Festtage in Berlin – Premiere von Orfeo ed Euridice

Orfeo ed Euridice - Bejun Mehta, Anna Prohaska, Nadine Sierra © Holger Jacobs

Festtage in Berlin – Premiere von Orfeo ed Euridice

 

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂  (vier von fünf)

Von Holger Jacobs

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Intro:

Es ist schon viel gesagt worden über Daniel Barenboim, meistens Lobenshymnen, aber sein größter Verdienst für die Stadt Berlin ist sicher die Einführung der Festtage zu Ostern. Sicher erinnert das ein wenig an Herbert von Karajans Idee der Osterfestspiele in Salzburg, aber Barenboim gab Berlin dadurch neben den Konzerten der Berliner Philharmoniker einen weiteren Höhepunkt der klassischen Musik. Zum 20. Jubiläum der Festtage gibt es jetzt die Neuproduktion von Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“.

Handlung:

Die griechische Sage von Orpheus, der über den Tod seiner geliebten Eurydike so traurig ist, dass er mit seinem Wehklagen die Götter erweicht, ist sowohl in die Literatur wie auch in die Musikgeschichte eingeflossen. Letztes Jahr gab es die Fassung von Monteverdi, ebenfalls an der Staatsoper, inszeniert von Sasha Waltz. Meinen Bericht dazu könnt Ihr hier lesen.

Jupiter lässt Orpheus über den Liebesboten Amor ausrichten, dass dieser in die Unterwelt hinabsteigen darf. Wenn er es schafft, die Wächter des Hades mit seiner Stimme zu besänftigen, dann sei ihm erlaubt Eurydike mit sich zurück ins Leben zu führen. Einzige Bedingung: Er darf sich bei dem Gang aus dem Hades nicht zu ihr umdrehen. Gesagt, getan, nur hat Orpheus nicht mit der Reaktion seiner Eurydike gerechnet. Als er zu ihr kommt, um sie endlich mitzunehmen und sie dabei aber nicht anschaut, wirft Eurydike ihrem Mann vor sie wohl nicht mehr zu lieben. Da würde sie lieber im Elysium bleiben, als einem Mann zu folgen, der sie nicht mehr ansehen mag. Von den Bedingungen weiß sie nichts und Orpheus darf ihr auch nichts verraten. So hält es Orpheus nicht mehr aus und blickt sie an mit dem Hinweis: Dann bleibe ich ebenfalls hier mit ihr in der Hölle. Als Eurydike erwartungsgemäß ihre Kräfte verliert und sie endgültig ins Reich der Toten zu entgleiten droht, nimmt Orpheus ein Messer und will sich umbringen. Doch gerührt von so viel Leid lässt Amor Eurydike wieder erwachen und entlässt die beiden Liebenden in die Freiheit.

Kritik:

Als der große Schlussapplaus endete (die Berliner sind darin übrigens traditionell sehr verhalten) und sich die Premierengäste im Foyer zur anschließenden Feier versammelten waren nur Lobeshymnen und positive Meinungen zu hören. Manfred Lahnstein, früherer Minister unter Helmut Schmidt und extra aus Hamburg mit seiner Frau Sonja für die Premiere angereist, erklärte, dass an diesem Abend einfach alles gestimmt hätte. Sängerinnen und Sänger, Personenregie, Bühnenbild und Orchester bildeten das perfekte Ensemble. Jürgen Flimm, sichtlich gerührt ob solcher Kritik, strahlte über das ganze Gesicht. Als später noch eine Liebeserklärung vom Generalmusikdirektor und Dirigenten des Abends, Daniel Barenboim, an seinen Intendanten folgte, konnte sich Jürgen Flimm nur noch stumm verbeugen. Aber die Laudatio hatte er verdient.
Zwei Dinge möchte ich besonders herausheben: Das Gesangs-Trio mit dem amerikanischen Kontertenor Bejun Mehta als Orfeo und den Sängerinnen Anna Prohaska als Euridice und Nadine Sierra als Amor harmoniert so wunderbar miteinander, dass es für Aug’ und Ohr eine Freude ist. Besonders die hohe Stimmlage des Orfeo ist für einen Sänger schwer zu meistern, doch Bejun Mehta beherrscht sie in jedem Moment. Und Anna Prohaska lässt wie immer ihren einzigartigen weiblichen Charme spielen, der der Geschichte noch einmal ein Quäntchen mehr Glaubwürdigkeit gibt. Dabei ist sie auch recht sexy angezogen, rekelt sie sich doch eine ganze Weile nur mit einem Negligé bekleidet in einem großen Bett. Die Kostüme kommen von Florence von Gerkan, der Tochter des bekannten Architekten Meinhard von Gerkan. Sein Büro Gerkan, Marg & Partner baute sowohl den Flughafen Tegel wie auch unseren neuen Berliner Hauptbahnhof.
Wo wir gerade bei Architekten sind kommen wir am Schluss meiner Rezension zum Bühnenbild: Kein geringerer als der berühmte Architekt Frank O. Gehry (Guggenheim-Museum Bilbao und Pritzker-Preis-Träger) zeichnete hierfür verantwortlich. Aber wie kam es zu der Verbindung dieses internationalen Star-Architekten mit der Berliner Oper? Ganz einfach, Gehry baut zurzeit für die neu zu entstehende Staatsoper Unter den Linden einen zusätzlichen Konzertsaal. Das Bühnenbild für „Orfeo ed Euridice“ ist im Gegensatz zu Gehrys spektakulären Bauten eher schlicht gehalten: Im ersten Akt sehen wir nur ein großes Feuer im Hintergrund und ein Bahre vorne, auf der die tote Eurydike zu Grabe getragen wird. Im zweiten besteht der Hades aus links und rechts angeordneten Eiswänden und dahinter einem Gebilde aus expressiven Farbelementen, welche stark an Kompositionen des Bauhaus erinnern. Im dritten gibt es nur einen kleinen Raum mit einem Bett und einem Röhrenfernseher.
Einziger Minuspunkt des Abends: die Choreographie von Gail Skrela für die Tänzer und den Chor wollte mir nicht so recht gefallen, da bin ich doch von Sasha Waltz etwas verwöhnt. Ansonsten nur eitel Sonnenschein. Ein schöner Beginn des Frühlungs 2016!

„Orfeo ed Euridice“ von Willibald Gluck
Staatsoper im Schillertheater
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim, Regie: Jürgen Flim, Bühne: Frank O. Gehry, Kostüme: Florence von Gerkan
Mit: Bejun Mehta (Orfeo), AnnaProhaska (Euridice), Nadine Sierra (Amor)

Nächste Vorstellungen am 23. und 27. März, am 22. und 24. Juni sowie am 1. und 3. Juli 2016

Orfeo (Bejun Mehta) hält die tote Eurydike in den Armen, "Orfeo ed Euridice" Staatsoper Berlin 2016 © Holger Jacobs

25 Bilder: Orfeo (Bejun Mehta) hält die tote Eurydike in den Armen, „Orfeo ed Euridice“ Staatsoper Berlin 2016 © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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