Am Königsweg im Deutschen Theater Berlin

Am Königsweg - Deutsches Theater, Foto: Andreas Wilcke

Am Königsweg im Deutschen Theater Berlin

 

Von Holger Jacobs

  1. Mai 2018

english text below

Regisseur Stephan Kimmig inszeniert Elfriede Jelineks Antwort auf die Wahl von Donald Trump.

Hintergrund 1

Gleich in der Wahlnacht, als der Sieg Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika klar wurde, setzte sich Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in Wien an den Schreibtisch und begann ihr neues Theaterstück zu schreiben. Titel „Am Königsweg“. Vier Monate später, im März 2017, kam es zu einer ersten Lesung des noch unfertigen Dramas im Segal Theater Center in New York – nur wenige Meter vom Trump Tower entfernt. Am 28. Oktober 2017 dann die Uraufführung im Hamburger Schauspielhaus unter der Regie von Falk Richter. Kultur24 berichtete.

Hintergrund 2

Warum ein Mensch wie Donald Trump am 8. November 2016 zum Präsidenten des mächtigsten Landes der Welt gewählt wurde, bleibt wohl für immer ein Rätsel. Verschiedene Verschwörungstheorien kursieren: Sei es Wladimir Putin, der mit gezielten Internetattacken die Wählermeinung manipuliert hat oder das FBI, welches nur wenige Tage vor der Wahl neue E-Mail Unregelmäßigkeiten bei Gegnerin Hillary Clinton veröffentlichte.

Elfriede Jelinek schreibt dazu in ihrem Drama „Am Königsweg“: „Das Leben ist unerklärlich, sie haben gewählt und wissen nicht, wen sie gewählt haben, obwohl sie selbst gewählt haben.“

Doch eines ist klar: Nationalismus, Populismus, Ängste schüren, Abspaltung von anderen und Rückzug in die eigenen Grenzen – alles, was wir nach dem 2. Weltkrieg hofften, überwunden zu haben, finden wir plötzlich nicht nur in Amerika, sondern auch in vielen Ländern Europas wieder.

3 Photos: v.l.n.r. Linn Reusse, Holger Stockhaus, Bozidar Kocevski, Regisseur Stephan Kimmig, Marcel Kohler, Anja Schneider, Applaus, „Am Königsweg“, Deutsches Theater Berlin © Holger Jacobs

Handlung

Eine stringente Handlung gibt es nicht. Das 95-seitige Buch ist eine Aneinanderreihung verschiedener Aussagen zu bestimmten Themen, wie Blindheit, Gewalt, König und Königsweg, Medea und Elektra, Miss Piggy und Kermit, die Stadt Theben, der Seher, der Denker, Weltanschauung und Zukunft.

Kritik

Der Abend beginnt mit der Bühnenschau eines mittelmäßigen Komikers und Zauberers (Holger Stockhaus). Er zeigt seine schlechten Kunststücke vor der Kulisse einer übergroßen Küche, die auch die nächsten 2 Stunden als Hintergrund dienen wird. Ab und zu kommt aus einem der Küchenschränke ein goldbekleideter und mit einem goldenen Lorbeerkranz versehener Mann (Bozidar Kocevski) heraus, sagt ein paar Worte und verschwindet wieder im Schrank. Unwillkürlich denkt man an die morgendlichen Tweets aus dem Weißen Haus. Dann beginnen Komiker und König ein Mahl zuzubereiten mit billigen Würstchen aus der Dose und einer riesigen Gurke als Phallussymbol. Manche der Damen um mich herum im Publikum verfallen in schallendes Gelächter.

Zu Komiker und König gesellen sich ein mit vielen Brillen bestückter Mann (Marcel Kohler), der aber nur wenig sagt und überwiegend die Szene beobachtet (Blindheit – Sehen – Brillen). Und zwei junge Damen, blond mit rosa Bodysuits bekleidet. Jeder dieser fünf Figuren auf der Bühne rezitiert Textpassagen aus dem Buch von Elfriede Jeklinek zu den Themen, die ich bereits oben beschrieben habe. Und alles hat einen Bezug zu Donald Trump. Archaische Männlichkeit, Patriarchalismus, Rücksichtslosigkeit, beschränkte Intelligenz, plumpe Weisheiten und falsche Wahrheiten. Und immer wieder der Bezug zur griechischen Tragödie – jeder hätte es sehen müssen, aber alle waren blind.

Damit bleibt auch das Thema BLINDHEIT die wichtigste Aussage an diesem Abend. Selbst als zum Schluss Kermit und Miss Piggy aus der Muppet Show auftreten sind Miss Piggy die Augen verbunden.

Da das Stück „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek keine Handlung vorgibt ist jedem Regisseur gestattet die Interpretation zu suchen, die er für richtig hält. Falk Richter in Hamburg machte daraus eine Publikumsbeschimpfung, Stephan Kimmig in Berlin eine vermeintlich schlechte Stand-Up Comedy Show. Als wäre alles nur ein schlechter Witz. Den wir hinter uns lassen könnten, kaum, dass wir das Theater verlassen.

Leider können wir in der Realität nicht der Comedy entkommen. Was uns Menschen auf diesem Erdball jeden Tag beim Einschalten der Nachrichten wieder aufs Neue bewusst wird. Und so wird es wohl bleiben, zumindest noch die nächsten 2 ½ Jahre…

Ein Abend mit viel Witz und Humor – gute Unterhaltung mit realem, politischen Hintergrund.

„Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek
Deutsches Theater Berlin

Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Hass, Kostüme: Anja Rabes
Mit Marcel Kohler, Linn Reusse, Holger Stockhaus, Anja Schneider, Bozidar Kocevski

Holger Stockhaus, Marcel Kohler, „Am Königsweg“, Deutsches Theater Berlin, Foto: Andreas Wilcke

english text

„Am Königsweg“ at Deutsche Theater Berlin
By Holger Jacobs
May 1, 2018
Director Stephan Kimmig stages Elfriede Jelinek’s answer to the election of Donald Trump.
Background 1
On Election Night, when Donald Trump’s victory as the 45th President of the United States of America became clear, Nobel Prize laureate Elfriede Jelinek sat down at the desk and began to write her new play. Title „Am Königsweg“. Four months later, in March 2017, a first reading of the unfinished drama took place in the Segal Theater Center in New York – just a few steps from the Trump Tower. On October 28, 2017, the world premiere took place in the Hamburger Schauspielhaus under the direction of Falk Richter. Kultur24 reported.
Background 2
Why a person like Donald Trump was elected president of the most powerful country in the world on November 8, 2016 remains a mystery forever. Various conspiracy theories circulate: For example: Vladimir Putin, who has manipulated the voters with targeted Internet attacks or the FBI, which published just a few days before the election new e-mail irregularities in opponent Hillary Clinton.
Elfriede Jelinek writes in her drama „Am Königsweg“: „Life is inexplicable, they have chosen and do not know whom they have chosen, even though they know they have chosen.“
But one thing is clear: nationalism, populism, fueling fears, separation from others and retreating into own borders – all that we hoped to overcome after World War II is suddenly reappeared not only in America but also in many other European countries.
Story
There is no stringent story. The 95-page book is a series of different statements on specific topics, such as blindness, violence, King and Kings Road, Medea and Elektra, Miss Piggy and Kermit, the city of Thebes, the seer, the thinker, world view and future.

Critics
The evening begins with a stage show of a mediocre comedian and magician (Holger Stockhaus). He shows his bad tricks in front of an oversized kitchen, which will serve as background for the next 2 hours. From time to time, a man dressed in gold and wearing a golden laurel wreath (Bozidar Kocevski) comes out of one of the kitchen cupboards, says a few words and disappears back into the cupboard. Involuntarily you think of the morning tweets from the White House. Then comedian and king start preparing a meal with cheap canned sausages and a giant cucumber as a phallic symbol. Some of the ladies around me in the audience fall into laughter.
The comedian and king are joined by a man with many glasses (Marcel Kohler), who says very little and mainly observes the scene (blindness – sight – glasses). And two young ladies, blond with pink bodysuits. Each of these five characters on the stage recites text passages from the book by Elfriede Jeklinek on the topics that I have already described above. And everything has a connection to Donald Trump. Archaic masculinity, patriarchalism, recklessness, limited intelligence, crude wisdom and fake truths. And again and again the reference to the Greek tragedy – everyone should have seen it, but everyone was blind.
Thus, the topic of BLINDNESS remains the most important statement on this evening. Even as Kermit and Miss Piggy from the Muppet Show appear at the end, Miss Piggy’s eyes are closed.
Since the play „Am Königsweg“ by Elfriede Jelinek does not claim to be an usual drama, every director is allowed to seek the interpretation that he considers right. Falk Richter in Hamburg made it a public abuse, Stephan Kimmig in Berlin directed a supposedly bad stand-up comedy show. As if everything was just a bad joke. That we could leave behind, hardly that we leave the theater.
Unfortunately we can not escape comedy in reality. What people on this globe are becoming aware of each day when the news is turned on in the morning. And so it will stay, at least for the next 2 ½ years …
An evening with a lot of humor – good entertainment with a real, political background.
„Am Königsweg“ by Elfriede Jelinek
Deutsches Theater Berlin
Director: Stephan Kimmig, Stage Design: Katja Hass, Costumes: Anja Rabes
With Marcel Kohler, Linn Reusse, Holger Stockhaus, Anja Schneider, Bozidar Kocevski

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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