Bruce Springsteen im Olympiastadion Berlin

Bruce Springsteen - Olympiastadion Berlin 2016 © Markus Hage

Bruce Springsteen im Olympiastadion Berlin

 

Liebe Kulturfreunde,

als langjähriger Fan von Bruce Springsteen gab es keinen, der kompetenter gewesen wäre über die größte lebende Rocklegende zu schreiben, als mein Freund Markus Hage.

Hier sein Erlebnisbericht aus dem Berliner Olympiastadion:

 

Von Markus Hage

26.6.2016

 

Was am Sonntag Abend vor einer Woche um 19.09 Uhr unter frenetischem Jubel begann und nach 3 Stunden und 21 Minuten unter eben solchem endete, ist vielleicht immer noch mit das Beste an Liveperformance, was der Rock’n Roll zu bieten hat.

 

Bruce Springsteen & the E-Street-Band traten im Rahmen ihrer Europatournee im Berliner Olympiastadion auf und knapp 70.000 erwartungsfrohe Zuschauer erlebten eine fulminante Show des Rockstars aus New Jersey und seiner exzellenten Musiker.

 

Drei Jahre nach seinem letzten Konzert in Berlin eröffnet Springsteen mit „Adam Raised A Cain“, einem Song seines Erfolgsalbums „Darkness on the Edge of Town“ – nicht gerade ein Mitklatschsong für die Masse, aber ein Lieblingsstück der eingefleischten Fangemeinde. Und diese ist sichtlich erleichtert, den 66-Jährigen stimmlich in deutlich besserer Form vorzufinden als noch 2 Tage vorher bei seinem Münchner Konzert, wo ihm eine leichte Erkältung doch hörbar zu schaffen machte.

 

Mit dem zweiten Song „Badlands“, eine der großen alten Springsteen-Stadion-Hymnen und wunderbar geeignet, um die tagesaktuelle Begeisterungsfähigkeit des Publikums zu testen, nimmt dann die Party ihren Lauf.

 

Faszinierend und seit Jahren eigentlich fester Bestandteil jeder Springsteen-Show ist das sog. request. Dabei spaziert Springsteen wie auch jetzt in Berlin nach etwa einem Drittel der Show gutgelaunt durch die Menge und wählt aus hochgehaltenen Pappschildern der Fans, auf denen meist sehr phantasie- und liebevoll deren Wunschtitel aufgemalt sind, die nächsten Songs aus. Und das sind oft nicht mal die eigenen, sondern gerne auch Titel der „Konkurrenz“. Den Mitgliedern der E-Street-Band, selbst allesamt legendär gute Musiker, treibt das zuweilen den Angstschweiß auf die Stirn. Welcher Musiker außer Springsteen traut sich in Zeiten, in denen die meisten Künstler ihre Shows bis zum letzten „I love you“ deckungsgleich und damit austauschbar durchchoreografieren, noch solche musikalischen Risiken zu?

Bruce Springsteen, Olympiastadion Berlin, 19.06.2016 © Markus Hage

Bruce Springsteen, Olympiastadion Berlin, 19.06.2016 © Markus Hage

Gedankt wird es Springsteen in Berlin mit geradezu enthemmt freudestrahlenden Gesichtern aus der Menge, die über den riesigen und wirklich phantastischen screen, der sich über die gesamte Bühnenbreite erstreckt, in das Stadion zurückgeschickt werden.

 

Der zweite Teil des Konzerts ist – vielleicht als Folge der aktuellen politischen Situation in den Vereinigten Staaten – wie auch schon in München mit auffällig vielen sozialkritischen Songs gespickt, wie „Death to my hometown“, „Working on the Highway“ oder „American skin (41 shots)“, welcher den Tod eines Schwarzen, niedergestreckt von 41 Polizeikugeln, ins Gedächtnis ruft. Springsteen ist ja bekannt dafür, zu Zeiten des amerikanischen Wahlkampfes solche Themen einzubringen.

 

Nach mehr als zweieinhalb Stunden nähert sich dann das langgezogene Ende der Show, bemerkbar an der Aneinanderreihung von Springsteens bekanntesten Songs: „Because the night“, oft fälschlich Patti Smith zugeschrieben, das bis in die letzte Ecke von Charlottenburg wummernde „Born in the USA“ und – mit hell erleuchtetem Stadionrund – „Born to Run“, die Hymne aller Tramps und Wehmütigen.

 

Obwohl bereits 28 Songs in den Knochen, zeigt Springsteen im Anschluss, warum man für so einen Abend selbst als eingefleischter Fussballfan im Zweifel bereit wäre, auf das Endspiel der EM zu verzichten: bei dem Cover „Seven Nights to Rock“ kann selbst der Hot-Dog-Verkäufer nicht mehr an sich halten und verfällt in ungewohnte kleine Tanzschrittchen. Mit dem Klassiker „Dancing in the Dark“ wird der Traum einer jungen Frau aus dem Publikum erfüllt, die mit Springsteen tanzen, ihn küssen darf – und zum Entsetzen der anderen weiblichen Fans sogar wider geküsst wird.

 

Und dann als Abschlussnummer „Shout“, der alte Klassiker der Isley Brothers: das Publikum geht schlichtweg durch die Decke, bis in die letzte Reihe des Stadions hält es niemanden mehr auf seinem Platz und die Durchgeknallten im hinteren Bereich der Arena führen Tanzverrenkungen auf, die jeden zum Tagessieger von „Let’s Dance“ gemacht hätten. Springsteen ist ein Meister des „kommunikativen“ Unterbrechens: immer wieder setzt er den Song kurz aus, lässt sich das „shout“ von der Menge zurückwerfen und setzt dann erneut ein – man denkt, das Ganze nimmt kein Ende und man hofft es auch. Aber dann ist doch irgendwann Schluss.

 

Springsteen erscheint noch einmal auf der Bühne, allein im Scheinwerferlicht, nur mit Akustikgitarre und Mundharmonika bewaffnet – und es wird ganz still im Stadion. Ein leises, wunderbar sparsames „Thunder Road“, die Liebesgeschichte von Mary und den unerfüllbaren Träumen, beschließt den Abend und entlässt die Menge in die Nacht.

 

Ein großartiger Konzertabend ist zu Ende. Zu kritisieren bleibt nur eines: der Sound. Obwohl bekannt ist, dass das Olympiastadion schwer zu beschallen ist, klang die E-Street-Band auch dort noch nie so breiig und übersteuert. Aber Springsteen und seine Jungs haben das einfach weggespielt….

 

Bruce Springsteen, Olympiastadion Berlin, 19.06.2016 © Markus Hage

11 Bilder: Bruce Springsteen, Olympiastadion Berlin, 19.06.2016 © Markus Hage

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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