Die außergewöhnliche Amtseinführung von Joe Biden

Amanda Gorman - Inauguration Joe Biden © kultur24.berlin

Die außergewöhnliche Amtseinführung von Joe Biden

 

Von Holger Jacobs

21.01.2021

English text

Die Amtseinführung von Joe Biden am 20. Januar 2021 wird in die Geschichtsbücher eingehen.

Nichts an diesem Tag war wie sonst an einem normalen Tag einer Amtseinführung, welcher in dieser Form schon seit über 200 Jahren auf ähnliche Weise zelebriert wird.

Erst eine Woche zuvor standen auf den Stufen des Kapitols Tausende von gewaltbereiten Trump-Anhängern, die mit Fäusten und Stöcken in das Gebäude einzudringen versuchten, um die Wahl von Joe Biden zum 46. Präsidenten der USA zu verhindern.
Dass dieser nur 2 Monaten früher legitim in einer von allen Gerichten bestätigten Wahl gewonnen hatte, wollte der Mob nicht wahrhaben. Aufgestachelt von einem Präsidenten, der noch kurz vorher auf einer Kundgebung vor dem Weißen Haus vor Zehntausenden vor zu allem bereiten Trump-Fans in die Menge schrie: „We will all together go to he Capitol Hill and we will fight like hell“ (Wir werden gemeinsam zum Hügel des Kapitols gehen und wie in der Hölle kämpfen). Was dann geschah ist Geschichte: Der Sturm auf das Kapitol (kultur24 berichtete ausführlich).

Nur eine Woche später versammelten sich nun am selben Ort genau diejenigen, die von dem Mob beschimpft und beleidigt wurden: Joe Biden und Kamala Harris, um ihren Amtseid zu leisten als Präsident, bzw. Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten.
Mit ihnen sind coronabedingt nur ca. 1000 Gäste geladen (bei Barack Obama 2009 waren es gut 200.000 Menschen, die bis zum Lincoln Memorial standen), verteilt auf dem Rasen vor dem Gebäude mit entsprechendem Abstand.
Oben, auf dem Balkon, dem Ort der Zeremonie, standen, bzw. saßen ca. 100 Personen, darunter enge Freunde des neuen Präsidenten und seiner neuen Vizepräsidentin und drei ehemalige US-Präsidenten mit ihren Gattinnen (George W. Bush, Bill Clinton und Barack Obama).

Auch Hilary Clinton war gekommen, die mit sichtbarer Genugtuung nun der Amtseinführung des Kandidaten der demokratischen Partei beiwohnte, der es geschafft hatte, den ihr verhassten Donald Trump aus dem Amt zu jagen. Dieser Tag war auch ihr Tag.

Am Morgen, nur 3 Stunden vorher, war Donald Trump aus dem Weißen Haus verschwunden (siehe unsere Bilderserie). Er ging ganz allein (der Rest der Familie war bereits am Vortag  ausgezogen) mit seiner Frau Melania über den grünen Rasen zu dem bereitstehenden Hubschreiber, der ihn zur Andrew Airbase brachte, von wo er sich noch einmal mit der Air Force One Richtung Florida fliegen ließ.

Für einige Verwirrung sorgte der berühmte schwarze Koffer des Secret Service, in dem die Codes für die Nuklearwaffen aufbewahrt werden.
Normalerweise wird der Koffer bei der Amtsübergabe im Weißen Haus „in persona“ übergeben. Doch dazu sollte es ja nicht kommen.
Also flog der Koffer zunächst mit Donald Trump nach Florida. Um 12 Uhr mittags, zum Zeitpunkt der Amtseinführung Joe Bidens, wurden die alten Codes gelöscht und neue Codes kreiert, die dann der neugewählte Präsident am Nachmittag bei seinem Einzug ins Weiße Haus in Empfang nahm.
Ob dadurch die Nuklearmacht USA für einige Stunden ohne die Abschussmöglichkeit seiner Atomwaffen gewesen ist kann ich nicht sagen. Aber die Möglichkeit bestand.

Auf dem Balkon des Kapitols war unterdessen die Stimmung heiter bis ausgelassen und keiner wollte sich mehr mit der trübseligen Vergangenheit beschäftigen.
Das Programm wurde dann den Formalien entsprechenden zügig durchgezogen:
Zunächst sang Lady Gaga (in einer großen roten Robe inspiriert von Elsa Schiaparelli der 50er Jahre) die Nationalhymne, dann legte Kamala Harris als erste Frau seit Gründung der USA den Eid für das Amt der Vizepräsidentin ab. Danach kam R&B Sängerin Jennifer Lopez mit zwei Songs.
Und kam der entscheidende Moment:
Joseph R. Biden jr. (*1942) legte den Eid als 46. Präsidenten der USA ab.
Und zum Schluss kam ein Song des in den Vereinigten Staaten sehr bekannten Country-Sängers Garth Brooks (vielleicht als Reminiszenz an das alte, weiße Amerika).

Doch am meisten Aufmerksamkeit bekam eine erst 22-jährige Lyrikerin, Amanda Gorman!

Ihr Auftritt war das Highlight des Tages. Mit wunderbaren poetischen Worten, wie diese:
„For there is always light.
If only we’are brave
Enough to see it.
If only we’ are brave
enough to be it.“

konnte sie alle Zuschauer begeistern.

Der Auftritt dieser Studentin der Soziologie von der Harvard University in Boston war auch so bemerkenswert, weil er so unerwartet kam.
Normalerweise ist das Programm einer solchen Veranstaltung fast immer gleich: Ein paar bedeutungsschwangere Reden, ein paar große Gesangsstars des amerikanischen Showbusiness geben ihr Bestes und zwischendurch werden die Eide abgelegt.

Aber das eine 22-jährige, schick gekleidet in PRADA, so einen Impakt auf die gesamte zusehende Gemeinde hat, kommt nicht häufig vor.
Ihr Twitter Account ging innerhalb von 24 Stunden von 99.000 auf 1,2 Millionen Follower. Wie Joe Biden selbst hatte sie in jungen Jahren eine Sprachstörung und musste sich das Stottern erst langsam selbst abgewöhnen.
Für das Vortragen ihres Gedichtes übte sie tagelang laut zu Hause, wie sie einem TIMES-Reporter verriet. Wer Ihre Rede hören will, der findet sie hier auf Youtube.

Auch das Internet war natürlich voll von ihr und der Inauguration.
Einige Post auf Instagram findet Ihr hier in unserer Bilderserie:

12 Fotos: Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden © Instagram

Mit großer Spannung wurde natürlich die Rede von Joe Biden erwartet:
In seiner Rede betonte Joe Biden dann auch, wie erwartet, die Einigkeit des Landes und die Überbrückung der Gegensätze. Auseinandersetzungen sollte nicht wie Kriege geführt, sondern mit Argumenten besprochen werden. Nur ein geeintes Land ist ein starkes Land, welches die Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann. Seine Stimme erhob sich, als er wütend von den vielen Lügen der vergangenen vier Jahre sprach.
Diese Lügen hätten nur ein Ziel gehabt: Die Macht eines einzelnen Mannes zu stärken!
Besonders schön fand ich seinen Hinweis darauf, dass genau vor 108 Jahren hier am Kapitol eine Gruppe von Frauen demonstrierte, die auch für das weibliche Geschlecht in den USA ein Wahlrecht forderte. Heute, über ein Jahrhundert später, wird an dieser Stelle eine Frau im Amt der Vizepräsidentin vereidigt. Und es wird sicher nicht die letzte sein!

Endlich, ca. 4 Stunden später, durfte Joe Biden mit seiner Familie in das weiße Haus einziehen.
Vor den Stufen zur großen Pforte blieb das Ehepaar stehen, umarmte sich innig und winkte in die Kameras. Normalerweise würde hier das neue Präsidentenpaar vom alten empfangen und eine kleine Tee-Zeremonie folgen, die mit der Verabschiedung des Vorgängers am Hubschrauber endet. Doch Trump war zu diesem Zeitpunkt schon nach Florida entschwunden. Letztlich werden die Eheleute Biden sicher froh gewesen sein, dass sie Trump nicht mehr die Hand schütteln mussten.

Angeblich hat Trump Joe Biden sogar einen längeren Brief auf dem Schreibtisch im Oval Office hinterlassen.
Was da wohl drin steht? Wir wissen es nicht.
Spielt letztlich auch keine Rolle mehr.

Am Abend gab es ein glanzvolles Showprogramm (coronabedingt ohne Publikum allein vor dem Lincoln Memorial) mit Künstlern, die bei Trump alle nicht auftreten wollten: Bruce Springsteen, John Legend, Justin Timberlake und Katy Perry, moderiert von Tom Hanks. Ein gigantisches Feuerwerk bildete den Abschluss (siehe auch unsere Bilderserie weiter unten).

Ach, vielleicht noch ein Wort zum Outfit von Lady Gaga: Sie hatte sich eine große Brosche in Form eines Vogels angesteckt, der, vielleicht nicht ganz ungewollt, an den Anstecker in Form eines Spotttölpels (Mocking Jay) erinnerte, den Katniss Everdeen, gespielt von Jennifer Lawrence, in dem Fantasie-Drama „The Hunger Games“ (Die Tribute von Panem) trägt:
Eine junge Frau im Kampf gegen das Böse – und gewinnt!

Hier unsere Bilderserie mit 17 Fotos des gestrigen Tages:

17 Fotos: Lady Gaga in einem Kleid von Daniel Roseberry (Elsa Schiaparelli) mit Mocking Jay Brosche

English text

The extraordinary inauguration of Joe Biden

 

By Holger Jacobs


01/21/2021

Joe Biden’s inauguration on January 20, 2021 will go down in the history books.

Nothing on that day was like any other day of inaugurations, which has been celebrated in a similar way for over 200 years.

Just a week earlier, thousands of violent Trump supporters stood on the steps of the Capitol and tried to break into the building with fists and sticks to prevent Joe Biden from being elected as 46th President of the United States. The mob refused to admit that he had legitimately won an election confirmed by all the courts only 2 months earlier. Incited by a president who shortly before yelled at a rally in front of the White House in front of tens of thousands of Trump fans ready for anything into the crowd: „We will all together go to he Capitol Hill and we will fight like hell“ (Wir werden go to Capitol Hill together and fight like hell). What happened next is history: The attack on Capitol Hill (Kultur24 reported).

Just a week later, exactly those people who have been insulted by the mob are gathering in the same place: Joe Biden and Kamala Harris to take their oath of office as President and Vice President of the United States, respectively.
Due to the corona virus, only about 1000 guests are invited with them (at Barack Obama 2009 there were about 200,000 people who stood up at the Lincoln Memorial), seated in front of the building at a certain distance. Upstairs, on the balcony, where the ceremony took place, around 100 people stood or sat, including close friends of the new president and his new vice president and three former US presidents with their wives (George W. Bush, Bill Clinton and Barack Obama).
Hilary Clinton had also come, who now attended the inauguration of the Democratic Party candidate who had succeeded in driving the hated Donald Trump out of his office. She came with visible satisfaction. This day was her day too.

In the morning, just 3 hours before, Donald Trump had disappeared from the White House (see our picture series).
He went all alone (the rest of the family had already moved out the day before) with his wife Melania across the green lawn to the waiting helicopter who took him to Andrew Airbase, from where he was definitely the last time flown with the Air Force One to Florida .
The famous black suitcase of the Secret Service, in which the codes for the nuclear weapons are kept, caused some confusion.
Normally, the suitcase is handed over „in person“ at the meeting with the old and the new president in the White House.
But this time it won’t happen. So the suitcase first flew with Donald Trump to Florida.
At noon, at the time of Joe Biden’s inauguration, the old codes were erased and new codes created, which the newly elected President received when he entered the White House that afternoon. I cannot say whether this would have meant that the US would have been unable to launch its nuclear weapons for a few hours. But there was a possibility.

On the balcony of the Capitol, however, the mood was cheerful and no one wanted to deal with the gloomy past anymore.
The program was then carried out quickly in accordance with the formalities.
First Lady Gaga (in a large red robe inspired by Elsa Schiaparelli of the 50s) sang the national anthem.
Then Kamala Harris was the first woman since the founding of the USA to take the oath for the office of Vice President.
Then came R&B singer Jennifer Lopez with two songs.

And the decisive moment came: Joseph R. Biden jr. (* 1942) took the oath as the 46th President of the USA.
At the end there was a song by the country singer Garth Brooks, who is very famous in the United States (perhaps as a reminiscence of the old, white America).

But most of the attention was drawn to a 22-year-old poet, Amanda Gorman!
Her performance was the highlight of the day. With wonderful poetic words like this:
“For there is always light. If only we’are braveEnough to see it. If only we’re brave enough to be it. “
She was able to inspire all spectators.
This Harvard University Sociology student’s performance was also remarkable because it was so unexpected. Usually the program of such an event is almost always the same: a few meaningful speeches, a few great singing stars of American show business give their best and in between the oaths are taken.

But that a 22-year-old, smartly dressed in PRADA, has such an impact on the entire watching community, is not often. Her Twitter account went from 99,000 to 1.2 million followers within 24 hours. Like Joe Biden herself, she had a speech disorder at a young age and had to slowly get rid of stuttering herself.
To recite her poem, she practiced loudly at home for days, as she told a TIMES reporter. If you want to hear your speech, you can find it her performance here on YouTube.
The internet was of course full of her and the inauguration.
You can find some posts from Instagram here in our picture series:

16 photos: Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden © Instagram

Joe Biden’s speech was of course eagerly awaited:
In his speech, Joe Biden emphasized, as expected, the unity of the country and the bridging of differences.
Confrontations should not be waged like wars, but rather discussed with arguments. Only a united country is a strong country that can face the challenges of the future.
His voice rose as he angrily spoke of the many lies over the past four years.
These lies had only one aim: to strengthen the power of a single man!
I particularly liked his hint that exactly 108 years ago a group of women demonstrated here at the Capitol Hill, who demanded the right to vote for women in the USA. Today, more than a century later, a woman is sworn in as Vice President at this point. And she will certainly not be the last!

Finally, about 4 hours later, Joe Biden could move into the White House with his family.
The couple stopped in front of the steps to the great gate, embraced each other and waved at the cameras.
Normally, the new presidential couple would receive the old one here and a small tea ceremony would follow, ending at the helicopter saying goodbye to the previous couple.
But Trump had already disappeared to Florida at this point. But the Biden couple will certainly have been happy that the beautiful atmosphere was not spoiled by a rotten Trump.

Allegedly, Trump Joe Biden even left a long letter on the desk in the Oval Office.
What is in there? We do not know it.
At the end it doesn’t matter anymore.

In the evening there was a glamorous show program (corona-related without an audience alone in front of the Lincoln Memorial) with artists who all did not want to perform at Trump:
Bruce Springsteen, John Legend, Justin Timberlake and Katy Perry, moderated by Tom Hanks.
A gigantic fireworks completed the event (see also our series of pictures below).

Oh, maybe a last word about Lady Gaga’s outfit:
She had attached a large brooch in the shape of a bird, which, perhaps not entirely unintentionally, was reminiscent of the pin in the shape of a mocking jay,   worn by Katniss Everdeen (played by Jennifer Lawrenc) in the fantasy drama „The Hunger Games,“
A young woman fighting against the evil – and she wins!

Here is our picture series with 17 photos from yesterday at the Capitol Hill:

Lady Gaga in einem Kleid von Daniel Roseberry (Elsa Schiaparelli) mit Mocking Jay Brosche

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.