen, irdischen Leben gesetzt wird.
Verlegt 2011 in Kanada, erschien er 2015 in deutscher Sprache.

„Ein Leben mehr“, Jocelyn Saucier © Insel Verlag

„Frühling der Barbaren“, Jonas Lüscher, C.H. Beck Verlag
Jonas Lüscher ist ein schweizerisch-deutscher Philosoph, der sich für das literarische Schreiben entschieden hat. 2013 erschien die Novelle „Frühling der Barbaren“.
Ein Schweizer Industrieller zieht sich für einige Tage in die Wüste zurück. Er trifft auf eine Londoner Hochzeitsgesellschaft und verbringt angenehme Tage in der Wüste. Soweit, so unbeschwert und lustig. Während der Hochzeitsnacht bricht der englische Staatshaushalt zusammen, die feiernde Gesellschaft erlebt den unmittelbaren Zusammenbruch ihrer finanziellen Möglichkeiten, Kreditkarten sind ihr Plastik nicht mehr wert. Genial im Novellencharakter umgesetzt, erlesen wir den nun ausbrechenden menschlichen Kannibalismus als Spiegelbild des Zusammenbruches des internationalen Finanzkapitalismus. Grotesk, Satirisch, Radikal und Eindringlich!

„Frühling der Barbaren“, Jonas Löscher © C.H. Beck Verlag

„Das Jahresbankett der Totengräber“, Mathias Enard, Hanser Verlag, übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller
Für den Roman „Kompass“ (427 S.) hat Mathias Enard 2015 den Prix Goncourt erhalten. Dass er auch ein Meister kurzer Geschichten ist, belegt er mit dem 106 Seiten Text „Der Alkohol und die Wehmut“. Und nun der 2020 in Frankreich erschienene Roman „Le banquet annuel de la confrérie des fossoyeurs“ (Das jährliche Bankett der Bruderschaft der Totengräber), erschienen 2021 auf Deutsch mit dem Titel „Das Jahresbankett der Totengräber“.
Die Handlung: David, ein Anthropologe, zieht für ein Jahr von Paris aufs Land, um für seine Dissertation das Land- und Dorfleben kennenzulernen.
Während die eigenwilligen Provinzler ihn immer mehr in den Bann schlagen, gerät die wissenschaftliche Arbeit mehr und mehr in den Hintergrund. Was dann folgt ist eine wilde, geschichtsträchtige, burleske Erzählung, voller Hintergründe und Überraschungen.
Immer wieder greift Enard auf das Lebensrad zurück – da wird aus einer Wildsau schon mal ein Pastor. Der Höhepunkt für mich war das dem Buchtitel gleichnamige Kapitel, eine Explosion ideenreichen Erzählens, 78 Seiten, die als eigenständige Erzählung verlegt und genossen werden könnte.
Alle drei Bücher gehören zum Handapparat!
Am besten alle lesen!

„Das Jahresbankett der Totengräber“, Mathias Enard © Hanser Verlag

 

 

Jörg Braunsdorf

Author: Jörg Braunsdorf

Jörg Braunsdorf ist Inhaber der 2010 gegründeten Tucholsky-Buchhandlung in der Tucholskystraße 47 in Berlin-Mitte.
Auszeichnungen: 4-maliger Gewinner des Deutschen Buchhandlungspreises, zuletzt für das Jahr 2020

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