Berlinale 2021 – Die Goldenen und Silbernen Bären

BERLINALE 2021 - A Cop Movie © Berlinale/No Ficcion/ kultur24.berlin

Berlinale 2021 – Die Goldenen und Silbernen Bären

 

Von Holger Jacobs

05.03.2021

English text

Die Goldenen und Silbernen Löwen der 71. Internationalen Filmfestspiele von Berlin sind vergeben worden.

Irgendwie war ich fast überrascht, als vor wenigen Stunden die Preise für den besten Film, beste Schauspieler und beste Regie vergeben wurden.

Dieses Jahr fühlte sich die Berlinale gar nicht wie ein richtiges Filmfest an. Während man sonst von einer zur anderen Filmvorführung läuft, mit Journalistenkollegen nach dem Film über Handlung, Kameraführung, Schauspieler und Drehbuch redet, saß man dieses Mal allein bei sich zu Hause und starrte auf seinen Desktop.

Das einzig Gute war, dass man relativ schnell den Film wieder stoppen konnte, wenn er einem nicht gefiel und auf einen anderen klicken konnte, mit der Hoffnung, der sei vielleicht besser.

Auf diese Weise sah ich gleich mehrere Filme an einem Tag, was sonst auf Grund der Entfernungen der Kinosäle und der sich manchmal überschneidenden Anfangszeiten nicht möglich gewesen wäre.

Die Preise

Auch wenn also dieses Mal kein wirkliches Festivalgefühl aufkam, bin ich doch froh, dass gerade der Film eine Auszeichnung bekam, den ich besonders geliebt habe: „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader.
Zwar bekam er nicht den Hauptpreis, aber Maren Eggert bekam für ihre Rolle als Dr. Alma Eggert den Silbernen Bären als beste Schauspielerin in einer Hauptrolle. Meine ausführliche Kritik über „Ich bin dein Mensch“ lest Ihr hier.

Wer sich wundert, dass es keinen zweiten Silbernen Bären für eine weitere männliche Hauptrolle gibt muss wissen, dass die neue Festivalleitung sich dazu entschlossen hat, künftig die schauspielerische Leistung nur noch gender-neutral zu vergeben. Es kann sich also sowohl um eine weibliche, eine männliche oder eine Rolle handeln, die man, modern ausgedrückt, als „diverse“ bezeichnen würde. Es grüßt das 21.Jahrhundert!

Dafür wurde ein Preis (Silberner Bär) für die beste Nebenrolle geschaffen (auch hier natürlich gender-neutral), den es vorher noch nicht gab. Er ging an Lilla Kizlinger in „Rengeteg – mindenhol látlak“ (Forest – I See You Everywhere) von Bence Fliegauf.

Der Preis für den besten Film und damit der Goldene Bär, ging an den rumänischen Film „Babardeală cu bucluc sau porno balamuc“ (Bad Luck Banging or Loony Porn) by Radu Jude.
Ich hatte mir den Film am Mittwoch kurz angesehen, musste aber nach 10 Minuten feststellen, dass ich ihn überhaupt nicht mochte und bin ausgestiegen. Der Film fängt mit einer expliziten Sexszene an, in der erigierte Schwänze und feuchte Muschis so zu sehen waren, wie in jedem gewöhnlichen Porno.
Leider habe ich Pornos noch nie gemocht.
Irgendwie finde ich Geschlechtsteile mir fremder Menschen, erst recht auf der Leinwand in Großaufnahme, ziemlich abstoßend und ekelhaft. Mag sein, dass der Film danach noch recht lustig wurde (er war als Komödie angekündigt), aber das hat mich dann leider nicht mehr interessiert.

Gute Sexszenen im Kino zu drehen gehört meiner Meinung nach zu den größten Herausforderungen eines Filmemachers. Gute, erotische Filme sind deshalb äußerst rar. Da muss man schon zurück zu Antonionis „The last Tango“ mit Maria Schneider und Marlon Brando gehen oder vielleicht auch „Basic Instinct“ von Paul Verhoeven aus der jüngeren Zeit. Häufig sind es auch nur einzelne Momente, die begeistern, wie die Beischlafszene in „Wenn die Gondeln Trauer“ tragen zwischen Donald Sutherland und Julie Christie. Aber bei den Sexszenen von „Bad Luck Banging or Loony Porn“ musste ich leider abschalten.

Auch die beiden Silbernen Bären für die Jury Preise an „Herrn Bachmann und seine Klasse“ von Maria Septh und „Guzen to sozo“ (Wheel of Fortune and Fantasy) von Ryusuke Hamaguchi kann ich nicht nachvollziehen.

Den „Herrn Bachmann und seine Klasse“ habe ich erst heute morgen gesehen und fand ihn einfach langweilig. Wer einen guten Schulklassen-Film sehen möchte, der sollte sich „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ von Christoph Barratier ansehen.
Da liegen qualitätsmäßig doch Welten dazwischen.

Auch von dem japanischen Film „Guzen to sozo“ (Wheel of Fortune and Fantasy) war ich enttäuscht. Da wird ewig über die Liebe geredet, über deren Verwicklungen, Zufallsbegegnungen, Wahrheit, Lüge, Verführung u.s.w.
Aber auch das geht eindeutig besser.
Auch hier sind die Franzosen Meister im Sprechen über menschliche Beziehungen und das auch noch auf unterhaltsame Weise.
Ich empfehle zu diesem Thema die Filme von Eric Rohmer, insbesondere „Pauline à la Plage“.

Den Film „Természetes fény“ (Natural Light) von Dénes Nagy, der einen Silbernen Bären für die beste Regie bekam, habe ich leider nicht gesehen.

Genauso wenig wie „Inteurodeoksyeon“ (Introduction) von Hong Sangsoo, der den Silbernen Bären für das beste Drehbuch bekam.

Gesehen habe ich aber „Una película de policías“ (A Cop Movie) von Alonso Ruizpalacios, der den Preis für eine herausragende künstlerische Leistung erhielt.
Hier war die besondere Leistung der Filmschnitt, der wirklich exzellent ist.

Bei diesem Film handelt es sich (wie schon der Titel sagt) um zwei Polizisten, die in der extrem gewalttätigen und korrupten Stadt Mexiko versuchen irgendwie zu durchzukommen. Während die Kamera ständig Einsätze der beiden zeigt, erzählen sie im Off ihre Geschichten. Warum und wie sie zur Polizei kamen, was sie bedrückt und wie sie versuchen das Beste daraus zu machen. Zwischen den Bildern der Polizeieinsätze sieht man die Protagonisten auch immer wieder direkt in die Kamera sprechen.
Klasse gemacht!

In der Kategorie BERLINALE SPECIAL habe ich mir noch den Film „Tina“ über die Pop- und Rocksängerin Tina Turner angesehen. Ein wirklich toller Dokumentarfilm, sehr berührend und natürlich mit einem berauschenden Soundtrack.
Darüber schreibe ich Euch in einem separaten Bericht!

Auch über den Film „Fabian oder Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf, ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale, werde ich Euch zu einem späteren Zeitpunkt berichten.

Ansonsten wollen wir uns jetzt mal auf den 2. Teil der diesjährigen BERLINALE 2021 freuen, wenn Anfang Juni alle Filme vor Publikum in Kinosälen gezeigt werden sollen.
Hoffen wir, dass die Corona-Lage dies zulässt.

Auf den Film, auf die Liebe und auf die Gesundheit!

Hier alle Szenenbilder der Gewinner der Goldenen und Silbernen Löwen:

8 Photos: „A COP MOVIE“ von Alonso Ruizpalacios © No Ficcion

English text

Berlinale 2021 – The award ceremony

By Holger Jacobs


05.03.2021

The Golden and Silver Lions of the 71st Berlin International Film Festival have been awarded.

Somehow I was almost surprised when a few hours ago the prizes for the best picture, best actor and best director were given.
This year the Berlinale didn’t feel like a real film festival at all. While you usually run from one screening to another, talking to fellow journalists after the movie about the plot, camera work, actors and script, this time you sat alone at your home and stared at your desktop.
The only good thing was that you could stop the movie relatively quickly if you didn’t like it and click on another with the hope that it might be better.
In this way I saw several of them in one day, which otherwise would not have been possible due to the distance between the venues and the sometimes overlapping start times.

The Awards:

Even if there was no real festival feeling this time, I am glad that the film that I especially loved received an award: “Ich bin dein Mensch“ (I am your human) by Maria Schrader. Although he did not get the main prize, Maren Eggert got the Silver Bear as best actress in a leading role in „Ich bin dein Mensch“.
You can read my detailed criticism about „Ich bin dein Mensch“ here.

Anyone wondering why there is no longer a second Silver Bear for male leading role must know that the new festival management has decided to only award the acting performance on a gender-neutral basis in the future. It can be a female, a male or a role that, in modern terms, would be called “diverse”.
Hey, we are in the 21st century!

So, to compensate a second Silver Bear was created for the best supporting role (also here, of course, gender-free), which did not exist before.
It went to Lilla Kizlinger in “Rengeteg – mindenhol látlak” (Forest – I See You Everywhere) by Bence Fliegauf.

The award for the best film and thus the Golden Bear went to the Romanian film “Babardeală cu bucluc sau porno balamuc” (Bad Luck Banging or Loony Porn) by Radu Jude.
I watched the movie briefly on Wednesday, but after 10 minutes I realized that I didn’t like it at all and got out. The film begins with an explicit sex scene in which erect cocks and wet pussies could be seen just like in any ordinary porn. Unfortunately, I’ve never liked porn. Somehow I find other people’s genitals, especially on the big screen, to be quite repulsive and disgusting. It may be that the film turned out to be quite funny afterwards (it was announced as a comedy), but unfortunately that didn’t interest me anymore.

In my opinion, shooting good sex scenes in the cinema is one of the greatest challenges for a filmmaker. Good, erotic movies are therefore extremely rare. You have to go back to Antonioni’s “The last Tango” with Maria Schneider and Marlon Brando, or maybe even more recently “Basic Instinct” by Paul Verhoeven.
Often there are only individual moments that inspire, such as the sleeping scene in “When the gondolas carry mourning between Donald Sutherland and Julie Christie.
But unfortunately I had to switch off during the sex scenes from „Bad Luck Banging or Loony Porn“.

Also I cannot follow the two Silver Bears for the jury prizes to “Mr. Bachmann und seine Klasse” by Maria Septh and “Guzen to sozo” (Wheel of Fortune and Fantasy) by Ryusuke Hamaguchi.
I saw „Mr. Bachmann and his class“ this morning and found him just boring.
If you want to see a good school class movies, you should watch “The Children of Monsieur Mathieu” by Christoph Barratier.
In terms of quality, the french film is far more exiting.
I was also disappointed with the Japanese film “Guzen to sozo” (Wheel of Fortune and Fantasy).
They always talk about love, its entanglements, chance encounters, truth, lies, seduction, etc. But that can also be done much better. The French, in particular, are masters at talking about human relationships, and in an entertaining way too.
I recommend the movies by Eric Rohmer, especially “Pauline à la Plage”.

Unfortunately, I haven’t seen the movies “Természetes fény” (Natural Light) by Dénes Nagy, which received a Silver Bear for best director.
Same for “Inteurodeoksyeon” (Introduction) by Hong Sangsoo, who received the Silver Bear for best screenplay. Sorry for that.

But I saw “Una película de policías” (A Cop Movie) by Alonso Ruizpalacios, who received the award for an outstanding artistic achievement.
The special achievement here was the editing of the movie, which is really excellent. This movie is (as the title suggests) about two police officers who somehow try to survive in the extremely violent and corrupt city of Mexico. While the camera constantly shows the two of them in action, they tell their stories off-screen. Why and how they got to the police, what bothered them and how they try to make the best of it. Between the pictures of the police operations, the protagonists can be seen repeatedly speaking directly into the camera. Well done!

In the BERLINALE SPECIAL category I watched the film “Tina” about the pop and rock singer Tina Turner. A really great documentary, very moving and of course with an intoxicating soundtrack. I will write about it in a separate report!

I will also tell you about the film “Fabian or Walk to the Dogs” by Dominik Graf, also in the competition at the Berlinale, at a later date.

Now we want to look forward to the 2nd part of this year’s BERLINALE 2021, when all movies are to be shown in front of an audience in cinemas at the beginning of June. Let’s hope that the Corona situation allows this.

Here some stills from the awarded movies:

„A COP MOVIE“ von Alonso Ruizpalacios © No Ficcion

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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