„GÖTTERDÄMMERUNG“ in der Deutschen Oper Berlin

Götterdämmerung - Deutsche Oper Berlin © kultur24.berlin

„GÖTTERDÄMMERUNG“ in der Deutschen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

Holger Jacobs

19.10.2021

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

Von Mythen und Sagen und einem Siegfried als Obelix.

Über eine Wagner-Oper zu schreiben, erst recht, wenn es um „Den Ring des Nibelungen“ geht, fällt mir nicht leicht.
Es ist schwer ein so gewaltiges Werk in den Griff zu bekommen.

Allein 16 Stunden Aufführungsdauer gilt es zu bewältigen. Nur gut, dass ich hier einzig über die „Götterdämmerung“ zu räsonieren habe, die am letzten Sonntag ihre Premiere in der Deutschen Oper feierte.
Es ist der letzte Teil einer Tetralogie, welche mit dem Tod des Helden und dem Untergang der Götterwelt endet.

Dreißig Jahre brauchte Richard Wagner (Uraufführung 1876 in Bayreuth), bis er sich durch Tausende von Seiten germanischer und griechischer Mythologie hindurchgelesen und daraus seine eigene Geschichte in vier Teilen geschrieben und komponiert hatte.

Mittepunkt von Wagners Opernzyklus ist die Nibelungensage, die von dem verstoßenen Königssohn Sigurd (Siegried) erzählt, der die Nibelungentochter Grimhild (Krimhild) heiratet und Dank seiner großen Körperkraft es schafft, Brynhild (Brünnhilde), eine mächtige Frau mit mystischen Kräften, seinem Schwager Gunnar (Gunther) gegen ihren Willen zur Ehefrau aufzuzwingen.
Aus Rache über diese Schmach bringt Brynhild den Bruder Gunnars, Hogni (Hagen), dazu, Sigurd zu töten.
Schriftliche Zeugnisse dieser nur mündlich überlieferten Erzählung aus der Zeit um 500 n.Chr. finden sich im Nibelungenlied, welches im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurde.

Die Hinwendung Richard Wagners zu dieser urgermanischen Sage (auch wenn es dieselbe Sage ebenfalls im Schwedischen gibt) findet sich sicher in der europäischen Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts, als immer mehr Menschen des deutschen Sprachraums sich eine vereinte Nation wünschten – bereits viele Jahre früher, bevor es dann 1871 Wirklichkeit werden sollte.

Richard Wagner, Fotografie von 1871, Wikimedia Commons

Was bedeutet Wagners Ring des Nibelungen für uns heute?

Die Antwort ist sehr vielschichtig.
Einmal ist die Sprache, in der der Text Wagners verfasst ist, äußert schwülstig und grammatikalisch ziemlich verwurstelt.
Es erinnert an die Satzverdrehungen, die wir von Meister Yoda aus „Starwars“ kennen. Mit frei erfundenen Worten (Nache, Norne, Tann, Weltesche u.s.w), die sicher keiner je in seinem Leben gehört, geschweige denn gelesen hat.
Auch die Geschichte selbst, die Wagner hier auf insgesamt 700 Seiten erzählt, ist so durcheinander geschrieben, dass ein klarer, geschweige denn logischer Handlungsstrang kaum zu erkennen ist.
Das macht es für Ungeübte enorm schwierig der Geschichte zu folgen. Erst Recht, wenn man nur den einen von vier Teilen sieht.

Trotzdem sind mit Vergewaltigung, Inzest, Mord, Verrat, Geldgier, Neid und Missgunst alle Tatbestände vereint, die wir heute auch in jedem Tatort-Krimi sehen können. Wagner wusste also sehr wohl, wie er sein Publikum fesseln konnte.

Problematisch erscheinen mir das ständige Erwähnen von Heldentum, untermauert mit Ausdrücken wie „Heil Siegfried!“, was ich als ziemlich unangenehm empfinde.

Das Gleiche bei der Musik: Einerseits wunderbare Melodien, andererseits ständig überhöhte Dramatik, die auf die Dauer doch etwas auf die Nerven geht. Über 4 Stunden wird man mit Posaunen und Trompeten „zugedröhnt“.

Siegfried und Brünnhilde, Otto von Richter, 1892, Wikimedia Commons

Die Neuinszenierung des Stefan Herheim

Der schwedische Regisseur hat versucht viele neue Interpretationen zu finden.
Seine schon aus der „Walküre“ (Premiere im September 2020) und aus „Rheingold“ (Premiere Juni 2021) bekannten Kofferberge und Statisten, die angeblich neuzeitliche Flüchtlinge darstellen sollen, stoßen nach wie vor auf Unverständnis.
Warum die Letzteren sich dann völlig unmotiviert ständig an- und ausziehen müssen, bleibt das Geheimnis Stefan Herheims.

Auch dieser unsägliche Flügel in der Mitte der Bühne, auf dem vergewaltigt und gemordet wird, manchmal auch Klavier gespielt, ohne dass Töne erklingen (die Tastatur ist ein Fake) und in dem die Sängerinnen und Sänger von der Bühne auf- und abgehen müssen, erscheint mir missraten.

Selbst die Kostümierung bleibt ein Rätsel. Alle Charaktere treten hier in einer Kleidung aus dem 19. Jahrhundert auf, nur Siegried muss in einem lächerlichen römisch-griechischem Outfit auftreten, dessen geflügelter Helm sehr nach Asterix und Obelix aus dem gleichnamigen Comic aussieht.
Das der „Held“ mit reichlich Übergewicht dann auch noch ungelenk umhertapst, macht die Sache nicht besser.

Entsprechend gab es viele Buhrufe am Ende für die Regie.

Ganz anders die musikalische Darbietung.
Alle großen Gesangsrollen waren hervorragend besetzt (nur Gidon Saks als Hagen war leicht indisponiert), besonders Nina Stemme als Brünnhilde konnte die schwierige Partitur glänzend meistern. Am besten gefiel mir an diesem Abend das Orchester mit Dirigent Sir Donald Runnicles. Präzise auf den Punkt mit großer Kraft kamen die Töne aus dem Orchestergraben – besser geht’s nicht!

Fazit:
Einen 6 ½ -stündigen Abend mit dieser Musik und dieser Geschichte sollten sich nur eingefleischte Wagner-Fans reinziehen. Musikalisch werden sie auf jeden Fall belohnt.

„GÖTTERDÄMMERUNG“ von Richard Wagner
Deutsche Oper Berlin
Premiere war am 17. Oktober 2021
Musikalische Leitung: Sir Donald Runnicles
Inszenierung: Stefan Herheim, Bühne: Stefan Herheim/ Silke Bauer, Kostüme: Uta Heiseke.
Mit Clay Hilley, Nina Stemme, Thomas Lehmann, Jürgen Linn, Gidon Saks, Aile Asszonyi, Okka von der Damerau, Anna Lapkovskaja, Karis Tucker.

Nächste Vorstellungen: Sonntag, 24. Oktober und Sonntag, 31. Oktober 2021.
Beginn jeweils um 16.00 Uhr!

Unsere Bilderserie mit 20 Fotos der Opernproduktion:

Götterdämmerung - Deutsche Oper Berlin - kultur24.berlin

„Götterdämmerung“, Richard Wagner, Deutsche Oper, Photo: Holger Jacobs

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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