„Don Giovanni“ von Mozart in der Staatsoper Berlin

DON GIOVANNI - Staatsoper Berlin - Photo: Matthias Baus

„Don Giovanni“ von Mozart in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

03.04.2022

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Die Neuinszenierung von Mozarts wohl bekanntester Oper überzeugt im modernen Gewand

Der Wunsch Daniel Barenboims war es, die drei Opern, die Wolfgang Amadeus Mozart als Komponist und Lorenzo Da Ponte als Librettist Ende des 18. Jahrhunderts zusammen erarbeitet hatten, in einer neuen Form auf die Bühne zu bringen.

Für Daniel Barenboim hat der „Don Giovanni“ eine ganz besondere Bedeutung:
War es doch bei dieser Oper, dass der ursprünglich nur als Pianist auftretende Barenboim im Jahre 1973 beim Edinburgh Festival zum ersten Mal den Taktstock schwang.

Die Wahl für die Inszenierungen aller drei Mozart-Opern fiel auf den Franzosen Vincent Huguet, den Barenboim noch als Assistent beim Regie-Meister Patrice Chereau („Jahrhundert-Ring“) kennen und schätzen gelernt hatte.
Vincent Huguet war es auch, der 2016 die Chéreau-Inszenierung ELEKTRA für die Staatsoper in Berlin einstudiert hat. Auch damals stand natürlich Daniel Barenboim am Dirigentenpult.

Staatsoper Unter den Linden, Photo: Holger Jacobs, am Abend der Premiere

Das DON JUAN Thema

Über diese delikate Thematik ausführlich zu schreiben würde den Rahmen dieser Rezension sprengen.
Nur so viel:
Sexuell attraktive Männer, denen die Frauenherzen nur so zufliegen, waren immer schon, in Literatur, Bühne und Musik, ein gern verarbeitetes Thema.
Ob es der spanische Edelmann DON JUAN war, der weitreisende und schriftstellernde GIACOMO CASANOVA oder der grausame MARQUIS DE SADE – immer ging es oder geht es um die Verführung der Frau.

Auf der Seite der Weiblichkeit kennen wir ebenfalls diesen Typus:
Die Femme Fatale, die sich als dämonische Verführerin gibt. Da in den früheren Jahrhunderten (wie im Zeitalter Mozarts) solche Frauen zumindest offiziell noch nicht existierten, war es besonders im 20. Jahrhundert im neuen Medium Film, dass solche Männer-verzehrenden Frauengestalten nur zu gerne gezeigt wurden.
Sicher am besten dargestellt von Marlene Dietrich in „Der blaue Engel“ von 1930, von Rita Hayworth in „Gilda“ von 1946 oder auch von Marilyn Monroe in „Niagara“ von 1953.

Rita Hayworth in „GILDA“ © Park Circus

Don Giovanni

Wolfgang Amadeus Mozart und sein Librettist Lorenzo Da Ponte begannen im März 1787 gemeinsam an der Arbeit zu „Don Giovanni“.
Die Uraufführung war am 29. Oktober 1787 im Prager Nationaltheater.
Auftraggeber war der reiche Prager Bürger Pasquale Bondini, der auch schon Mozarts „Le Nozze di Figaro“ erfolgreich in Prag zur Aufführung gebracht hatte. Das „Don Juan“ Thema war im 18. Jahrhundert auf den Bühnen sehr beliebt (siehe oben) und viele Komponisten erarbeiteten daraus eine Oper. Die knisternde Erotik unmoralisch agierender Personen war zu einer Zeit der Prüderie natürlich besonders gefragt.
Lorenzo Da Ponte ließ sich von der im selben Jahr aufgeführten Oper von Guiseppe Gazzangia inspirieren, dessen Text Giovanni Bertati verfasst hatte.

„Das Champagnerlied“, Max Slevogt, 1902 -cc- Wikimedia Commons

Mozart allerdings ging musikalisch ganz neue Wege. Er mischte dramatische mit lieblichen Tönen. Zwar weist er selbst sein Werk als Opera Buffa aus, dennoch ist die in d-Moll gehaltene Ouvertüre eher düster und dämonisch. Auch wäre für eine Opera Buffa die Hauptrolle eher als Tenor angelegt. Doch Don Giovanni ist ein Bariton – Tragik und Romantik in einer Stimme.
Besonders raffiniert sind auch die Tempi. Allein vierzig Mal werden sie über die gesamte Länge der Oper verändert.

Als Beispiel hätte ich Euch gerne ein Video gezeigt, wie ich es üblicherweise immer von einer Produktion mache.
Leider war es dieses Mal nicht möglich.
Deshalb hier die Ouvertüre vom Fulda Symphonie Orchester von 2005 als reine Audio-Datei (open source auf Wikimedia Commons):

Handlung

Don Giovanni ist ein Charmeur par excellence.
Gerade ist er dabei Donna Anna zu verführen, obwohl sie mit Don Ottavio bereits verlobt ist. Doch plötzlich taucht unvermutet ihr Vater, der Commendatore, auf und beide Männer geraten aneinander. Der Vater stirbt, Don Giovanni kann unerkannt entkommen.
Aber für Trübsal blasen ist für Don Giovanni keine Zeit. Bei einer Hochzeit begegnen er und sein Diener Leporello einem Hochzeitspaar, Zerlina und Masetto. Sogleich macht sich Don Giovanni an die Braut ran.
Doch da taucht Donna Elvira, Don Giovannis Ex, auf und warnt die junge Zerlina.
Um seine Chancen besser nutzen zu können organisiert Don Giovanni ein großes Fest, bei dem auch mehrere seiner Favoritinnen auftauchen.
Wieder macht er sich an Zerlina ran und beide singen die berühmte Arie „La ci darem la mano“ (Reich mir die Hand mein Leben).

Im zweiten Akt verlangt Don Giovanni von Leporello die Rollen zu tauschen, damit er unerkannt auf Frauenjagt gehen kann. Leporello aber soll sich als Don Giovanni mit Donna Elvira treffen, die trotz allem immer noch in ihren Ex verliebt ist. Doch Leporello wird erkannt und muss verschwinden.
Als sich Don Giovanni und Leporello danach treffen, taucht plötzlich der tote/ untote Commendatore auf und versammelt alle Beteiligten bei einem gemeinsamen Gastmahl, bei dem Don Giovanni wegen seiner bösen Taten zum Tode verurteilt wird.

Kritik

Schon die letzte Barenboim /Huguet Gemeinschaftsproduktion von „COSI FAN TUTTE“ im vergangenem Herbst hatte mir gut gefallen (die erste der drei, „le Nozze di Figaro“, im April 2021 zur Premiere gekommen, war wegen dem damaligen Lockdown nur als Stream zu sehen gewesen).

Auch diese Inszenierung des „Don Giovanni“ macht richtig Spaß. Besonders der erste Akt bringt viele gute Einfälle, ein interessantes Bühnenbild (Aurélie Maestre) mit einer Architektur aus Sichtbeton und witzige Kostüme aus der heutigen Zeit.

Peter Lindbergh fotografiert die Supermodels der 90er Jahre © Vogue

Die Idee von Regisseur Vincent Huguet:
Don Giovanni (Michael Volle) als Fashion Photographer auftreten zu lassen, der schon aus beruflichen Gründen nur von schönen Frauen umgeben ist und deshalb ständig den Charmeur spielen darf.
So bittet er Zerlina (Serena Saenz) nicht zum einsamen Stelldichein, sondern zum Photoshooting.
Und Donna Elvira (Elsa Dreisig) empfängt er in seinem Photostudio (siehe Bilderserie).
Dementsprechend werden bei der berühmten Register-Arie des Leporello (Riccardo Fassi) auf einer Wand dutzende hübscher Models gezeigt, alles Aufnahmen des 2019 verstorbenen Modefotografen Peter Lindbergh. Diesem aber die Attitüde eines Don Giovanni anzudichten, wäre allerdings kompletter Unsinn.
Da ich bei Peter Lindbergh Assistent war, weiß ich, dass er seinen Models nie unziemlich nachgestellt hat. Aber seine Fotografien machen sich hier natürlich äußerst gut auf der großen Bühne der Staatsoper.

Photograph Peter Lindbergh †2019 -cc- Wikimedia Commons

Die Sänger/ Sängerinnen

Liegt es an der Idee des Model Business, dass bei dieser Produktion alle Sängerinnen und Sänger besonders attraktiv aussehen?
Die blutjunge spanische Sopranistin Serena Sáenz (siehe Bilderserie), 1994 in Barcelona geboren, singt hier die Zerlina mit einem Charme und jugendlichen Werf, dass nicht nur Don Giovanni, sondern auch alle 1300 Zuschauer im Saal begeistert sind. Zumal sie eine wunderschöne, helle und klare Stimme hat, die sich auch gegen ihre etablierten Mitkonkurrentinnen behaupten kann.
Elsa Dreisig als Donna Elvira ist ebenfalls sexy und stimmlich auf höchstem Niveau, eine Freude ihr zuzuhören und zuzusehen.
Musikalisch besonders gut hat mir die slowakische Sopranistin Slávka Zámečníková als Donna Anna gefallen. Sie entstammt dem Opernstudio der Staatsoper Unter den Linden und hat wirklich eine außergewöhnliche Stimme. Und auch sie hat die Gardemaße eines Fotomodels.
Und der italienische Bass-Sänger Riccardo Fassi (Leporello), der stimmlich zwar nicht ganz mithalten konnte, dafür aber wie ein männliches Model aus einer Gucci-Werbung aussieht.
Seine oben-ohne Szene hat sicher so manches Auge im Publikum zum Leuchten gebracht (siehe Bilderserie).

Zwar nicht mit Model-Maßen gesegnet und auch nicht mehr im jugendlichen Alter der Sturm- und Drangzeit, dafür aber mit einer Stimme gesegnet, die alles überragt, ist Michael Volle als Don Giovanni.
Er passt in jeder Hinsicht perfekt in diese Rolle. Seine Bariton-Stimme hört man sicher noch in den Katakomben des ehrenwürdigen Hauses, seine Ausstrahlung und Spiel sind überzeugend und sprengen die Bühne. Besser geht’s nicht!

Daniel Barenboim als Dirigent der Staatkappelle und Generalmusikdirektor der Staatsoper ist bereits zu seinen Lebzeichen eine Legende.
Kaum, dass er den Orchestergraben betritt, jubeln die Zuschauer schon, als wäre es der Schlussapplaus. Ich bin so froh, dass ich in seiner Ära hier nach Berlin gekommen bin und ihn so viele Male sehen und hören durfte und noch darf. Er ist einfach ein Phänomen. Musikalisch und als Person. Mehr braucht man darüber nicht zu sagen.

Fazit: Eine gelungene Neuinszenierung, die besonders im 1. Akt überzeugen kann. Mit einem tollen Michael Volle und herausragendem Frauenensemble.

DON GIOVANNI von Wolfgang Amadeus Mozart
Staatsoper Unter den Linden
Premiere war am 2. April 2022
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Regie: Vincent Huguet
Bühne: Aurélie Maestre, Kostüme: Clémence Pernoud
Mit: Michael Volle (Don Giovanni), Riccardo Fassi (Leporello), Elsa Dreisig (Donna Elvira), Slávka Zámečníková (Donna Anna), Serena Sáenz (Zerlina), Bogdan Volkov (Don Ottavio), David Ostrek (Masetto), Peter Rose (Commendatore)

Nächste Vorstellungen zu den Festtagen Ostern 2022, am 10., 17. und 20. April 2022, jeweils um 19.00 Uhr

Und hier unsere Bilderschau mit 11 Fotos aus „Don Giovanni“:

Michael Volle + Serena Sáenz, DON GIOVANNI, Photo: Matthias Baus

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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