100 Jahre Bauhaus – Warum gibt es so viele Gegner?

!00 Jahre Bauhaus © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

100 Jahre Bauhaus – Warum gibt es so viele Gegner?

 

Von Holger Jacobs

19.04.2019

english text

Das Bauhaus feiert dieses Jahr 100-jährigen Geburtstag und damit eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte

Warum hatte das Bauhaus einen so großen Einfluss auf die Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts?
Warum ist der Einfluss des Bauhauses bis heute zu zu spüren?
Warum gibt es auch heute noch genauso viele Gegner dieser Bewegung wie damals?

Hintergrund

Im Frühjahr 1919, nur wenige Monate nach Ende des 1. Weltkrieges, suchte die Stadt Weimar einen neuen Leiter für ihre Hochschule für Bildende Kunst, bzw. für die Kunstgewerbeschule, die im Krieg geschlossen worden war. Der bisherige Leiter, der belgische Künstler und Architekt Henry van de Velde, musste während des Krieges aus politischen Gründen in die Schweiz übersiedeln, konnte aber für seine Nachfolge noch den Berliner Architekten Walter Gropius vorschlagen, der dann auch von dem Auswahlgremium genommen wurde.

Das Bauhaus in Weimar, Architektur von Henry Van de Velde cc Ralf Herrmann

Ab 1925 zog das BAUHAUS weiter nach Dessau mit einem neuen Schulgebäude + Campus + Wohnhäuser für die Meisterlehrer, alles geplant von Walter Gropius (sie Bilderserie weiter unten)

Walter Gropius gehörte sicher zu den schillerndsten Figuren rund um das Bauhaus. Nicht nur, dass er von 1919 bis 1927 ihr Leiter war, sondern weil er die Fähigkeit besaß, quasi als Botschafter des Bauhauses dessen Ideen in die ganze Welt zu tragen.
Er war die Lichtgestalt des neuen Denkens in Form, Lehre und Architektur. Ohne sein Wirken hätte das Bauhaus sicher nicht die Bedeutung gewonnen, die es bis heute hat. Die Begriffe NEUE SACHLICHKEIT und DIE MODERNE sind eng mit seiner Arbeit verbunden. Dass Walter Gropius auch durch die Heirat mit Alma Mahler (spätere Werfel) ein ebenfalls prominentes Eheleben führte, soll hier nur am Rande erwähnt werden.

Walter Gropius, 1919 cc Louis Held

Dabei hatte Walter Gropius sein Architekturstudium noch nicht einmal abgeschlossen. Weil er nicht zeichnen konnte, musste er nach 5 Jahren sein Studium erfolglos beenden. Nur auf Grund einer Empfehlung bekam er 1908 eine Anstellung bei dem renommierten Berliner Architekten Peter Behrens, in dessen Büro auch Mies van der Rohe und Le Corbusier arbeiteten.
Zeit seines Lebens war Gropius auf die Hilfe anderer angewiesen, ihm bei der Verwirklichung seiner Pläne zu helfen. Doch seine Ausstrahlung bewirkte, dass er immer die besten Kräfte um sich herum versammeln konnte.

Walter Gropius holte die kreativen Köpfe der damaligen Zeit nach Weimar:
Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Andreas Feininger, Johannes Itten, Georg Muche und Adolf Meyer, später kamen noch Wilhelm Wagenfeld, Marcel Breuer, Laszlo Moholy-Nagy, Josef Albers und Ludwig Mies van der Rohe dazu.

Bauhaus 100 © Dezeen Magazine

Warum hatte das Bauhaus einen so großen Einfluss auf die Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts?

Nach dem verheerenden 1. Weltkrieg mit über 10 Millionen Toten entstand der Wunsch der Bevölkerung nach einer radikalen Veränderung in fast allen Bereichen des Lebens – politisch, gesellschaftlich, wie in der Kunst.

Walter Gropius griff diese Ideen auf.
Er legte die ehemalige Hochschule für Bildende Künste und die Kunstgewerbeschule in Weimar zusammen und nannte die neue Institution „DAS STAATLICHE BAUHAUS“.
Mit den Fragen: „Wie wollen wir leben?“ und „Wie wollen wir wohnen?“ sollte ein neue Welt mit neuen Formen  für den modernen Menschen entstehen.

Von nun an gab es keine Trennung mehr zwischen den „noblen“ Künsten und dem „einfachen“ Handwerk. Die unterschiedlichen Disziplinen wie Malerei, Bildhauerei, Töpferei, Weberei, Gestaltung und Tischlerei waren nicht mehr getrennt.
Und erstmalig wurden auch Frauen zum Studium zugelassen.
Obligatorisch war für alle Studierende nur der sogenannte Vorkurs, der den Schülern eine gemeinsame Basis für ihr weiteres Studium ermöglichte. Bis heute wird diese Praxis in fast allen Kunst- und Designschulen ausgeübt.

Des Weiteren sollte gutes Design und gutes Wohnen nicht mehr nur für wenige Privilegierte möglich sein. Durch industriell in Serie hergestellte Objekte sollten die Kosten niedrig gehalten und somit für alle erschwinglich werden.

Besonders im Bereich der Architektur sollte durch kostengünstiges Bauen Wohnraum für viele Menschen geschaffen werden.
Keine Ornamente mehr, keine Stuckatur an Decken und Wänden, keine aufwendigen Fassaden und keine Giebeldächer mehr. Alles, was bisher ein Haus teuer und aufwendig machte, sollte weggelassen werden.

Als erstes Beispiel entstand aus diesen Ideen 1923 das HAUS AM HORN in Weimar, welches ganz nach den Ideen des Bauhauses entstand. Mit Flachdach, niedrigen Decken, kleinen Zimmern und eine auf das Wesentliche beschränkte Küche mit Einbaumöbeln, wie sie in ihrer Art bis heute das Möbelhaus IKEA weltweit verkauft.

3 Photos: Haus am Horn, Weimar, cc Most Curios

Doch nicht nur die genialen und revolutionären Ideen des Bauhauses waren für seine Verbreitung und Bekanntheit in der Welt verantwortlich.
Fast alle Lehrer und viele Schüler des Bauhauses wurden durch die Nazis aus Deutschland in andere Länder vertrieben, nachdem auf Druck der NSDAP die Schule 1933 schließen musste.
Walter Gropius folgte einem Ruf nach HARVARD, immerhin die wohl berühmteste Universität der westlichen Welt.
Josef Albers wurde Leiter der renommierten Kunstschule BLACK MOUNTAIN COLLEGE in der Nähe von New York, dessen Schüler u.a. Robert Rauschenberg, John Cage, Arthur Penn, Merce Cunningham und Cy Twombly waren.

Auch das Museum of Modern Art, kurz MOMA genannt, hatte seinen Anteil an der Verbreitung des Bauhauses.
Im Jahre 1932 organisierte das MOMA die Ausstellung „Modern Architecture: International exhibition“, welche auf ein großes Interesse stieß. Schnell wurde dabei bekannt, dass die meisten Ideen dazu aus dem kleinen Ort Weimar (ab 1925 in Dessau, ab 1932 in Berlin) in Deutschland kamen. Vor allem die Universitäten der USA wollten die neuen Ideen in ihren Lehrplänen mitaufnehmen.

So bekam auch Mies van der Rohe einen Ruf nach Harvard, entschied sich aber letztlich für das ILLINOIS INSTITUT OF TECHNOLOGY  in Chicago, welches ihm zugleich ein eigenes Architekturbüro zusicherte, wodurch er auch weiterhin als freier Architekt arbeiten konnte. Und die Aufträge ließen nicht auf sich warten. Seine bekanntesten Gebäude in den USA sind die FARNSWORTH VILLA in Illinois und das Bürohochaus SEAGRAM BUILDING in New York an der Park Avenue. Hier verwirklichte er die von ihm schon 1921 vorgestellte Technik, Hochhäuser in der „Haut und Knochen“ Technik zu bauen: Innen ein Stahlgerüst (Knochen) mit variablem Innenausbau, außen eine Glasfassade (Haut) ohne tragende Funktion. Noch heute werden fast alle Hochhäuser in dieser Technik gebaut.

Während seiner Gründungszeit in den 20er Jahre wurde das Bauhaus als Hochburg unsinniger Utopien und als Sammelpunkt radikaler Linker und Kommunisten abgetan. Was auch der Grund war für seine Schließung durch die Nationalsozialisten.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Ideen des Bauhauses dankbar aufgegriffen, um billigen Wohnraum für die vielen Menschen zu schaffen, die durch die Bombenangriffe ihre Häuser verloren hatten. Zusätzlich stieg in Deutschland wie in anderen westlichen Ländern nach dem Krieg die Bevölkerungszahl rapide an, so dass überall Satellitenstädte am Rande der Metropolen entstanden (wie die berühmt-berüchtigten Banlieues in Paris).

Hier in Berlin sind die bekanntesten Satellitenstädte die Gropiusstadt (in West-Berlin) und Marzahn (in Ost-Berlin). Und die billigen Plattenbauten der DDR basieren alle auf der Idee der seriellen, vorgefertigten Bauteile.
Für alle diese Häuser gilt: Aus Beton schnell hochgezogene Einheiten, ohne besondere architektonische Raffinesse.
Diese als abgrundtief hässlich empfundenen Bausünden der Nachkriegszeit gelten für viele als Symbol des Bauhauses. Schließlich hatten dort die Lehrer als erste die Ideen zu möglichst billigen Betonbauten.

Dabei kommt es natürlich immer auf die Art an, wie Ideen umgesetzt werden. Und nicht jeder Architekt ist gleich ein Ludwig Mies van der Rohe…

Zum 100-jährigen Bestehen gibt es zahlreiche Ausstellungen.
Hier unsere Bilderserie der Ausstellung: „Bauhaus und die Fotografie“:

9 Photos: Tänzerin Mary Wigman, 1928, Fotograf: Charlotte Rudolph

Hier die wichtigsten Ausstellungen in Berlin:

„Von Arts and Craft zum Bauhaus“ im Museum Bröhan, 24.01. – 05.05.2019
„Bauhaus Imaginista“ im Haus der Kulturen der Welt, 15.03. – 10.06.2019
„Bauhaus und die Fotografie“ im Museum für Fotografie am Bahnhof Zoo vom 11.04. – 25.08.2019
„Bauhauswoche“ vom 31.08. – 08.09.2019 in einem Pavillon auf dem Ernst-Reuter-Platz
„Laszlo Moholy-Nagy und die Typographie“ in der Kunstbibliothek am Kulturforum vom 29.08. – 15.09.2019
„Original Bauhaus“ in der Berlinischen Galerie, vom 06.09.2019 – 27.01.2020
„Avanti Avanti 100“ im Mies-van-der-Rohe Haus in der Oberseestraße 60 in Berlin-Pankow, die Ausstellung läuft das ganze Jahr. Am 30 Juni 2019 gibt es dort ein Sommerfest zum Bauhaus.

Hier unsere Bilderserie des BAUHAUS in Dessau mit 13 Fotos:

13 Photos: Das BAUHAUS in Dessau, Architekt: Walter Gropius, 2011, © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

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(pictures above)

100 years Bauhaus – Why are there so many opponents?
By Holger Jacobs
04/19/2019
The Bauhaus celebrates its 100th birthday this year, and thus an incomparable success story
Why did the Bauhaus have such a great influence on the art and culture of the 20th century?
Why is the influence of the Bauhaus felt today?
Why are there still as many opponents of this movement today as they were then?
Background
In the spring of 1919, only a few months after the end of the First World War, the city of Weimar was looking for a new head for its College of Fine Arts, or for the School of Applied Arts, which had been closed during the war. The previous director, the Belgian artist and architect Henry van de Velde, had to move to Switzerland during the war for political reasons, but he was able to propose the Berlin architect Walter Gropius for his successor.
From 1925, the BAUHAUS moved on to the city of Dessau with a new school building + campus + residential buildings for the master teachers, all planned by Walter Gropius (see our picture series above).
Walter Gropius was certainly one of the most dazzling figures around the Bauhaus. Not only that he was their leader from 1919 to 1927, but because he had the ability, as an ambassador of the Bauhaus, to carry its ideas throughout the world. He was the mentor of new thinking in form, teaching and architecture. Without his work, the Bauhaus would certainly not have gained the significance that it still has today. The terms NEUE SACHLICHKEIT and DIE MODERNE are closely linked to his work. The fact that Walter Gropius also led a prominent marriage to Alma Mahler (later Werfel) should be mentioned here only in passing.
Walter Gropius had not even completed his architectural studies. Because he could not draw, he had to finish his studies unsuccessfully after 5 years. Only on the basis of a recommendation did he get a job with the renowned Berlin architect Peter Behrens in 1908, in whose office also worked Mies van der Rohe and Le Corbusier. Throughout his life, Gropius relied on the help of others to help him realize his plans. But his charisma meant that he could always gather the best forces around him.

Walter Gropius brought the creative minds of that time to Weimar:
Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Andreas Feininger, Johannes Itten, Georg Muche and Adolf Meyer, later also Marcel Breuer, Laszlo Moholy-Nagy, Josef Albers and Ludwig Mies van der Rohe.
Why did the Bauhaus have such a great influence on the art and culture of the 20th century?
After the devastating World War I with more than 10 million dead, the people’s desire for a radical change in almost all areas of life arose – politically, socially, as in art.
Walter Gropius took up these ideas. He put together the former Academy of Fine Arts and the School of Applied Arts in Weimar and called the new institution „DAS STAATLICHE BAUHAUS“.
With the questions: „How do we want to live?“ and „How do we want to reside?“ a new world should emerge with new forms for the modern human being.
From now on there was no longer any separation between the „noble“ arts and the „simple“ craft. The different disciplines such as painting, pottery, weaving, design and carpentry were no longer separate. And for the first time women were admitted to study. Obligatory for all students was only the so-called preliminary course, which gave the students a common basis for their further studies. To this day, this practice is done in almost all art and design schools today.
Furthermore, good design and good living should no longer be possible only for the privileged few. Industrial mass produced objects should keep costs down and make them affordable for everyone.
Particularly in the field of architecture, living space for many people was to be created through cost-effective construction. No more ornaments, no stucco on ceilings and walls, no elaborate facades and no gable roofs. Everything that made a house so expensive should be left out.

The first example of these ideas was the HAUS AM HORN in Weimar in 1923, which was built entirely in line with the ideas of the Bauhaus. With a flat roof, low ceilings, small rooms and an essential kitchen with built-in furnitures, as in that kind the furniture store IKEA sells worldwide today.
But it was not only the ingenious and revolutionary ideas of the Bauhaus that were responsible for its dissemination and renown in the world.
Almost all the teachers and many students of the Bauhaus were expelled from Germany to other countries by the Nazis after the school had to close in 1933 under pressure from the NSDAP party.
Walter Gropius followed a call to Harvard, probably the most famous university in the Western world.
Josef Albers became the director of the prestigious art school BLACK MOUNTAIN COLLEGE near New York, whose students included Robert Rauschenberg, John Cage, Arthur Penn, Merce Cunningham and Cy Twombly.
The Museum of Modern Art (also called MOMA,) had a not inconsiderable share in the dissemination of the Bauhaus.
In 1932, the MOMA organized the exhibition „Modern Architecture: International exhibition“, which was followed by many with great interest. It quickly became known that most ideas came from this small town called Weimar (later up from 1925 in Dessau, then up from 1930 in Berlin) in Germany. Above all, the universities of the USA wanted to include these new ideas in their curricula.
Mies van der Rohe as well got a call for Harvard, but he opted for the Illinois Institute of Technology in Chicago, which assured him his own architectural office, which allowed him to continue working as a freelance architect. And the orders did not wait.
His best-known buildings in the US include the FARNSWORTH VILLA in Illinois (today national monument) and the SEAGRAM BUILDING in New York on Park Avenue. Here he realized the technique introduced by him already in 1921 to build skyscrapers in the „skin and bone“ technique: inside a steel frame (bone) with variable interior design, outside a glass facade (skin) without supporting function.
Even today, almost all skyscrapers are built using this technique.

Why are there so many opponents of the Bauhaus today?
During its founding in the 1920s, the Bauhaus was dismissed as a stronghold of nonsensical utopias and as a rallying point for radical leftists and communists. Which was the reason for its closure by the National Socialists in 1933.
After World War II, the ideas of the Bauhaus were gratefully taken up in order to provide cheap housing for the many people who had lost their homes due to the bombing.
In addition, in Germany as in other western countries, the population increased rapidly after the war, so that everywhere satellites cities on the outskirts of the metropolises emerged (like the well-known Banlieues in Paris).
Here in Berlin, the best known examples are the Gropiusstadt (in West Berlin) and Marzahn (in East Berlin). And even the so-called and mostly hated Plattenbauten (made by plates) of the GDR are based on the idea of ​​serial, prefabricated components.
The idea of these buildings: Units quickly raised from concrete, without special architectural refinement.
These ugly post-war constructions are considered by many to be the symbol of the Bauhaus.
Of course, it always depends on how ideas are implemented.
And not every architect is equal to a Ludwig Mies van der Rohe …

For the centanial anniversary, there are numerous exhibitions. Here are the most important ones for Berlin:
– „From Arts and Craft to the Bauhaus“ in Museum Bröhan, 24. Jan. – 05. May 2019
– „Bauhaus Imaginista“ at Haus der Kulturen der Welt, 15. March – 10. June 2019
– „Bauhaus and Photography“ at the Museum of Photography at Bahnhof Zoo from 11. April – 25. August 2019
– „Bauhaus Week“ from 31. Aug – 08. Sept 2019 in a pavilion on the Ernst-Reuter-Platz
– „Laszlo Moholy-Nagy and the typography“ in the art library at the Kulturforum from 29. Aug – 15. Sept 2019
– „Original Bauhaus“ in the Berlinische Galerie, from 06. Sept 2019 – 27. Jan. 2020
– „Avanti Avanti 100“ in the Mies-van-der-Rohe House in Oberseestraße 60 in Berlin-Pankow, the exhibition is on all year.
On June 30, 2019, there will be a summer party at the Mies van der Rohe house.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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