MEPHISTO von Klaus Mann im Berliner Ensemble

MEPHISTO - Berliner Ensemble, Photo: Matthias Horn

MEPHISTO von Klaus Mann im Berliner Ensemble

 

Von Marty Sennewald

23.06.2021

Ein Mephisto mit Höhen und Tiefen und einem spielfreudigen Ensemble der Ernst-Busch Schauspielschule

Premierenabend am 15.06.2021. Um sieben Uhr fällt der Vorhang. Also nicht wirklich.
Das Licht wird gedimmt; dann geht es los.
Für mich zum ersten Mal in diesem Jahr – und wenn ich ehrlich bin, ist es für mich das erste Mal seit eineinhalb Jahren. In den Gesichtern auf dem Vorplatz regt sich Vorfreude. Zumindest lassen die etwas in die breite gezogenen Augen, die über den hochgezogenen Masken hervorstechen, darauf schließen. Kunst darf wieder. Das war lange nicht so und das war lange nicht in dieser Art und Weise so. Onlineaufführungen, Spielpausen, geschlossene Häuser. Ich bin froh, dass das vorbei zu sein scheint. Und die Leute auf dem Theatervorplatz scheinen das auch so zu sehen. Es herrscht beinahe ausgelassene Stimmung, manch einer spricht seit Monaten das erste Wort mit einer Fremden.

Auf der Bühne „Mephisto“. Nach dem Roman von Klaus Mann.
In einer Fassung von Till und Chris Weinheimer. Im Ganzen ist die Adaption gelungen. Der Roman gehört nicht zu meinen liebsten Werken aus der Dynastie der Manns. Aber er besticht eben durch die Brisanz seines Themas und durch seine gefällige und bis ins Verspielte neigende Ausdrucksweise. Und beides schafft die Fassung auf die Bühne zu bringen. Die Szenenwahl ist nachvollziehbar und die schönen Stellen, die sich mir nach der Lektüre des Romans eingeprägt hatten, ich hörte sie alle auch auf der Bühne.

Die Inszenierung ist eine Kollaboration des BE mit angehenden Schauspieler*innen der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.
Regie führt Till Weinheimer. Bühnenbild und Kostüme stammen von Sibylle Gädeke. Mit seiner breiten Bar, den beweglichen Sesseln, einem Piano und einem kleinen Garderobespiegel erinnert es an die von Klaus Mann beschriebene Theaterkantine des H.K., des Hamburger Künstlertheaters.

Als das Licht schließlich erlischt, betritt der Conférencier, gespielt von Jakob Schmidt, die Bühne und führt in seiner akkurat akzentuiert und durchaus komödiantischen Art in die Begebenheiten der Geschichte ein.
Das Stück dreht sich um die zunehmende Verstrickung eines begabten Schauspielers, Hendrik Höfgens, in den politischen Apparat des nationalsozialistischen Regimes. Er macht Karriere und wird schließlich Intendant des staatlichen Schauspielhauses.
Selbstzweifel und ein unbändiger Drang nach Anerkennung und Erfolg zeichnen den Konflikt der Inszenierung aus, an dessen Ende der Protagonist Höfgens, gespielt von Dominik Hartz, wimmernd am Boden liegt.
„Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler“, klagt er und sucht zu verdrängen, dass er im nationalsozialistischen System zu einem „Clown zur Zerstreuung der Mörder“ degradiert war.

Die vier weiteren Schauspieler*innen, allesamt aus dem zweiten Studienjahr der Ernst Busch Hochschule, die Hendrik Höfgens Verfall rahmen, schlüpfen dabei jeweils in unterschiedliche Rollen, was teils gelingt und teils in eine etwas verwirrende Indifferenz führt, gerade dort, wo die Rollen in eine schwer zu überblickende Nähe fallen.
Das zeigt sich am prägnantesten bei Schauspielerin Wassilissa List, die sowohl Höfgens Kollegin Nicoletta von Niebuhr, wie auch Dora Martin, als auch Görings spätere Ehefrau Lotta Lindenthal, spielt. Die Gründe für die Verwirrung sind allerdings teils schon im Roman selbst angelegt, der sich in der Feinzeichnung der Charaktere an mancher Stelle schwer tut.

Am meisten überzeugt Jakob Schmidt, von der ersten Minute an, in seiner Rolle als Conférencier, als auch später, wenn er den narzisstischen Dichter Theophil Marder und danach Reichsminister Hermann Göring mit einiger Raffinesse und bis ins Bedrohliche neigender Ernsthaftigkeit spielt.

Unsere Bilder vom Premieren Applaus:

v.l.n.r. Lennart Preining, Johanna Asch, Jakob Schmidt, Wassilissa List, Dominik Hartz, „MEPHISTO“, Photo: Holger Jacobs

Und dennoch:
Trotz der lichten Momente, des gelungenen Bühnenbildes und der pointierten Szenenwahl, ich war ein wenig enttäuscht.
Das mag dann auch an der nicht bis in die Tiefe überzeugender schauspielerischer Leistung reichenden Darstellung der übrigen Schauspieler*innen gelegen haben, das mag an dieser ohnehin schwierig zu besetzenden Rolle eines Hendrik Höfgens gelegen haben.
Aber vor allem hatte noch etwas anderes, eine eigentümliche Abwesenheit, den Grund dazu gegeben.
Und zwar die Abwesenheit der Geschichte des Romans selbst. Nicht der Geschichte, die im Roman stattfindet, die war freilich auf der Bühne zu sehen, sondern der vielleicht noch spannenderen Geschichte, die der Roman in der Nachwelt selbst erlebt hatte. Vielleicht hatte ich zu große Erwartungen.
Dennoch: die brisante Skandalgeschichte, die sich um den von Klaus Mann im Jahre 1936 geschriebenen Roman Mephisto entsponnen hat, gehört nicht nur zu den kuriosesten Geschichten deutscher Nachkriegsliteratur, sie ist auch von eigentümlich gegenwärtiger Aktualität.
Und ich hatte gehofft, auf der Bühne damit konfrontiert zu werden.

Was aber war skandalöses passiert?
Zunächst muss man wissen, dass der karrieristische Schauspieler des Romans, Hendrik Höfgens, der zur Zeit der Nazidiktatur Karriere macht, nicht nur von seinem Namen her an eine deutsche Schauspielerpersönlichkeit erinnert.
Die Rede ist von Gustaf Gründgens, der mit seiner Rolle des Mephistos aus „FAUST“ von Johann Wolfgang von Goethe Weltruhm erlangte und noch heute von Bändern alter VHS-Kassetten in mancher Deutschstunde über den Bildschirm flackern dürfte.
Und man muss auch wissen, dass Gustaf Gründgens mit Klaus Manns Schwester Erika Mann verheiratet war und die beiden sich also gut kannten, wenn auch sie sich nicht gut leiden konnten.

Klaus Mann verlässt Deutschland 1933, schreibt seinen Roman im Exil und dieser wird im Nazi-Deutschland verboten.
Nach Kriegsende setzt sich Gründgens, dessen Verbindungen in die Verlags- und Kulturindustrie mehr als gut waren, dafür ein, dass der Roman von keinem großen Verlag publiziert wird.
Eine schon zugesagte Veröffentlichung eines West-Berliner Verlags wird 1949 im letzten Augenblick zurückgezogen.
Im selben Jahr begeht Klaus Mann Selbstmord.
Bemühungen um eine Veröffentlichung in Deutschland kommen ins Stocken.
Als Gustaf Gründgens 1963 stirbt, wendet sich sein Adoptivsohn Peter Gorski ans Gericht und versucht abermals ein Verbot des Romans zu erwirken.
Er beruft sich auf das Schutzrecht einer (verstorbenen) Persönlichkeit. In zweiter Instanz wird dem Verbot stattgegeben.
Am 9. Juni 1966 wird der Roman verboten.
Die Freiheit der Kunst wird dem Schutz einer Person untergeordnet, deren „schützenswerte“ Karriere maßgeblich in die Zeit der NS-Diktatur fällt.
Ein mehr als bedenkliches Urteil in der noch jungen BRD.
Und noch kurioser, dass das Verbot erst 1980 aufgehoben wurde!

Ein bedenkliches Widerspiel von Kunst und Politik.
Eine Verstrickung des Romans selbst in eben jene Problematiken und Zerwürfnisse, die im Buch aufgeworfen und verhandelt werden: Das ist ein starker Stoff.
Leider war davon bei der hiesigen Aufführung nichts zu sehen.

Doch dieses Wermutstropfens zum Trotz:
Die junge Garde von Schauspieler*innen ging mit der nötigen Frische und voller Enthusiasmus auf die Bühne und ließ den Abend so zu einem bereichernden und lohnenswerten Besuch werden.
Allen voran blieb mir der Schauspieler Jakob Schmidt im Gedächtnis, den bei künftigen Inszenierungen zu sehen ich mich schon freue.

„MEPHISTO“ nach dem Roman von Klaus Mann
Berliner Ensemble, Theater am Schiffbauer Damm
Regie: Till Weinheimer, Bühne und Kostüme: Sibylle Gedenke, Musik: Chris Weinheimer.
Mit: Dominik Hartz (Hendrik Höfgen), Jakob Schmidt (Theophil Marder, Herrman Göring, Conférencier), Johanna Asch (Juliette, Barbara Bruckner), Wassilissa List (Lotte Lindenthal, Rora Martin, Nicoletta von Niebuhr), Lennart Preining (Otto Ulrichs, Hans Niklas).

Unsere Bilderserie mit 7 Fotos der Theaterproduktion:

7 Photos: Jakob Schmidt, „MEPHISTO“, Berliner Ensemble, Photo: Matthias Horn

 

Marty Sennewald

Author: Marty Sennewald

Marty Sennewald promoviert zurzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach „vergleichende Literaturwissenschaft“. 

Daneben ist er als freiberuflicher Schriftsteller und Musiker tätig, lebt und arbeitet in Berlin.“

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