120 Tage von Sodom – Volksbühne Berlin

Die 120 Tage von Sodom Volksbühne Berlin © Holger Jacobs

120 Tage von Sodom – Volksbühne Berlin

Wertung: 🙂 🙂 🙂     (drei von fünf möglichen)

Von Holger Jacobs

28.5.2015. Um es gleich vorne weg zu sagen: Ich habe weder das Buch gelesen noch den gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini gesehen. Nichtsdestotrotz ist Marquis de Sade ein Name, der wohl fast jedem ein Begriff ist. Leise Schauer laufen einem beim Gedanken an dieses Oeuvre den Rücken hinunter. Auch die Begriffe „Sadist“ oder schlichtweg „Sado-Maso“ weiß jeder zuzuordnen. Besonders als Jugendlicher gerne benutzt, um sich damit in einer Herrenrunde mit zotigen Witzen hervorzutun oder in Begleitung von Damen sich als etwas pervertierter Liebhaber interessant zu machen. Die Premiere an der Volksbühne Berlin war gestern Abend am 27. Mai 2015.

Hintergrund

Marquis de Sade wurde 1740 in Paris geboren und entstammte einer wohlhabenden, aristokratischen Familie. Durch eine günstige Heirat hatte er so viele finanzielle Mittel zur Verfügung, dass er nicht selber arbeiten musste und sich, neben einigen schriftstellerischen Tätigkeiten, fortan nur dem Genuss hingeben konnte. Diese wurden dann aber so ausschweifend, dass es zu mehreren Anzeigen von Frauen kam, die von Entführung, Auspeitschen, Vergewaltigung und Analverkehr berichteten. Die Anklage des letzteren Tatbestandes einer Prostituierten aus Marseille führte dann auch 1772 zur ersten Verurteilung zum Tode, dem er sich nur durch eine Flucht nach Italien entziehen konnte. Bei seiner Rückkehr 1977 wurde er sofort verhaftet und landete nach mehreren Verlegungen schließlich im berühmten Gefängnis der Bastille. Hier schrieb er auf einer Schriftrolle heimlich die „Les 120 Journées de Sodome ou l’ Ecole du Libertinage“, die wohl die Quintessence aller sexuellen und anderer Grausamkeiten darstellt, die er in seinen Fantasien bis zu diesem Zeitpunkt seines Lebens entwickelt hatte. Kurz vor dem Sturm auf die Bastille, am 14. Juli 1789, wurde er allerdings in eine Irrenanstalt verlegt, die Manuskripte galten als verschollen. Viele Jahre später tauchten sie wieder auf und wurden erstmalig 1904 ausgerechnet in Deutschland gedruckt. Heute wird der Text bei Matthes & Seitz aus Berlin verlegt.

Handlung

Vier „noble“ Herren gehen zusammen mit ihren vier Töchtern und 16 weiteren männlichen und weiblichen Jugendlichen, sowie diversen Bediensteten und Hauspersonal in ein Schloss. Kaum angekommen, verschließen sie das Anwesen und zwingen sowohl ihre Töchter wie auch die mitgereisten anderen Jugendlichen zu allen möglichen Sexualpraktiken und Perversionen. Die einzelnen Handlungsabschnitte sind in sog. „Passionen“ unterteilt mit Steigerung der Grausamkeiten bis zum Tod. Nach diesen 120 Tagen leben von den ursprünglich 46 Personen im Schloss neben den vier Herren nur noch eine Tochter und 10 Mann des Personals.

Das Theaterstück

Wie der Wunsch zustande kam, in der Volksbühne daraus ein Theaterstück zu machen, kann ich nur vermuten. Am 2. November diesen Jahres jährt sich zum 40. Mal die Ermordung des Filmemachers Pasolini, der den Film „Die 120 Tage von Sodom“ im Jahr seines Todes 1975 fertig stellte. Dieser Film ist sicherlich ebenso berühmt geworden wie das Buch selber, wurde doch vielerorts die Aufführung verboten. Zusammen mit einem Aufschrei der Kirche war der Film Mitte der siebziger Jahre ein großer Skandal.

Der österreichische Regisseure Johann Kresnik hat aus dem Ur-Text von Marquis de Sade zusammen mit dem Künstler Gottfried Helnwein und dem Schriftsteller Christoph Klimke eine Bühnenfassung erarbeitet. Kaum das man den Theatersaal betritt fällt einem die bis zur Decke der Bühne gehende Dekoration in Form einer Supermarkt-Warenauslage auf. Hochragende Regale mit allerlei Konsumgütern stapeln sich links und rechts meterhoch. Und der Abend fängt vergnüglich an: Süße Mädels in Fantasiekostümen tanzen nach modernen Rhythmen, ein Breakdancer gibt sein Bestes und überall herrscht Heiterkeit, die je unterbrochen wird, als vier Herren in Begleitung von schwarz auf nackter Haut angemalten Schergen den Raum betreten und mit einer Maschinenpistole erst einmal die Hälfte aller Anwesenden tötet. Kaum dass sich die Übriggebliebenen von dem ersten Schock erholt haben, werden sie unter dem Bühnenboden eingekerkert. Während der nun verbleibenden 1 ½ Stunden Spieldauer werden immer Einzelne oder auch Gruppen herausgeholt, um irgendwelche sexuellen Perversitäten mit den Herren zu treiben. Bei denen handelt es sich um den Abgeordneten Blangis (Roland Renner), Richter Durcet (Helmut Zhuber), Bankier Curval (Enrico Spohn), dem Bischof (Hannes Fischer) und einem Offizier namens George (Ismael Ivo). Weiterhin gibt es in diesem Spiel 2 ältere Huren ( Ilse Ritter und Inka Löwendorf), die auch als Erzählerinnen auftreten, eine Sängerin (Sarah Behrendt), sowie zahlreiches Personal, die die Aufräumarbeiten nach den Orgien besorgen oder auch mal Leichenteile wegschaffen. Während dieser Gelage und Ausschweifungen, wobei sich das Führungspersonal bei den Perversitäten gegenseitig auch nicht schont, werden von jedem ständig irgendwelche kapitalistischen und verbrecherischen Parolen geschwungen. Kresnik verlegt das Geschehen in die heutige Zeit, wobei er die Grausamkeiten der Protagonisten auf der Bühne mit den Handlungen internationaler Großkonzerne und Banken vergleicht. Ob genmanipuliertes Gemüse, Umweltverschmutzung, Abrodung der Wälder, der Finanzskandal der Banken 2008 und der massive Verkauf von Waffen an jeden, der dafür in der Welt das entsprechende Geld bietet – nichts bleibt bei Kresnik unerwähnt. Die „noblen“ Herren prahlen mit all diesen Wirtschafts-und Umweltverbrechen und erzählen, welches Vergnügen Ihnen diese Missetaten bereitet haben – und dies, während sie gleichzeitig die hier anwesenden Sklaven zu Tote foltern. Das wirkt ganz schön stark, manchmal aber auch etwas aufgesetzt. Wie bei allen Statements gilt: Sprichst Du sie zu oft, nutzen sie sich ab. Was Kresnik versucht, hat man in anderer Form schon allzu oft gesehen, vielleicht noch nicht in dieser Kombination. Trotzdem muss allen Beteiligten, besonders den Darstellern, ein großes Lob ausgesprochen werden. Man sieht, welche Kraftanstrengung nötig ist, dieses Geschehen auf die Bühne zu bringen. Sich nackt auszuziehen und sich vor großer Zuschauerzahl quälen und foltern zu lassen, fällt sicher auch dem abgebrühtesten Schauspieler nicht leicht. Die Bühne von Helnwein mit den großen Regalen ist beeindruckend und was die Maskenbildner hier leisten, kann ich nur vermuten: eine Mammutaufgabe angesichts der bis zur Unkenntlichkeit angemalten und blutverschmierten Akteure.

Die Volksbühne hat eine große Aufgabe gestemmt und dazu muss man ihr gratulieren. Ob man sich das Stück ansehen möchte, muss jeder für sich alleine entscheiden, Personen unter 18 Jahren ist der Zugang ohnehin untersagt – zu Recht. Es wird interessant zu beobachten sein, ob aus dem Stück ein Hype wird oder die übersättigte Berliner Theatergemeinde schnell wieder zur Tagesordnung übergeht…

 

120 Tage von Sodom © Holger Jacobs

35 Bilder – Die 120 Tage von Sodom © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist