Silvesterkonzert mit Daniel Barenboim

Silvesterkonzert mit Daniel Barenboim © Holger Jacobs

Silvesterkonzert mit Daniel Barenboim

 

Von Holger Jacobs

1. Januar 2018

english text below

Erstes Silvesterkonzert nach Renovierung in der Staatsoper Unter den Linden

Der Name der Sinfonie ist so bekannt, dass jeder denkt, er hätte die Komposition schon hunderte Male gehört. In Wirklichkeit wird es viel weniger sein. Aber fragt man jemanden, egal wen, nach einem bekannten klassischen Musikstück, wird als erstes die 9. Sinfonie von Beethoven genannt. Nicht ohne Grund. Ist das Hauptthema des vierten Satzes doch 1972 vom Europarat der Europäischen Union zu seiner Hymne erklärt worden. Und die handgeschriebene Partitur zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Ludwig van Beethoven, Gemälde von Karl Stieler von ca. 1820

An einem regnerisch-trüben Silvesterabend komme ich um 18.00 Uhr mit dem Taxi zur neu renovierten Staatsoper Unter den Linden. Hell erleuchtet strahlt sie über den großen Boulevard hinweg. Kaum, dass ich eingetreten bin, fällt neben dem üblichen Gewusel der Menschen auf, wie doch relativ eng es in den Räumen und Gängen der Oper zugeht. Ursprünglich war das Opernhaus von Friedrich dem Großen und seinem Architekten Knobelsdorff im Jahre 1745 wohl für deutlich weniger Zuschauer konzipiert worden.

Die Königliche Hofoper von Friedrich dem Großen, 1745 © Bundesarchiv

So wird es denn schon eng, wenn in den Wandelgängen des ersten, zweiten oder dritten Ranges nur 5 Menschen nebeneinanderstehen. Und vor den zwei Garderoben, die sich einzig im Souterrain befinden, bilden sich lange Schlangen. Denn es gibt nicht, wie früher im Schillertheater, noch zusätzliche Garderoben im 1. Obergeschoss. Und wenn nach der Mantelabgabe die Gäste zu ihren Rängen wollen, müssen sie sich über zwei schmale Treppen (ca. 2 Meter breit) nach oben winden. Wehe, einer muss mal wieder zurück, weil er etwas vergessen hat…

Einzig der wunderschöne Apollosaal im ersten Obergeschoss zeigt eine gewisse Großzügigkeit. Er dient als Foyer und Aufenthaltsraum in den Pausen. Mit Getränke – und Snackbar. Und einer Möglichkeit, auf den großen Balkon zur Straße Unter den Linden zu gehen. Am Silvesterabend war dieser leider verschlossen, man hatte wohl Angst, ein Böller könnte in die Oper schießen.

Bautechnisch hat die Lindenoper, wie sie auch gerne genannt wird, eine ähnlich wechselvolle Geschichte hinter sich, wie das Berliner Schloss. In seiner 275-jährigen Geschichte wurde die Oper mehrmals verändert, vergrößert und umgebaut. Das erste Mal 1843 nach einem verheerenden Brand, bei dem nur noch die Grundmauern stehen blieben. Die Neukonstruktion, durchgeführt vom Architekten Langhans, der auch das Brandenburger Tor entworfen hat, sah jetzt vier statt drei Ränge vor.

Die Hofoper Unter den Linden, 1943

Gut ein Jahrhundert später, im Jahre 1927, wurde abermals Hand an die Oper gelegt. Der Bühnenraum wurde vergrößert und eine neue Bühnentechnik mit Schnürboden eingebaut.

Und dann kam der 2. Weltkrieg. Kaum hatte er begonnen, traf bereits im April 1941 eine Fliegerbombe das Gebäude. Hitler ließ es aber sogleich wieder aufbauen und 1942 konnte der Betrieb weitergehen. Doch kurz vor Ende des Krieges, am 3. Februar 1945, wurde das Gebäude erneut getroffen. Nur der Apollosaal blieb erhalten. Bis 1951 stand Unter den Linden nur noch eine Ruine. Zum Unterschied zum Berliner Schloss, welches hauptsächlich als politisches Relikt vergangener Zeiten angesehen wurde, zeigte die DDR mit der Oper mehr Erbarmen: Sie beauftragte den Architekten Richard Paulik mit dem Wiederaufbau. Dieser wurde, ungewöhnlich für den sozialistischen Staat, mit großem Prunk geradezu verschwenderisch betrieben. Die Ränge wurden von vier wieder auf drei reduziert. Und für die Innenraumgestaltung des großen Saales und die Ornamentik orientierte sich Paulik an Knobeldorffs Entwurf für das Schloss Sanssouci in Potsdam.

Die Staatsoper Unter den Linden, 2006 Foto: cc Andreas Fässler

Heute, am 31 Dezember 2017, erstrahlt das Gebäude im neuen Glanz. Die Renovierung des Architekten Merz hat sich überwiegend an die alten Pläne von Richard Paulik gehalten. Die Zahl der Sitzplätze wurde sogar von 1390 auf jetzt 1368 verkleinert. Dafür wurde aber der große Saal um 4 Meter angehoben, um eine bessere Akustik zu erzeugen.

Staatsoper Unter den Linden, 2017, Foto: Holger Jacobs

Der Wunsch von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim war, nicht nur Opern, sondern auch Konzerte in der Staatsoper spielen zu können. Bisher konnte man in Berlin große Konzerte mit Hundert-Mann-Orchestern nur im Konzerthaus oder in der Philharmonie durchführen. Diese sind aber häufig von anderen Orchestern besetzt. Mit der neu konzipierten Staatsoper Unter den Linden kann Barenboim jetzt mit seiner Staatskapelle am selben Abend spielen, wie z.B. Dirigent Simon Rattle mit seinen Berliner Philharmonikern, die an diesem Silvester auch ihr eigenes Silvesterkonzert in der Philharmonie gaben.

Fast schon schade, dass Barenboim gestern Abend „nur“ die 9. Sinfonie zum Besten gab. Ich wäre auch gerne noch länger in der Staatsoper verweilt. Doch die Veranstalter gehen am letzten Tag des Jahres davon aus, dass die meisten Besucher hinterher noch andere Veranstaltungen besuchen wollen.

Doch auch die 9. Sinfonie wurde zu dem Erlebnis, welches der Musikliebhaber sich an einem solchen Tag wünscht. Allein die Komposition von Ludwig van Beethoven ist dermaßen aufwühlend und energiegeladen, dass zum Schluss im Saal kein Auge trocken bleibt. Dabei ist Barenboim immer Herr der Lage. Manchmal lehnt er ganz ohne Regung ganz entstammt an der Begrenzungsstange seines Pultes und hört seinem Orchester nur aufmerksam zu. Doch sobald etwas Entscheidendes passiert, der Einsatz eines Instrumentes oder ein Crescendo, ist er plötzlich wieder und entlockt der Staatskapelle die höchsten Emotionen. Da macht es auch nichts, wenn die hübsche Bratschistin aus der 2. Reihe mal auf die Toilette muss und unauffällig verschwindet. Beim letzten und entscheidenden Satz ist sie wieder dabei und bekommt mit, wie der Chor, wie immer glänzend eingestimmt von ihrem Chorleiter Martin Wright, mit vollem Elan die „Ode an die Freude“ anstimmt.

Die Staatsoper Unter den Linden, 2017, Foto: Holger Jacobs

Überhaupt dieser letzte, vierte Satz: Wie zunächst die Bassinstrumente der Streicher (acht Kontrabass!) das Thema anspielen, gefolgt von der Viola, dann die Blasinstrumente und zu Schluss das ganze Orchester – das bringt einem schon Gänsehaut. Und dann der Einsatz des 100-Mann/ Frau Chores, der die Luft zum vibrieren bringt. Mitten hinein in das gewaltige Musikspektakel kommen jetzt die Solostimmen, dieses Mal mit Réné Pape und Simon O’Neil als Bass und Tenor und Camilla Nylund und Katrin Wundsam als Sopran bzw. Alt. Den Text dazu hatte Friedrich Schiller bereits 1786 verfasst und schon zu dieser Zeit beabsichtigte Beethoven ihn zu vertonen. Doch erst 40 Jahre später verwendete er ihn in dieser einmaligen Weise von Chorstimmen innerhalb eines sinfonischen Werkes.

Ludwig van Beethoven dirigierte die Uraufführung am 7. Mai 1824 selbst, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon völlig taub war. Seine damalige Sopranistin Caroline Unger musste ihn am Ende zum Publikum umdrehen, damit er die frenetisch klatschende Menge wahrnehmen konnte.

Wow, das neue Jahr 2018 kann kommen!

Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 9 D-Moll Op. 125
Dirigent: Daniel Barenboim
Sopran: Camilla Nylund
Alt: Katrin Wundsam
Tenor: Simon O’Neill
Bass: René Pape
Staatsopernchor und die Staatskapelle Berlin

Nächste Vorstellung am 1. Januar 2018 um 16.00 Uhr

4 photos: Die Staatskapelle Berlin, vorne v.l.n.r. Chorleiter Martin Wright, René Papa, Simon O’Neill, Daniel Barenboim, Katrin Wundsam und Camilla Nylund, Foto: Holger Jacobs

 

 english text

New Year’s Eve concert with Daniel Barenboim
By Holger Jacobs
1st of January 2018
First New Year’s Eve concert after renovation in the Staatsoper Unter den Linden
The name of the symphony is so well-known that everyone thinks he has heard the composition hundreds of times. In reality it will be much less. But if you ask somebody, no matter whom, for a well-known classical piece of music, the first to be mentioned is the Ninth Symphony by Ludwig van Beethoven. For a good reason. The main theme of the fourth movement was declared by the European Council of Europe in 1972 as its anthem. And the handwritten composition is a UNESCO World Heritage.
On a rainy, dull New Year’s Eve I arrive at 6 pm by taxi to the newly renovated Staatsoper Unter den Linden. Brightly lit, it radiates across the big boulevard. No sooner I enter the opera I notice how relatively tight are the rooms and corridors of the opera. Originally, the opera house of Friedrich the Great and its architect Knobelsdorff in 1745 was probably designed for significantly fewer spectators. In front of the two cloakrooms, which are only in the basement, form long lines. Because there are not, as formerly in the Schiller Theater, additional cloakrooms on the 1st floor. And when the guests climb up to their ranks, they must follow two narrow stairs (about 2 meters wide) upwards. Don’t go back if you have forgotten something in your coat…
Only the beautiful Apollosaal on the first floor shows a certain generosity. It serves as a foyer and lounge in the breaks. With drinks and snack bar. And the way to go to the large balcony which opens to the street Unter den Linden. On New Year’s Eve, this was unfortunately closed, they were probably afraid that fireworks could enter in the opera.
Structurally, the Linden Opera, as it is often called, has a history as varied as the Berlin Castle. In its 275-year history, the opera was changed several times, enlarged and rebuilt. The first time in 1843 after a devastating fire in which only the foundations remained. The redesign, carried out by the architect Langhans, who also designed the Brandenburg Gate, now foresees four instead of three ranks.

A good century later, in 1927, another hand was laid at the opera. The stage area has been enlarged and a new stage technology with a lacing floor installed.
And then came the 2nd World War. No sooner had he started than in April 1941 an air bomb hit the building. Hitler, however, immediately rebuilt it and in 1942 the business was able to continue. But just before the end of the war, on February 3, 1945, the building was hit again. Only the Apollosaal was preserved. Until 1951 the opera house was only a ruin. In contrast to the Berlin Castle, which was mainly regarded as a political relic of bygone times, the GDR Government showed more mercy with the opera: It commissioned the architect Richard Paulik with the reconstruction. This was, unusually for the socialist state, operated with great pomp almost wasteful. The ranks were reduced from four back to three. And for the interior design of the large hall and the ornamentation Paulik was inspired by Knobeldorff’s design for the Sanssouci Palace in Potsdam.
Today, on 31 December 2017, the building shines in new splendor. The renovation of the architect Merz has largely adhered to the old plans of Richard Paulik. The number of seats was even reduced from 1390 to 1368 now. But the big hall was raised by 4 meters for better acoustics.
The wish of General Music Director Daniel Barenboim was to be able to play not only operas, but also concerts in the State Opera. So far, concerts in Berlin with hundreds of musicians could only be performed in the Konzerthaus or in the Philharmonie. These are often occupied by other orchestras. With the newly conceived Staatsoper Unter den Linden Barenboim can now play with his Staatskapelle the same evening, as for example conductor Simon Rattle with his Berliner Philharmoniker, who also gave their own New Year’s Eve concert at the Philharmonie at the same time.
Almost a pity that last night Barenboim only gave the 9th Symphony. I would also like to stay longer in the Staatsoper. But the organizers assume on the last day of the year that most visitors want to visit other events afterwards.
But the Ninth Symphony also became the experience that the music lover desires on such a day. But the composition of Ludwig van Beethoven is so emotional and energetic that at the end of the concert no one is unimpressed. Barenboim is always the master of the situation. Sometimes he leans at the limiter of his desk and listens to his orchestra only attentively. But as soon as something decisive happens, the use of an instrument or a crescendo, he is suddenly back and elicits the highest emotions of the Staatskapelle. It does not matter if the pretty violist from the 2nd row has to go to the bathroom and disappears inconspicuously. In the final and decisive movement, she is back and sees how the chorus, as always brilliantly tuned by her director Martin Wright, sings the „Ode to Joy“.
A special moment: When the bass instruments of the strings (eight contrabass!) allude to the theme, followed by the viola, then the trumpets and finally the whole orchestra – that gives you goose bumps. And then the 100-man / woman chorus, which makes the air vibrate. In the midst of the tremendous music spectacle now come the solo voices, this time with Réné Pape and Simon O’Neil as bass and tenor and Camilla Nylund and Katrin Wundsam as soprano and alto respectively. The text of the „Ode an die Freude“ is written by Friedrich Schiller in 1786 and Beethoven intended to set it to music at that time. But only 40 years later did he use it in this unique way of choral parts within a symphonic work.
Ludwig van Beethoven himself conducted the premiere on May 7, 1824 himself, even he was already completely deaf at this time. His then-soprano Caroline Unger had to turn him to the audience in the end, so he could perceive the frenetically clapping crowd.
What a fantastic concert. The new year 2018 can come!
Ludwig van Beethoven Symphony No. 9 in D minor Op. 125
Conductor: Daniel Barenboim
Soprano: Camilla Nylund
Old: Katrin Wundsam
Tenor: Simon O’Neill
Bass: René Pape
State Opera Chorus and the Staatskapelle Berlin
Next performance on 1 January 2018 at 16.00

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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