Pfusch an der Volksbühne Berlin

Pfusch - Volksbühne Berlin Foto: Holger Jacobs

Pfusch an der Volksbühne Berlin

Von Holger Jacobs

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27.11.2016

Intro:

Herbert Fritsch ließ an der Volksbühne Berlin noch einmal sein Genie aufblitzen – zuerst wird Klavier gespielt, dann wird gebadet.

Handlung und Kritik:

Dass es bei Ftritsch’s eigenen Stücken nicht viel Handlung gibt kennt der eingefleischte Fritschianer seit langem. Dennoch passiert immer sehr viel auf der Bühne. Langweilig wird es nie. Weder bei den früheren Stücken wie „Murmel, Murmel“, noch bei „Oper Nr. 1“ oder bei „Frau Luna“. Doch selbst wenn bei vorgenannten Stücken nur wenig Handlung vorkommt, so gibt es doch immer einen Handlungsstrang, also logisch aneinandergereihte, nachvollziehbare Aktivitäten.

Diese fallen beim letzten Stück von Herbert Fritsch an der Volksbühne auch noch weg. Der Abend erinnert an das absurde Spiel eines Kurt Schwitters – eine dadaistischen Bühnenschau. Herbert Fritsch ist mit seinem Stück „Pfusch“ noch nie so nahe an einer reinen Kunstperformance gewesen. Was nicht verwunderlich ist, da Fritsch in jungen Jahren freischaffender Künstler, Maler und Bildhauer war.

Der Abend beginnt mit einer riesigen Stahlröhre (ca. 8 Meter lang, 2 Meter im Durchmesser) aus dem nacheinander 13 verschüchtert wirkende Mädels entsteigen. 2/3 davon entpuppen sich allerdings als Männer in Frauenkleidern mit großen Perücken im Empire-Stil. Nachdem die 13 („Die Wilde 13“) mit vereinten Kräften die Röhre in verschiedene Richtungen geschoben und gedreht haben, kommen vorne an der Rampe 11 Klaviere zum Vorschein, die von den 13 einmütig besetzt und anschließend auf Kommando bespielt werden. Allerdings nur per Stakkato mit immer demselben Ton und mit verzücktem Grinsen im Gesicht.

"Pfusch" von Herbert Fritsch an der Volksbühne Berlin © Holger Jacobs

„Pfusch“ von Herbert Fritsch an der Volksbühne Berlin © Holger Jacobs

Wenn der Zuschauer denkt den Klangbrei kaum noch aushalten zu können, wird auf Kommando der Ton gewechselt. Dieser erste Teil mit verschiedenen Variationen von Klavierspiel und Röhre drehen dauert ca. 1 Stunde.

Im zweiten Teil tauchen plötzlich im Hintergrund vier Gestalten in Badehose und Badekappe auf und springen in eine Vertiefung der Bühne wie in einen Pool. Immer mehr der wilden 13 ziehen sich entsprechend um und verlagern ihre Aktivitäten rund um den Pool.

Ein besonders genialer Einfall ist, den Pool nicht mit echtem Wasser, sondern mit ca. 20 x 20 cm großen, blauen Schaumstoffwürfeln zu füllen. Der Effekt ist ähnlich einem Spassbad mit Plastikkugeln für Kinder: Du kannst Dich bedenkenlos dort hineinwerfen. Einige der 13 bleiben sogar kopfüber im Schaumstoffbad stecken.

Zum Schluss, wenn das Bad mit Hunderten von Würfeln gefüllt ist, wird ein Sprungbrett installiert und einige der 13 versuchen ihren Mut zusammen zu nehmen und zu springen. Doch nur einer wagt es und scheitert kläglich, weil die Spitze des Sprungbrettes abbricht. Hier nun endlich kommt der Titel des Abends zum tragen: es ist beim Bau gepfuscht worden….

Am Schluss stellen sich noch einmal alle Schauspieler auf die Bühne und sagen dem Publikum (nicht leise „Servus“) sondern „tschüss“. Ein unmissverständlicher Hinweis auf den Abschied von der Volksbühne. Denn Herbert Fritsch hat, wie bereits durchsickerte, bereits bei Thomas Ostermeier an der Schaubühne unterschrieben.

Das absurde Theater bleibt den Berlinern also erhalten – und das ist auch gut so!

Einen kurzen Ausschnitt als Video seht Ihr hier

Nächste Vorstellungen: 30.11., sowie am 9., 26. und 31.12.2016 (Silvestervorstellung!)

"Pfusch" von Herbert Fritsch an der Volksbühne Berlin © Holger Jacobs

26 Bilder: „Pfusch“ von Herbert Fritsch an der Volksbühne Berlin © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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