Berlinale 2021 – Fabian oder der Gang vor die Hunde

FABIAN oder der Gang vor die Hunde - Foto: Hanno Lentz © Lupa Film

Berlinale 2021 – Fabian oder der Gang vor die Hunde

 

Von Holger Jacobs

07.03.2021

English text

Eine bemerkenswerte Verfilmung eines der schönsten Romane seiner Zeit.

Erich Kästners Buch „Fabian“ aus dem Jahr 1931 ist eine ganz wunderbare Geschichte und jedem Literaturfreund wärmstens zu empfehlen.
In seiner unnachahmlichen Weise, Melancholisches, Fröhliches und Entsetzliches mehr oder weniger direkt miteinander zu verbinden, erzählt er hier sehr autobiografisch das Leben eines jungen Intellektuellen im wilden Berlin der 20er Jahre kurz vor der Machtergreifung Hitlers.

Die Faszination dieses Buches geht sowohl von der Geschichte als solche aus, als auch von der treffsicheren Beschreibung dieser verrückten Zeit, in die der Protagonist damals hinein-, wenn nicht sogar aufgesogen wurde.

Erich Kästner 1930 CC Grete Kollnier

Man sollte wissen, dass sich Erich Kästner Anfang der 1930er Jahre schon als bekannter Schriftsteller in Deutschland etabliert hatte.
Sein Kinderbuch „Emil und die Detektive“ war 1929 erschienen und hatte einen immensen Erfolg. Bereits 1931 wurde der Roman verfilmt.
Kästner bewegte sich zu dieser Zeit in den angesagten Kreisen der Bohemiens in Berlins und dürfte auch die Berliner Halbwelt mit ihren verruchten Bars und Cabarets gut gekannt haben.

Sein dritter Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ hatte etwas mehr Startschwierigkeiten.
Bereits in der Entstehungsphase musste er auf Drängen des Herausgebers einige Stellen streichen oder umschreiben. Es sei zu zügellos und politisch. Auch der von Kästner gewünschte Titel „Der Gang vor die Hunde“ wurde gestrichen.
Doch selbst mit diesen Kürzungen wurde Kästner nach der Machtergreifung Hitlers als „undeutsch“ und „entartet“ diffamiert, sein Roman „Fabian“ als pornografisch bezeichnet. Der Verbrennung seiner Bücher am 10. Mai 1934 auf dem Berliner Opernplatz (heute Bebelplatz neben der Staatsoper) soll er selbst fassungslos beigewohnt haben.
Im Jahre 2013 erschien im Schweizer Atrium Verlag nun eine Romanausgabe in der Originalfassung unter dem Originaltitel „Der Gang vor die Hunde“.

Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin CC Bundesarchiv

Die Handlung

Der junge Germanist Dr. Jakob Fabian verlebt im Berlin des Jahres 1931 eine relativ unbeschwerte Zeit. Er arbeitet als Werbetexter, hat keine feste Partnerin und vergnügt sich nachts in halbseidenen Etablissements. Er ist nicht politisch, hat keine großen Ambitionen und betrachtet seine Umgebung mit einer gewissen Ironie aus der Distanz. Die hemmungslose Genusssucht dieser Zeit lehnt er zwar moralisch ab, lässt sich aber dennoch von ihr anstecken.

Alles ändert sich, als er eines Tages Cornelia kennenlernt. Die beiden verlieben sich ineinander. Leider wird ihm zur gleichen Zeit seine Arbeit gekündigt und das Leben der Liebenden steht finanziell unter einem schlechten Stern.
Als Cornelia von einem schmierigen Regisseur das Angebot bekommt, beim Film eine Rolle zu bekommen, dafür aber auch das Bett mit ihm zu teilen, greift sie zu.
„Man kommt nur aus dem Dreck heraus, wenn man selbst zu Dreck wird“, lässt Kästner Cornelia in einer Auseinandersetzung mit Fabian sagen.

Als kurz darauf auch noch Fabians bester Freund Labude (Albrecht Schuch) Selbstmord begeht, kehrt er verbittert nach Dresden in sein Elternhaus zurück. Bei einem Spaziergang ertrinkt er im Fluss, als er einen Jungen retten will, der gerade von einer Brücke gesprungen war. Fabian selbst konnte gar nicht schwimmen.

Der Film

Mittlerweile wird Erich Kästners Roman immer wieder für die Bühne adaptiert. Bereits 2015 sah ich in der Schaubühne Berlin eine bemerkenswerte Inszenierung von Regisseur Peter Kleinert mit jungen Schülern der Ernst-Busch-Schauspielschule.
Meine Rezension der Premiere an der Schaubühne findet Ihr hier.

Auch eine Verfilmungen aus dem Jahre 1980 von Regisseur Wolf Gremm gibt es unter dem Titel „Fabian“ mit Hans-Peter Hallwachs als Fabian und Silvia Janisch als Cornelia.

Jetzt hat sich der 10-fache Grimme-Preisträger Dominik Graf an das Thema gewagt. Unter dem Titel „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ drehte er einen dreistündigen Spielfilm mit einigen der besten deutschen Schauspielern der jungen Generation.

Tom Schilling („Oh Boy“, Werk ohne Autor“) spielt den Fabian, wie immer mit starker Präsenz und mit der für diese Rolle wichtigen Lässigkeit und Nonchalance.
Diese Mischung aus Gleichgültig gegenüber den Umständen der damaligen Zeit und klaren Vorstellungen über Moral und Ethik spielt er überzeugend.

Auch Saskia Rosendahl („Lore“, „Werk ohne Autor“) spielt die Cornelia durchaus gekonnt. Dennoch hat sie mir in ihrer letzten großen Rolle als Tante Elisabeth in Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ noch besser gefallen. In diesem Film über den Maler Gerhard Richter spielt übrigens Tom Schilling die Hauptrolle – Dominik Graf muss sich also diesen Film des Oscar-Preisträgers sehr genau angesehen haben, als er genau diese beiden Schauspieler auch für seinen eigenen Film engagierte. Eine gute Wahl!

Dominik Grafs „Fabian“ beginnt mit einem technischen Trick: Eine langsame Kamerafahrt (Kamera: Hanno Lentz) durch den Berliner U-Bahnhof Heidelberger Platz beginnt in unserer heutigen Zeit 2021 und endet an seinem Ausgang im Jahre 1931. Ein deutliches Zeichen des Regisseurs, wie auch das heutige Berlin große Ähnlichkeiten zur damaligen Zeit aufweist.

U-Bahnhof Heidelberger Platz CC Wikimedia

Gleich die nächste Szene zeigt Fabian (Tom Schilling) nachts an einem Ort, wo Singles sich zum Stelldichein treffen, um Sex und Erotik mit anderen Gleichgesinnten auszutauschen. Eine Art Tinder-App auf analoger Basis.
Fabian findet Frau Moll (Meret Becker) und beide landen bei ihr zu Hause, als plötzlich ihr Ehemann auftaucht und vor dem Beischlaf eine Unterschrift unter eine Art Einverständniserklärung von Fabian verlangt. Fabian zieht sich indigniert zurück. Das ist ihm dann doch etwas zu bizarr.

Der Rest des Films folgt der Handlung des Romans recht genau, was dazu führt, dass sich der Film auf ganze 3 Stunden hinzieht, so lange, wie man angeblich braucht, um das Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.
Aber für den Film ist das eindeutig zu lang. Vieles hätte man schneiden oder verdichten können, um die Spannung weiter aufrechtzuerhalten.
Weniger wäre hier mehr gewesen.

Sehr gut ist das Zeitkolorit wiedergegeben, der Zuschauer kann sich hervorragend in die 1920er Jahre hineinversetzen. Besonders gefallen hat mir dabei die Villa des Vaters seines Freundes Labude. Außen Bauhaus und Innen reinstes Art Deco – ganz wunderbar!

Bild, Kamera, Ton und Schnitt – alles passt in diesem Film von Dominik Graf zusammen und die starken schauspielerischen Leistungen machen die Geschichte auf eindringliche Weise verständlich. Ein toller Film, der nur etwas zu lang geraten ist.

Dominik Grafs „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ war in den Wettbewerb der Berlinale 2021 eingeladen worden, konnte aber keinen Preis für sich gewinnen. Trotzdem ein sehenswerter Film, der am 1. Juli 2021 in die bis dahin hoffentlich offenen Kinos kommen soll.
Und vorher natürlich zur Publikums-Berlinale in der ersten Woche im Juni dieses Jahres.

Bilderserie mit 6 Fotos aus der Filmproduktion:

6 Fotos: Tom Schilling als FABIAN in „Fabian oder der Gang vor die Hunde“, Foto: Hanno Lentz © Lupa Film

English text

 

Berlinale 2021 – „Fabian oder der Gang vor die Hunde“

 

By Holger Jacobs


07.03.2021

A remarkable film adaptation of one of the most beautiful novels of its time.

Erich Kästner’s book “Fabian” from 1931 is a wonderful story and warmly recommended to every literary fanatic. In his inimitable way of combining the melancholy, the happy and the terrible more or less directly with one another, he tells the life of a young intellectual in crazy Berlin in the 1920s shortly before Hitler came to power in a very autobiographical manner.
The fascination of this book stems from both the story as such and the accurate description of this crazy time into which the protagonist was absorbed.

Erich Kästner 1930 CC Grete Kollnier

You should know that Erich Kästner had already established himself as an outstanding writer in Germany by the early 1930s.
His children’s book „Emil and the Detectives“ was published in 1929 and was a great success.
The novel was made into a film as early as 1931.
At that time, Kästner was among the hip bohemian circles in Berlin and must have known the Berlin „demi-world“ with its wicked bars and cabarets.

His third novel “Fabian. The Story of a Moralist “had a little more starting problems.
At the urging of the editor, he already had to delete or rewrite some passages in the development phase. It seemed to be too erotic and political.
The title “The Walk to the Dogs” requested by Kästner was also deleted.
But even with these cuts, Kästner was defamed as “un-German” and “degenerate” after Hitler came to power, and his novel “Fabian” was described as pornographic.
He is said to have witnessed the burning of his books on May 10, 1934 on Berlin’s Opernplatz (today Bebelplatz next to the State Opera).
Now, in 2013, the Swiss Atrium Verlag published an edition of the novel in the original version under the original title “The Walk to the Dogs”.

Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin CC Bundesarchiv

The story:

The young Germanist Dr. Jakob Fabian had a relatively carefree time in Berlin in 1931.
He works as a copywriter, has no permanent partner and has fun at night in semi-silk establishments. He is not political, has no great ambitions and looks at his surroundings from a distance with a certain irony. Although he morally rejects the uninhibited addiction to enjoyment of this time, but he nevertheless lets himself be infected by it.

Everything changes when one day when Fabian meets Cornelia.
The two fall in love. Unfortunately, at the same time, he is fired from his job and the life of the lovers is financially in a bad condition. When Cornelia gets an offer from a filthy film director to get a role in his movie, but in the same time to be his girlfriend, she accepts. Morality is only something for those who can afford it.
“You can only get out of the mud if you become mud yourself”, Cornelia say in a dispute with Fabian.
Shortly afterwards, when Fabian’s best friend Labude committed suicide, he returned completely frustrated back to his parents‘ house in Dresden.
While walking, he drowns in a river trying to save a boy who had just jumped off a bridge.
But Fabian himself couldn’t swim.

The movie:

Erich Kästner’s novel has been adapted for the stage for several times. In 2015 I saw a remarkable production called „Fabian. Der Gang vor die Hunde“ by stage director Peter Kleinert with young students from the Ernst Busch Drama School at the Schaubühne Berlin.

There are also movie-adaptions. For example the one from 1980 by director Wolf Gremm under the title “Fabian” with Hans-Peter Hallwachs as Fabian and Silvia Janisch as Cornelia.

Now the 10-time Grimme Prize winner Dominik Graf has dared to tackle this novel. Under the title „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ he shot a three-hour feature film with some of the best German actors of the young generation.

Tom Schilling („Oh Boy“, „Never look away“) plays Fabian, as always with a strong presence and with the casualness and nonchalance that is important for this role. He plays a man who is indifferent to the circumstances, but has clear ideas about morals and ethics.

Saskia Rosendahl („Lore“, Never look away“) plays the role of Cornelia skilfully.
Nevertheless, I liked her even better in her last major role as Aunt Elisabeth in Henckel von Donnersmarck’s “Never look Away” (Werk ohne Autor). Incidentally, Tom Schilling plays the main role in this movie „Never look Away“ about the painter Gerhard Richter – so Dominik Graf must have watched this Oscar-winning film very carefully in order to engage these two actors in his own movie.

Dominik Graf’s “Fabian” begins with a technical trick: a slow tracking shot (camera: Hanno Lentz) through the Berlin underground station Heidelberger Platz begins now in 2021 and ends at its exit in 1931.
A clear sign from the director how today’s Berlin also has great similarities to that time in 1931.

U-Bahnhof Heidelberger Platz CC Wikimedia

The next scene shows Fabian at night in a place where singles meet for a rendezvous to exchange sex and eroticism with other like-minded people.
A kind of Tinder app on an analog basis.
Fabian finds Mrs. Moll (Meret Becker) and they both end up at her home when suddenly Mrs. Moll’s husband appears and asks Fabian to sign a kind of declaration of consent before they cohabit. Fabian withdraws indignantly. That’s a bit too bizarre for him.

The rest of the film follows the plot of the novel quite closely, which means that the film drags on for a full 3 hours, as long as it supposedly takes to read the book from the first to the last page.
It’s clearly too long for the movie. Much could have been cut or condensed to keep the tension going. Less would have been more here.

The ancient time is reproduced very well, the viewer can easily imagine the 1920s/ 30s. I particularly liked the villa of his best friend Labude’s father.
Bauhaus-style on the outside and the purest Art Deco on the inside – wonderful!
Image, camera, sound and editing – everything fits together in this movie by Dominik Graf and the strong acting performances make the story understandable in a haunting way. A great movie that is just a little too long.

Dominik Graf’s “Fabian or the Walk to the Dogs” had been invited to the 2021 Berlinale competition, but could not win any award.

Nonetheless, it is a movie that is well worth seeing and will be released in the cinemas on July 1st, 2021 (cinemas will hopefully be open by then).
And before that on big screen during the second part of the Berlinale in the first week of June.

Here 6 pictures of the production:

6 photos: Tom Schilling als FABIAN in „Fabian oder der Gang vor die Hunde“, Foto: Hanno Lentz © Lupa Film

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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