SIEGFRIED in der Staatsoper Unter den Linden

Siegfried - Staatsoper Berlin © Kultur24.berlin

SIEGFRIED in der Staatsoper Unter den Linden

 

Von Marty Sennewald

06.10.2022

Prolog

Jahre sind ins Land gezogen. Zum einen für Wagner, der nach dem Dresdner Maiaufstand 1849 nach Zürich geflüchtet war und gerade dabei ist, sich ein neues Leben aufzubauen. Die geplante Oper über den Siegfried – nunmehr ungebunden an die Aufführungsverhältnisse in Dresden – wird umgeschrieben und erweitert. Ein Bühnenfestspiel über vier Abende schwebt ihm vor. Der Ring des Nibelungen. Eine Oper, in den Turbulenzen der Revolution geschrieben, die selbst den Anspruch erheben wird, revolutionär zu sein.

Aber auch für die Heldinnen und Helden des Rings sind Jahre ins Land gegangen. Jahre, in denen der Riesenwurm Fafner geduldig wachsam über dem Rheingold schläft. Jahre, in denen Siegmund verstorben und Sieglinde in einen Feuerkreis gebannt wurde.

Der gemeinsame Sohn Siegfried wurde indes in die Obhut des listigen Zwerges Mime gegeben, wo er nunmehr zu einen stattlichen (und problematischen) jungen Mann herangewachsen war und kurz davor steht, von seiner wahren Herkunft zu erfahren. So hebt er an, der gewaltige dritte Akt des „Ring des Nibelungen“.

Siegfried, Staatsoper Berlin, Foto: Holger Jacobs

Tcherniakovs Konzept

Wagner polemisiert und stänkert gegen die Oper seiner Zeit. Er richtet sich gegen Konventionen, Kolleginnen und Kollegen und gegen Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt auf dem Gebiet der Oper. Wagner selbst war gescheitert beim Versuch eine französische Oper zu schreiben. In Paris wollte er sich nicht wohlfühlen. Nun folgen die rigorose Abkehr und die Hinwendung zur absolut deutschen Oper. Ein Novum. Nicht allein konzeptionell und musikalisch. Auch das Sujet soll der Konkurrenz den Rang ablaufen. Französische Opern, so Wagner, beziehen ihre Stoffe stets aus der Historie. Ein nur allzu vergänglicher Stoff sei das. Er wolle mehr. Das allgemein Menschliche. Das Mustergültige, das die Zeit und die Jahre überdauert. So wendet Wagner sich dem Mythos zu, liest ununterbrochen germanische Sagen und antike Dramen und findet den Stoff, den er sucht.

Dass er mit dieser Haltung selbst ein mustergültiges Beispiel seiner Zeit abgibt, darauf kommt er natürlich nicht. Es sind die Tage und Jahre des Historismus. Germanische Sagen liegen im Trend, die Rückwendung zum ewig Alten (und Wahren, wie man glaubt) ist gesamteuropäische Geisteshaltung, überall in Europa sprießen Märchenschlösser aus dem Boden.

Und heute? Heute scheint die Geschichte um den „Ring“ stellenweise kaum noch erzählbar, kaum tragbar, und will nicht recht in eine Zeit passen, die geflissentlich mit alten Residuen aufzuräumen sucht. Das ewig Alte ist uns suspekt geworden. Da erscheint der Prolet und Protz Siegfried geradezu als Inkarnation sogenannter toxischer Männlichkeit. Er tötet seinen Ziehvater, erschlägt Drachen zum Spaß und steigt unverhohlen Brünnhilde nach. Ein durch und durch problematischer Held.

Und hier kommt Tcherniakov ins Spiel. Siegfried ist eben nicht das Musterbeispiel genuin menschlicher Eigenschaften, verkörpert nicht das Ewige und Allgemeine, nein, er ist so geworden. Er ist so gemacht worden. Von der Welt, in die er hineingeboren wurde. Siegfried ist ein wirres Bündel aus Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die ihm seine Zeit, seine Umständen und Einflüsse eingebracht haben.

In Tcherniakovs Fall sind das freilich nicht die erfreulichsten Umstände. Aber eine Ahnung drängt sich mir auf, wohin diese eigenwillige Inszenierung eigentlich will. Bevor sich der Vorhang erhebt werden Szenen aus der Kindheit Siegfrieds gezeigt. Als kleiner Junge war er bereits Experimentalobjekt. Ein Leben in der Anstalt.

Stephan Rügamer, Andreas Schager, „Siegfried“, Staatsoper Berlin, Foto: Holger Jacobs

Der erste Aufzug

Stephan Rügamer verkörpert den Mime theatralisch und gewitzt. Das macht gleichermaßen Spaß zu hören und zu sehen und lässt die Aufführung – gerade in der ersten Hälfte – äußerst kurzweilig erscheinen. Siegfried protzt und prahlt. Er hat ständig eine Zigarette im Mund und die Hände in den Hosentaschen seines Trainingsanzuges. Auch diese Rolle ist mit Andreas Schager absolut überzeugend besetzt.

Im ersten Aufzug wird Nothung, das zerbrochene Schwert aus der Walküre, neu geschmiedet. Und siehe da, der requisitenscheue Tcherniakov lässt tatsächlich hie und da den Schaft eines Schwertes aufblitzen. Wenn er auch in der entscheidenden letzten Szene des ersten Aufzuges wieder zurückrudert und dem Publikum das fertige Schwert verweigert. Stattdessen geht ein Licht im Hinterzimmer an und der Wanderer Wotan ist zu sehen: streng und gefällig überwacht er das Geschehen. Licht aus.

Johannes Martin Kränzle, Michael Volle, „Siegfried“, Staatsoper Berlin, Foto: Holger Jacobs

Der zweite Aufzug

Der zweite Aufzug beginnt mit einem grandiosen Greisenduell. Die Götter und Zwerge sind gnadenlos gealtert. Was aus den magischen Äpfeln von Freia wurde, bleibt an dieser Stelle rätselhaft. Alberich schiebt jedenfalls einen Rollator vor sich her, der Wanderer führt weißhaarig einen Krückstock. Absolut sehenswert.

Szenenwechsel. Das eigentliche Experiment des Abends beginnt. Auf LED Bildschirmen wird das Publikum über die einzelnen Abschnitte des Vorhabens informiert. Entspannung. Versenkung in Meditation. Suche nach innerem Helfer. Konfrontation mit Gefahr. Realisierung eines unbewussten Wunsches. Das liest sich wie die Heldenreise von Joseph Campbell und führt Siegfried in den offenen Kampf mit Fafner. Hier klappt die Übersetzung in das Forschungssujet und es macht Freude, dem naiven Siegfried in seiner Verblendung zu verfolgen. Fafner ist ebenfalls Gefangener und wird in Zwangsjacke und Maulkorb von zwei grimmigen Wärtern in das Zimmer geführt und schließlich von der Leine gelassen. Der Kampf also ist echt. Die Szene erinnert an grausame Mandingo-Kämpfe. Aber der reuelose Siegfried ist sich keiner Schuld bewusst und lässt sich von einem kleinen Spielzeug-Vöglein geradewegs in die Arme von Brünnhilde treiben.

Hier unser Video-Trailer zum Siegfried:

Der dritte Aufzug

Abermals tritt Erda auf. Gesungen und gespielt von Anna Kissjudit. Und in der Zartheit ihrer Stimme liegt eine derart glaubwürdige Inszenierung der Rolle, dass es schade ist, dass gerade die Passagen mit Erda nicht recht Sinn ergeben wollen. Welche Rolle sie im Forschungszentrum einnimmt, bleibt nach wie vor fraglich und schmälert den zweifelsfreien Hörgenuss.

Vom Wanderer Wotan ins Schlaflabor geführt, legt sich Brünnhilde wartend auf die Liege. Auch sie ist Teil des miesen Versuchskomplotts, der gegen Siegfried geführt wird.

Und dann hebt das große Finale an. Die Befreiung Brünnhildes und das Eingestehen der gegenseitigen Liebe. Bis hierhin verlief der Abend kurzweilig und spannend. Jetzt wird es Dröge. Die Minuten ziehen sich und auch das Publikum wird merklich ungeduldig. Das liegt zum einen daran, dass die ganze Liebesszene von Brünnhilde (Anja Kampe) fingiert ist und folglich jedes Gefühl entbehrt. Das liegt natürlich auch an der konzeptionellen Verweigerung Wagners auch nur für einen Moment in die romantische Musikkiste zu greifen und das liegt nicht zuletzt am Libretto selbst, das wahrlich keine Sternstunde in Sachen Liebeslyrik ist.

Andreas Schager, Peter Rose, „Siegfried“, Staatsoper Berlin, Foto: Holger Jacobs

Fazit

Das der Ring entzaubert und die Handlung in ein Forschungsinstitut verlegt wurde, das hat im Rheingold zu einiger Verwirrung geführt und wollte nicht an allen Stellen passen. Im Siegfried indes wird die Idee Tcherniakovs klarer. Die Inszenierung gewinnt an Tiefe und lässt sich selbst als eine groß angelegte Versuchsanordnung sehen, in der der Versuch unternommen wird, eine uns beinahe entschwundene und vergangene Geschichte plausibel erzählbar zu machen.

Am Sonntag findet die Premierenwoche mit der Götterdämmerung ihren fulminanten Abschluss. Ob sich die offenen Fragen klären und die losen Teile der Geschichte fügen werden, bleibt abzuwarten.

„SIEGFRIED“ von Richard Wagner
Premiere am 06.10.2022
Staatsoper Unter den Linden.
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Mit: Andreas Schager (Siegfried), Michael Volle (Wotan/ Der Wanderer), Peter Rose (Fafner/ Der Lindwurm), Stephan Rügamer ( Mime), Johannes Martin Kränzle (Alberich), Anna Kissjudit (Erda), Anja Kampe (Brünnhilde), Victoria Randem (Der Waldvogel)
Staatskapelle Berlin

 

Bilderserie  mit 10 Fotos der „Siegfried“-Produktion:

Andreas Schager, Stephan Rügamer, „Siegfried“, Staatsoper Berlin, Foto: Monika Ritterhaus

Author: Marty Sennewald

Marty Sennewald promoviert zurzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach „vergleichende Literaturwissenschaft“. 

Daneben ist er als freiberuflicher Schriftsteller und Musiker tätig, lebt und arbeitet in Berlin.

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